Lettland:Befreiung von den Befreiern

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Lettland: Zum Abriss freigegeben: das Siegesdenkmal in Riga.

Zum Abriss freigegeben: das Siegesdenkmal in Riga.

(Foto: Taisiya Vorontsova/IMAGO/ITAR-TASS)

Ursprünglich steht es für den Sieg der Sowjetarmee über Nazi-Deutschland - doch jetzt sehen viele darin ein Symbol russischer Agression. Deshalb soll das Siegesdenkmal in der Hauptstadt Riga verschwinden.

Von Frank Nienhuysen, Riga

So ruhig steht es da und verlassen. Mitten in einem Park der Hauptstadt, und doch ist niemand da, der spazieren geht, sich hinsetzt, einfach mal auf das Denkmal schaut. Nur Stille. Und Fahnen, die an weiß getünchten alten Masten flattern. Noch einmal aber wird es laut und lebhaft werden, vielleicht sogar stürmisch, im Herbst spätestens. Bis dahin wird das Monument abgerissen.

Wie ein dünner grauer Stab sieht es aus, knapp 80 Meter hoch, auf der Spitze ein Stern. In der Sowjetunion hat Größe immer viel gezählt, natürlich auch bei einem Denkmal, das an den Sieg der sowjetischen Armee über Deutschland erinnert. Dieses Denkmal steht in Riga, Lettland, wo eine Mehrheit die Sowjetzeit nicht als Befreiung empfindet und nun Angst hat vor Russland. Deshalb gibt es Streit, und niemand kann jetzt hin.

In einem weiten Radius ist das Monument abgeriegelt. Gelbe eiserne Gitterzäune versperren den Zugang von allen Seiten, "Policija" steht drauf, auch auf den Autos, die zur Bewachung in Abständen ringsum stehen. Und so sieht man nur aus der Ferne das Ensemble aus Obelisk und den beiden Skulpturen, die sowjetische Soldaten darstellen und die "Mutter Heimat".

Zehntausende Menschen sind jedes Jahr am 9. Mai, dem Tag des Sieges, zum Monument gekommen. Elizabete Krivcova hat die Veranstaltungen mit organisiert. Es fanden Konzerte statt, es gab Kaffee zu trinken, Würstchen zu essen, Besucher legten Blumen ab, trafen Bekannte. Und abends dann das Feuerwerk. Krivcova ist oft mit ihrem Großvater hingegangen, sie sagt: "Es war immer sehr emotional." Nur wird es das nicht mehr geben, die Abstimmung im lettischen Parlament über den Abriss war eindeutig. Nur Krivcovas Partei hat dagegen gestimmt. Sie sagt: "Das ist sehr schwer für mich. Es tut weh. Ich spüre, dass das gegen uns gerichtet ist."

Wie sollte es anders sein, es hat alles mit Russlands Krieg gegen die Ukraine zu tun. An diesem 9. Mai dauerten die Angriffe bereits fast drei Monate. Die Stadtbehörden hatten das Monument da schon abgesperrt, es gab Aufrufe an die Bevölkerung, diesmal fernzubleiben. Trotzdem kamen etwa 20 000 Menschen, vor allem aus der russischsprachigen Bevölkerung. Und die macht etwa ein Drittel aller Einwohner des Baltenstaats aus. Nirgendwo in Europa ist ihr Anteil so hoch wie in Lettland.

"Wie kann Russland so etwas machen?"

Am nächsten Morgen räumte die Stadt die Blumen ab. Aber dann kamen wieder Menschen, mit neuen Blumen, manche auch mit russischer Flagge auf den Schultern. Die Stimmung wurde gereizter, ein junger Mann wurde festgenommen. Das Monument ist zum Symbol geworden. Für den Zustand der Gesellschaft und für die Frage, was die Menschen in ihm sehen. Den historischen Sieg? Oder auch das Leben in der Sowjetzeit? Jetzt sogar Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine?

Elizabete Krivcova ist Juristin und berät im lettischen Parlament die Partei "Harmonie". Bei der Parlamentswahl am 1. Oktober will sie Abgeordnete werden. Ihre Partei, die die größte Fraktion im Parlament stellt, ist sozialdemokratisch, und sie galt immer als russlandfreundlich. Ihre Klientel ist vor allem die russischsprachige Bevölkerung. "Russland haben wir immer als Partner gesehen", sagt sie. "Jetzt sind viele enttäuscht, haben Angst, sind in einer Identitätskrise. Wie kann Russland so was machen?"

Die Zustimmungswerte für ihre Partei sind rapide gefallen, Mitglieder sind aus der "Harmonie" ausgetreten. Krivcova spricht selber vom Krieg und nicht etwa von "Spezialoperation" wie Russland. Sie sagt, dass ihre Partei den Krieg sofort als völkerrechtswidrig verurteilt habe und dabei auch zur lettischen Regierung stehe, zu Europa und seinen Werten. Und das Monument? "Es hat nichts mit diesem Krieg zu tun", sagt Krivcova, "es steht für den Sieg im Zweiten Weltkrieg. Der 9. Mai wird doch auch in der Ukraine gefeiert." Sie ist gegen den Abriss des jahrzehntealten Denkmals. Aber dafür ist es zu spät. "Für mich", sagt Elizabete Krivcova, "ist das ein Gefühl von Ohnmacht."

