Tagesprotokoll: Operation Odyssey Dawn Tripolis unter Beschuss

Britische, französische und US-Streitkräfte überfliegen die libysche Hauptstadt. Tripolis wurde von schwerem Feuer aus Flakgeschützen erschüttert und zuvor offenbar aus der Luft angegriffen. China bedauert den Militärschlag.

Alle Entwicklungen im Newsticker

Der internationale Militäreinsatz gegen Libyen ist in vollem Gange: Tripolis wird am frühen Sonntagmorgen aus der Luft angegriffen und von schwerem Feuer aus Flakgeschützen erschüttert. Die USA und Großbritannien starteten am Samstag von Kriegsschiffen und U-Booten aus Raketenangriffe auf militärische Ziele des Regimes von Machthaber Muammar al-Gaddafi. Die USA zogen alle Diplomaten aus Libyen zurück. Zudem griffen französische und britische Kampfjets in die Militäraktion ein. Gaddafi droht mit Vergeltung.

Kriegsgipfel mit Clinton (l.), Sarkozy (r.): Order zum Angreifen

(Foto: dpa)

22:33 Uhr

Die britischen, französichen und amerikanischen Luftschläge werden offenbar in den US-Hauptquartieren in Deutschland koordiniert. Das berichtet die Nachrichtenagentur AFP.

22:41 Uhr

Angesichts der Luftangriffe der internationalen Koalition auf Stellungen seiner Truppen hat der libysche Machthaber Muammar el Gaddafi mit Vergeltungsangriffen gedroht. Es würden „zivile und militärische Ziele“ im Mittelmeer angegriffen, sagte Gaddafi am Samstagabend in Tripolis. Das Mittelmeer sei zu einem „wahren Schlachtfeld“ geworden. Die Waffendepots seien geöffnet, um Libyen zu verteidigen.

23:04 Uhr

Libyens Machthaber verurteilt die Militäraktionen des Westens in seinem Land scharf. Der Mittelmeerraum und Nordafrika seien jetzt Kriegsgebiet, und ihre Interessen von nun an gefährdet. Die Länder Afrikas, aus dem arabischen Raum, Lateinamerikas und Asiens rief er auf, dem libyschen Volk im kampf gegen den Feind beizustehen.

23:12 Uhr

Gaddafi bezeichnet die Militäroperation gegen seine Truppen als "Auslöser eines zweiten Kreuzfahrerkrieges". "Das Mittelmeer wird zum Schlachtfeld werden", drohte er in einer kurzen Ton-Botschaft, die vom staatlichen libyschen Fernsehen am Abend ausgestrahlt wurde. "Das libysche Volk ist bereit, die Kreuzritter zu bekämpfen", sagt Gaddafi.

23:44 Uhr

Gaddafi ist offenbar bereit, bis zum Äußersten zu gehen: Er will Zivilisten bewaffen, um sie gegen die Alliierten in den Kampf schicken zu können.

00:20 Uhr

Nach Angaben der libyschen Staatsmedien wurden bei den Angriffen zahlreiche zivile Ziele getroffen. "Zivile Ziele in Tripolis wurden von den Angriffen der feindlichen Luftwaffe der Kreuzritter getroffen", heißt es im libyschen Staatsfernsehen. Die offizielle Nachrichtenagentur Jana zitierte einen Sprecher der libyschen Streitkräfte, dem zufolge es bei den Angriffen Verletzte gab.

00:21 Uhr

Die Luftverteidigungssysteme Libyens sind US-Kreisen zufolge durch Beschüsse schwer beschädigt worden. Noch sei jedoch nicht abzuschätzen, wie Gaddafi und seine Truppen auf die Militäraktion der Internationalen Gemeinschaft reagieren werde, hieß es in US-Sicherheitskreisen.

00:30 Uhr

Libyen fordert jetzt eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates in New York. Nach den westlichen Angriffen sei die UN-Resolution 1973 nicht länger gültig, erklärt das Außenministerium in Tripolis. Worum es konkret gehen soll, bleibt allerdings unklar. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hatte am Donnerstagabend eine Resolution verabschiedet, die es erlaubt, in Libyen eine Waffenruhe und eine Flugverbotszone "mit allen nötigen Maßnahmen" durchzusetzen.

