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Luftschlag: Bundeswehr in der Kritik:"Da schwingt Schadenfreude mit"

Deutschland habe den Ruf eines Besserwissers, sagt Politologe Dietmar Herz - deshalb werde der Luftangriff in Afghanistan von den Nato-Partnern scharf kritisiert.

Dietmar Herz ist Professor am Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre an der Universität Erfurt. Er reiste seit 2008 drei Mal nach Afghanistan, um den Einsatz der Bundeswehr und die politische Entwicklung des Landes zu untersuchen. Seine Eindrücke schilderte er in einer Reportage für das SZ-Magazin.

sueddeutsche.de: Herr Herz, welche Gefahr kann von zwei gestohlenen Tanklastwagen ausgehen, dass ein Oberst der Bundeswehr für ihre Zerstörung den Tod von mehr als 50 Menschen in Kauf nimmt?

Dietmar Herz: Tanklaster können in der Tat eine große Gefahr darstellen. Immer wieder wurden mit solchen Lkws Anschläge verübt. Bei einem solchen Attentat in Kandahar wurden 40 Menschen getötet. Dagegen muss man etwas unternehmen.

sueddeutsche.de: Das klingt nach einem "Aber".

Herz: Richtig. Der Grundsatz der Nato-Strategie lautet: Luftangriffe dürfen nur dann durchgeführt werden, wenn ausgeschlossen ist, dass dabei Zivilpersonen zu Schaden kommen. Hier sah es aber so aus, als sei diese Bedingung nicht erfüllt gewesen.

sueddeutsche.de: Das Verteidigungsministerium betont, es seien ausschließlich Taliban getötet worden.

Herz: Das halte ich für sehr, sehr unwahrscheinlich. So weit man weiß, saßen diese Tanklaster im Kundus-Fluss im Morast fest. Benzin ist in Afghanistan eine teure Ware, deshalb ist es wahrscheinlich, dass aus den umliegenden Dörfern Leute kamen, um etwas davon zu ergattern. Weil die Taliban die Wagen nicht mehr als Waffe benutzen konnten, haben sie womöglich das Benzin an die Dorfbewohner abgegeben. Das hätte ihnen einen gewissen Prestigegewinn verschafft. Vielleicht haben die Taliban aber auch die Leute gezwungen, die Wagen wieder frei zu bekommen. Die Lage ist sehr unübersichtlich. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass Zivilisten vor Ort waren, als die Flugzeuge angriffen.

sueddeutsche.de: Welche Folgen hat der Luftangriff für den Ruf der Deutschen in Afghanistan?

Herz: Die Amerikaner haben mit diesen Luftangriffen in den vergangenen Jahren viel Schaden angerichtet. Der gesamte Einsatz der Isaf wurde delegitimiert, weil dabei immer wieder Zivilpersonen getötet wurden. Jetzt bedient sich die Bundeswehr plötzlich der gleichen Methode. Für den Ruf der Deutschen ist das desaströs.

sueddeutsche.de: Folglich wird die Gefahr für Bundeswehrsoldaten nun größer, Ziel eines Anschlages zu werden.

Herz: Ja. Einen ersten Vergeltungsschlag hat es schon gegeben, weitere werden folgen. Die Strategie der Taliban ist aufgegangen: Deutschland in mehr Kämpfe zu verwickeln, den Einsatz auch im Norden zu delegitimeren, das war ihr Ziel. Durch Zufall haben sie es jetzt erreicht und können auf mehr Unterstützung in der Bevölkerung hoffen.

sueddeutsche.de: Muss die Strategie der Bundeswehr nun kurzfristig geändert werden?

Herz: Nein. Es muss sich natürlich erst zeigen, was die Untersuchungen des Vorfalls ergeben. Aber grundsätzlich halte ich es für ausreichend, sich an die Nato-Strategie zu halten. Die Zivilbevölkerung muss die oberste Priorität haben, auch wenn man dadurch den Schutz der Soldaten hintanstellt.

sueddeutsche.de: Viele Verbündete haben den Einsatz der Bundeswehr überraschend scharf kritisiert. Warum?