Umfragen in Lettland haben gezeigt, dass die große Mehrheit der Bevölkerung des baltischen Staates gegen den russischen Krieg ist. Nur ein kleiner Teil unterstützt Putins Kurs, aber der ist vor allem unter der russischsprachigen Bevölkerung zu finden. Von ihnen haben die meisten einen lettischen Pass, allerdings haben sie jahrzehntelang russisches Fernsehen geschaut, russische Nachrichten, Putin-freundliche. Lettland hat es deshalb abgeschaltet.

"Selbst diejenigen von ihnen, die Putin nicht unterstützen, können oft gar nicht genau sagen, ob sie im Gegenzug denn die Ukraine unterstützen. Das ist ein Problem", sagt Igors Gubenko. Der Philosoph ist Professor an der Universität in Riga, er hat gleich eine Vorlesung, nimmt sich aber noch Zeit für einen Kaffee auf einer Dachterrasse im Zentrum.

"Es ist gerade keine gute Zeit dafür."

Er spricht von der neuen Belastung, die der Krieg für die Menschen in Lettland bedeutet, Abgrenzungen in der Gesellschaft, die sich wieder zeigen. Zwischen denen, die Lettisch sprechen und Russisch. Aber auch innerhalb der Russisch sprechenden Bevölkerung, zwischen denen, die für Putin sind und von Lettinnen und Letten als Bedrohung empfunden werden, und jenen, die gegen ihn sind. Gubenko sagt: "Der Krieg hat auch die sowjetische Besatzung schmerzhaft in Erinnerung gerufen." Das Monument sei in den Augen vieler dafür ein Symbol, "und jetzt sehen sie darin auch noch die russische Besatzung der Ukraine und Russlands Drohungen gegen die Nachbarstaaten". Die Demontage des Monuments hält er allerdings nicht für den richtigen Weg. "Es ist gerade keine gute Zeit dafür."

Das sieht Ksenija Andrijanowa anders. Sie ist 33, Russin, und will das Monument möglichst schnell loswerden. Sie sitzt auf einer Parkbank in der Nähe eines ganz anderen Denkmals in der Stadt, der Freiheitsstatue, die an den lettischen Unabhängigkeitskampf Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert. Andrijanowa war fünf, als sie mit ihren Eltern nach Riga zog. Ihren russischen Pass wird sie bald eintauschen gegen einen lettischen. Die Prüfung dazu hat sie hinter sich, sie spricht ohnehin akzentfrei Lettisch.

Lettland: Ksenija Andrijanowa sagt, sie sehe "keinen Sinn darin, sich mit einem Aggressorstaat gemeinzumachen."

Ksenija Andrijanowa sagt, sie sehe "keinen Sinn darin, sich mit einem Aggressorstaat gemeinzumachen."

(Foto: Frank Nienhuysen)

Ksenija Andrijanowa nennt sich Influencerin, sie twittert viel, und sie hat sich für den Abriss des Monuments starkgemacht. Sie war dort auf einer großen Demonstration, bei der es "um die Befreiung vom sowjetischen Erbe" ging, wie sie sagt. Sie will Zeichen setzen. "Ich war dort, weil Russen in Lettland europäische Werte zeigen und die Werte der Letten verteidigen sollten", sagt sie. "Ich sehe keinen Sinn darin, sich mit einem Aggressorstaat gemeinzumachen."

Als Kind ist auch sie zum Monument gegangen, hat Blumen hingelegt. Es war ihr wichtig. Jetzt findet sie, dass es mehr und mehr ausgenutzt worden sei, "für ein Überlegenheitsgefühl, das nicht angemessen ist", sagt sie. "Es gab regelrecht einen Siegeskult. Und jetzt ist es ein Symbol auch der militärischen Aggression geworden."

Andrijanowa hat noch Verwandtschaft in Russland und ist jeden Sommer dorthin gereist. So lange schon lebt sie in Riga, aber sie sagt: "Jedes Mal, wenn ich in Russland war und die Sprache hörte, ging es mir gut." Sie hat sich immer als Russin in Lettland gefühlt. Der Krieg war für sie ein Schock, ein Schlag für die russische Gemeinde. "Ich fühle mich verraten", sagt sie. Facebook-Freunde, die Putin unterstützen, hat sie von ihrer Liste entfernt.

Dann will sie noch etwas zeigen. Ksenija Andrijanowa steht auf und geht voran. Durch die Grünanlage und wieder hinaus. Der Verkehr lärmt. Es sind ein paar Minuten bis zur russischen Botschaft, vorbei an aufgestellten Wandtafeln, auf denen gelb-blaue Ukraine-Plakate hängen, mit Sonnenblumen drauf und der Hoffnung, dass Mariupol noch gerettet werden kann. Und Aufrufen zum Ende des Krieges. Dann zeigt sie auf ein riesiges Porträt, eine Putin-Grimasse, die an der Gebäudefassade gegenüber der russischen Botschaft hängt. Sie sagt: "Jedes Mal, wenn dort jemand rausgeht, kann er es sehen." Sie sagt es hörbar vergnügt.

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