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Autoritarismus:Donald Erdoğan bedroht die Demokratie

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan: Politik in Manier eines Sultans

(Foto: AFP)

Ein gefährlicher Cäsarismus hat die Demokratien des Westens gepackt, die Sehnsucht nach Instinkt-Typen wie Trump oder Erdoğan ist stark. Dabei lebt kluge Politik nicht von der Stärke eines Herrschers.

Recep Tayyip Erdoğan und Donald Trump sind sich vermutlich nie begegnet. Gut möglich, dass die beiden eine schlechte Meinung voneinander haben. In einem Sonnensystem kann es nur eine Sonne geben.

Gleichwohl teilen Trump und Erdoğan mehr, als die demokratische Welt ertragen kann: den erratischen Stil, einen umfassenden Machtanspruch, geringen Respekt vor Institutionen, einen nicht zu überbietenden demagogischen Trieb und paranoides Misstrauen. Trump und Erdoğan sind Instinkt-Typen mit schnellem Reflex.

Vielleicht wird man in ein paar Jahren sagen, dass den westlichen Demokraten dieser Instinkt abhandengekommen war. Vielleicht werden die Historiker feststellen, dass der Kollaps einer Werteordnung exakt um den 8. Mai 2016 besonders gut zu beobachten war, wieder ein 8. Mai also, an dem die Weltgeschichte schon einmal eine Zäsur setzte und der Menschheit die Chance gab, eine neue Ordnung zu schaffen. Das war vor 71 Jahren.

Kluge Politik lebt nicht von der Stärke eines Herrschers, sondern vom Ausgleich

Diese Ordnung nennt man gemeinhin Pax Americana, den amerikanischen Frieden, weil es die USA waren, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein internationales System schufen, das auf Recht und Regeln basieren sollte, auf dem Ausgleich von Interessen und dem Kompromiss. Weil dies keine Übung in Uneigennützigkeit war, beanspruchte Amerika die Führung in diesem System für sich selbst.

Nicht die ganze Welt konnte sich dieser Idee beugen, auch die USA sind ihr nicht immer treu geblieben. Aber wenigstens wurde eine bemerkenswert große Gruppe von Staaten infiziert von den demokratischen und liberalen Idealen und der Erkenntnis, dass Macht nie umfassend oder gar totalitär sein kann, wenn sie von Dauer sein soll. Die Europäische Union hat diese Erkenntnis in ihre Verträge übersetzt.

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Der Feind dieses Systems ist der Extremismus, und Extremisten teilen die Schwäche, dass sie nie wissen, wann sie genug haben. So erlebte der demokratische Westen in den vergangenen Monaten eine schockierende und gefährliche Verdichtung von Extremismus, von geiferndem, verschlingendem Populismus - ein Selbstbetrug, der eigentlich Stärke vorgaukelt, der aber in Zerstörung enden kann.

Trumps Botschaft ist nur ein Gefühl

Die USA und die Türkei stehen exemplarisch für diese Überforderung. Eine sehr alte und eine sehr junge Demokratie rutschen in eine möglicherweise existenzielle Bewährungsprobe.

Trump ist der Demagoge, der die Destruktion im Parteiensystem eiskalt ausnutzt und das Land in Geiselhaft nimmt, dessen Narzissmus und Bauchgefühl die perfekte Mischung bilden, um eine politisch entmündigte und weltabgewandte Wählerschicht zu hypnotisieren. Er reduziert seine Botschaft auf ein Gefühl, er gibt die perfekte Antwort auf die weitverbreitete Angst vor dem amerikanischen Abstieg: "Make America great again."

Wie? Mit wem? Zu welchem Preis? Die dümmlich provokanten Antworten des Bewerbers haben viele Wähler abgeschreckt, die Republikaner gespalten, das Land polarisiert, die Verbündeten in Angst und Schrecken versetzt und in der Welt eine begründete Sorge vor dem 8. November 2016 ausgelöst. Trumps Plutokraten-Populismus, die Vermählung von Maul und Moneten, verspricht Erfolg, weil sie vom Dreiklang aus Radikalität, Stärke und Simplizität lebt.