Herz: Deutschland steht in dem Ruf eines Besserwissers. Das Verteidigungsministerium hat immer betont, die Bundeswehr mache im Norden alles richtig, während im Süden vieles falsch gemacht werde. Jetzt haben die Taliban den Krieg im Norden intensiviert und plötzlich stehen die Deutschen vor ähnlichen Problemen wie ihre Bündnispartner. Man kann sich dem Eindruck nicht erwehren, dass in der Kritik eine gewisse Schadenfreude mitschwingt.

sueddeutsche.de: Einige Partner in der EU haben besonders harsch reagiert.

Herz: Das ist überraschend und ein schlechtes Zeichen für die Solidarität in der EU, wenn Leute wie Schwedens Außenminister Carl Bildt und Frankreichs Außenminister Bernard Kouchner so etwas sagen. Es gibt keine einheitliche Strategie der Europäer in Afghanistan, jeder verfolgt eigene Interessen. Die Kritik zeigt, welche Lücke zwischen den Partnern klafft. Es bleibt abzuwarten, wie sie ihr Afghanistan-Engagement in Zukunft gestalten werden. Was die Amerikaner angeht, ist die Kritik wohl auch ein Vorgriff auf Forderungen, die die Regierung Obama an die Deutschen nach der Bundestagswahl stellen wird.

sueddeutsche.de: Welche Forderungen erwarten Sie?

Herz: Nicht unbedingt nach mehr Truppen oder Einsätzen im Süden, aber Forderungen nach deutlich mehr Engagement. Obama will den Aufbau des Landes intensivieren, dazu gehört beispielsweise die Ausbildung der afghanischen Polizei. Da hat Europa nicht allzu viel zustande gebracht. Das lief zunächst unter deutscher Verantwortung und wurde zu einem Fiasko. Jetzt ist die EU verantwortlich und es gibt auch keine allzu großen Fortschritte. Die Amerikaner können das aber nicht alleine machen. Obama trifft auf Widerstand in den eigenen Reihen und die Bevölkerung ist kriegsmüde. Nach den Bundestagswahlen wird er Deutschland dazu auffordern, eine größere Last zu tragen.

sueddeutsche.de: Altbundeskanzler Gerhard Schröder hat einen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan bis 2015 gefordert. Soll der Einsatz am Hindukusch in sechs Jahren beendet werden?

Herz: Dieses Ziel ist in keiner Weise realistisch. Ein Datum zu nennen wäre politisch äußerst unklug, weil man den Taliban bedeuten würde, dass sie nur noch bis zu diesem Zeitpunkt ausharren müssen. Stattdessen müssen Kritierien für einen Rückzug formuliert werden. Wenn alle Bedingungen erfüllt sind, kann die Bundeswehr das Land verlassen. Das sehe ich aber noch nicht. Dazu ist die Zukunft des Landes zu ungewiss.

sueddeutsche.de: Mit Ausnahme der Linken fordert keine deutsche Partei im Bundestag den Abzug der Truppen. Wird das Thema im Wahlkampf dennoch eine Rolle spielen?

Herz: Die Debatte wird einen gewissen Einfluss haben. In der Bevölkerung ist eine klare Distanz zu diesem Einsatz zu spüren. Das kann den einen oder anderen Wähler dazu bringen, für die Linke zu stimmen. Das Problem ist, dass weder die Regierung Schröder noch die große Koalition der Bevölkerung diesen Einsatz wirklich erklärt hat. Einmal im Jahr gab es eine kurze Debatte, wenn das Mandat verlängert werden musste. Ansonsten wurde geschwiegen oder von einem Stabilisierungseinsatz gesprochen. Jetzt, da die Bundeswehr in immer mehr Kämpfe verwickelt wird, wäre es an der Zeit, ehrlich zu sagen: Wir beteiligen uns an einem Krieg. Dann könnte die Debatte ehrlich geführt werden.