01:19 Uhr

Aus Bengasi kommen Berichte, wonach die Rebellen wieder die Kontrolle über die Stadt haben. Die letzten Streitkräfte Gaddafis hätten die Stadt verlassen. Über die Straßen nach Osten fliehen offenbar Tausende Menschen.

01:22 Uhr

Als Reaktion auf den Beginn der Militäraktion gegen die libyschen Streitkräfte will die Führung in Tripolis die Europäische Union nicht mehr in ihrem Kampf gegen die illegale Einwanderung unterstützen. "Libyen sieht sich bei der illegalen Einwanderung nach Europa nicht mehr in der Verantwortung", zitierte das staatliche libysche Fernsehen in der Nacht zum Sonntag einen für die Sicherheit zuständigen Regierungsvertreter, ohne dessen Namen zu nennen.

01:24 Uhr

Chris McGreal, ein Reporter des britischen Guardian, der sich im Moment in Bengasi aufhält, berichtet der BBC: "Wir haben einige der Explosionen gesehen, offenbar verursacht durch ein französisches Flugzeug, das Gaddafis Panzer angegriffen hat. Obwohl die Menschen in der Stadt erleichtert sind, dass die Luftschläge nun endlich begonnen haben, gibt es auf den Straßen keine Feiern, wie sie bei der Verkündigung der UN-Resolution stattgefunden haben. Das liegt zum großen Teil daran, glaube ich, dass die Menschen fühlen, dass die Luftschläge früher hätten beginnen sollen, um den Angriff auf die Stadt, der heute stattgefunden hat, zu verhindern.

01:38 Uhr

Über der Haupstadt Tripolis wurden Schüsse zur Flugabwehr abgefeuert, wie Reuters ein Augenzeuge berichtet. Es folgten Explosionen und Maschinengewehrfeuer in der Hauptstadt.

01:45 Uhr

Truppen Gaddafis haben einem Fernsehbericht zufolge erneut Teile von Benghasi beschossen. Eine Bestätigung war zunächst nicht zu erhalten.

01:53 Uhr

Katar kündigt an, sich an der Militäraktion zu beteiligen. "Auch arabische Staaten müssen dieses Unterfangen unterstützen. Die Situation in Libyen ist nicht akzeptabel", sagt Ministerpräsident Scheich Hamad bin Dschassim al-Thani im Fernsehsender Al-Dschasira. Details nannte er nicht.

02:33 Uhr

Dem libyschen Staatsfernsehen zufolge sind bei der Militäraktion der westlichen Koalitionstruppen 48 Menschen ums Leben gekommen. 150 Personen seien verletzt worden.

02:49 Uhr

Tripolis ist am frühen Sonntagmorgen aus der Luft angegriffen worden. In der libyschen Hauptstadt ist heftiges Feuer aus Flakgeschützen zu hören gewesen. Der US-Fernsehsender CNN zeigt Aufnahmen von Leuchtspurgeschossen. Es habe Explosionen gegeben. Daraufhin habe die Flugabwehr zu schießen begonnen. Der Schusslärm habe etwa zehn Minuten gedauert, hieß es beim britischen Sender BBC.

04:15 Uhr

China äußert Bedauern über den Militäreinsatz gegen Libyen. Eine Eskalation und Todesopfer müssten vermieden werden, teilte das chinesische Außenministerium mit. Das Land sollte so schnell wie möglich seine Stabilität wiedererlangen. China hatte sich bei der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat über die Libyen-Resolution der Stimme enthalten.

05:04 Uhr

Das US-Verteidigungsministerium will sich einen Überblick über das Ausmaß der Zerstörungen verschaffen. Vizeadmiral William Gortney sagte, dies könne erst am Sonntag nach Tagesanbruch geschehen. US-Beamte sagten dem US-Fernsehsender Fox News, die Luftverteidigung des Regimes von Diktator al-Gaddafi sei schwer getroffen worden.

