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Liberaler Widerstand gegen NS-Regime:Hamm baute ein Netzwerk von NS-Gegnern auf

Eine interne Aufgabenverteilung im Kreis wies Franz Sperr die Kontaktaufnahme zu Vertrauensleuten bei Wehrmacht und Polizei zu, Eduard Hamm war zuständig für Wirtschaft, Justiz und Verwaltung. Otto Geßler nahm spätestens seit 1939 Verbindungen zum Ausland auf. Er sollte die Alliierten über die Vorbereitungen in Bayern in Kenntnis setzen und um Verständnis werben für die bayerisch-föderale Ausrichtung des Kreises. Ab 1943 wandte sich dann auch Kronprinz Rupprecht selbst von Florenz aus, wohin er sich 1940 zwangsweise zurückgezogen hatte, mit politischen Denkschriften an London und Washington.

Von Hamm wissen wir inzwischen aus einzelnen Berichten, wie er vorging. Er sprach zunächst in München und in Augsburg und schließlich auch andernorts in Bayern Personen an, die die er von seiner bayerischen Beamten- und Ministerzeit her oder aus dem Umkreis der Handelskammern kannte und denen er vertraute. Mit dem Syndikus der Industrie- und Handelskammer München Paul Helfrich etwa erörterte er konkrete Maßnahmen für den Fall eines Zusammenbruchs der Dritten Reichs, so die künftige Währungspolitik, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sowie sonstige sozialpolitische Fragen. Auf diese Weise entstand ein bayernweites Netzwerk von bis zu 80 Personen.

"Politics makes strange bedfellows"

Die Auswahl war überkonfessionell, umfasste politisch die linke und rechte Mitte der DDP bis zur BVP und schloss auch den einen oder anderen konservativen bayerischen Monarchisten ein. Ulrich von Hassell - ehemals deutscher Botschafter in Rom und dann im konservativen Widerstand aktiv - notierte nach einem seiner Gespräche mit Kreismitgliedern im Januar 1939 mit leicht ironischem Unterton: "Stimmung politisch sehr besorgt. Hamm und Gessler sind alte Demokraten, Goetz (der Leipziger Historiker und frühere DDP-Reichstagsabgeordnete Walter Goetz, Red.) alter Naumannianer. Zwischen ihren Auffassungen und denen alter Deutschnationaler bestehen heute materiell keine Unterschiede. Politics makes strange bedfellows."

Tatsächlich handelte es sich um einen Kreis von Akteuren aus dem Establishment der Weimarer Republik mit Erfahrungen und Prägungen noch aus dem Kaiserreich. Das Personal reichte vom Generaloberst Adolf Herrgott über den Kommandeur der Schutzpolizei in Nürnberg, Fritz Schade, bis zum letzten und ersten demokratisch gewählten Oberbürgermeister von München vor 1933 und nach 1945, Karl Scharnagel von der BVP (nach 1945: CSU). Zahlreiche höhere Verwaltungsbeamte, aber auch einzelne Unternehmer, wie der Augsburger Ludwig Berz, schlossen sich an, dazu kamen einige Rechtsanwälte und Richter wie der Landsgerichtspräsident in Kempten, Rudolf Flach.

Sperr-Kreis agiert zwischen Chaos und Gewalt

Die "Organisationsstruktur", so weit sich davon überhaupt sprechen lässt, war locker. Die meisten Kreismitglieder hatten keine Kenntnis voneinander. Es ging darum, verlässliche Personen zu finden, die in der erhofften, von außen oder innen herbeigeführten Umsturzsituation bereit und fähig waren, eine verantwortliche Aufgabe zu übernehmen. Die gemeinsame Überzeugungsbasis bestand in einem liberal-rechtsstaatlichen Staatsverständnis, das nach den Erfahrungen mit der zerfallenden Weimarer Republik und dem Gewaltregime des Dritten Reichs Freiheit mit staatlicher Autorität verbinden sollte.

Zum Erfahrungshintergrund dieser staatlich-gesellschaftlichen, prinzipiell freiheitlich gesonnenen Elite gehörten auch die unauslöschlichen Eindrücke von Chaos und Gewalt in der Revolutions- und Rätebewegung der Jahre 1918/19, die ja auch später entschiedene Befürworter von Republik und Demokratie wie Thomas Mann und Viktor Klemperer kurzfristig zu Anhängern einer schonungslos durchgreifenden befristeten Militärdiktatur gemacht hatten. Der weite politisch-weltanschauliche Rahmen des Sperr-Kreises machte es andererseits möglich, verfassungspolitische Festlegungen zu vermeiden.

Attentate lehnte der Sperr-Kreis ab

In den Anfangsjahren 1934/35 diskutierte man die Möglichkeit einer parlamentarischen oder konstitutionellen bayerischen Monarchie. Gegen Ende artikulierte Kronprinz Rupprecht aus Italien gegenüber den Alliierten einen deutlichen Führungsanspruch, der sich später gegenüber den Besatzungsmächten natürlich nicht verwirklichen ließ.

Attentatspläne lehnte man ab - ähnlich wie der Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke. Man wollte auf den Zusammenbruch des NS-Regimes und das dabei zu erwartende Durcheinander - wie etwa eine Machtergreifung der SS - vorbereitet sein. Franz Sperr nahm daher auch gezielt Kontakt zu führenden Militärs auf. Am prominentesten dürfte der zu Franz Halder gewesen sein, dem von Hitler im September 1942 entlassenen Generalstabschef des Heeres, auf den man wohl auch wegen seiner bayerischen Herkunft setzte.

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