05:33 Uhr

BBC-Berichten zufolge sollen Gaddafis Truppen Leichen verlagern: Todesopfer der Gefechte zwischen Aufständischen und Regierungseinheiten werden an Orte gelegt, die die westliche Allianz bombadiert - um sie als Opfer des Krieges gegen den Westen hinzustellen. Dies berichtet Abdel, Arzt in der Stadt Misrata, BBC World Television.

06:08 Uhr

Auch britische Kampfflugzeuge attackieren Libyen: Mehrere Tornados der Royal Air Force feuerten Lenkflugkörper der Marke Stormshadow ab, teilte der britische Armeesprecher John Lorimer in London mit. Die Kampfjets seien bei ihrem Einsatz von der ostenglischen Luftwaffenbasis Marham gestartet und nach ihrem 4800 Kilometer langen Flug dorthin zurückgekehrt. Nach Angaben des britischen Verteidigungsministers Liam Fox flog die britische Luftwaffe damit ihre längsten Bombenangriffe seit dem Falkland-Krieg 1982. Welche Ziele die britischen Kampfflugzeuge angriffen, wollte eine Ministeriumssprecherin nicht sagen. Derzeit kreuzen auch zwei britische Fregatten, die Westminster" und die "Cumberland", vor der libyschen Küste. Mindestens 110 Marschflugkörper sollen von britischen und US-Streitkräften abgefeuert wordens sein.

06:43 Uhr

Die USA warnen Medienorganisationen davor, Journalisten nach Libyen zu senden oder dort zu belassen. Alle US-Diplomaten haben das Land verlassen, auch alle US-Bürger sollen dies laut US-Außenministerium tun.

08:01 Uhr

Drei US-Tarnkappenbomber haben nach Angaben des Fernsehsenders CBS bei dem Militäreinsatz 40 Bomben auf einen bedeutenden libyschen Flugplatz geworfen, der jedoch nicht näher identifiziert wurde. Ein Sprecher des Pentagon erklärte, ihm lägen keine Informationen über einen solchen Angriff vor.

08:05 Uhr

Westliche Staaten sorgen sich offenbar um Giftgas-Vorräte von Machthaber Muammar al-Gaddafi: Mit Überwachungssatelliten werde ein Gebäude in einem abgelegenen Ort in der libyschen Wüste beobachtet, in dem rund zehn Tonnen Senfgas in mehreren Fässern aufbewahrt würden, berichtete die "Washington Post". Die Fässer seien südlich der Stadt Sirte gelagert, wo Gaddafi geboren sein soll. Westliche Regierungsbeamte befürchten, Gaddafi könne das Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Nach Angaben der staatlichen libyschen Nachrichtenagentur Jana war auch Sirte Ziel von Luftangriffen geworden.

08:17 Uhr

Ein Al-Dschasira-Team hat den früheren libyschen Außenminister und engen Gaddafi-Verbündeten Ali Treki in einem tunesischen Luxushotel entdeckt. Dies berichtet die Onlineausgabe des Guardian. Warum er sich in Tunesien befinde, sagte er nicht - er war offenbar nur sehr empört über die Enttarnung.

08:52 Uhr

Eine Mehrheit der Deutschen befürwortet den Militäreinsatz gegen Muammar al-Gaddafi: In einer Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" gaben 62 Prozent der Befragten an, sie hielten eine Intervention für richtig. 31 Prozent sind gegen das militärische Vorgehen. Gleichzeitig befürworten 65 Prozent der Bundesbürger, dass sich die Bundeswehr nicht an den Angriffen beteiligt. 29 Prozent sprechen sich für eine deutsche Mitwirkung aus.

09:02 Uhr

Auch Russland distanziert sich vom internationalen Militäreinsatz gegen Libyen: "Wir bedauern diesen bewaffneten Einsatz im Rahmen der UN-Resolution 1973, die in Eile beschlossen wurde", teilte das Außenministerium in Moskau mit. Russland rufe zu einer baldigen Waffenruhe auf. "Das Blutvergießen muss schnell gestoppt werden, und Libyen muss schnell den Dialog aufnehmen, damit der Konflikt auf Dauer gelöst werden kann." Russland hatte sich - wie Deutschland und China - bei der Abstimmung über die Resolution für die Errichtung eines Flugverbots über Libyen im UN-Sicherheitsrat enthalten.