bedeckt München 25°

Leben im Irak:Wenn alle gehen, überlässt man den Irak dem IS

Er hat vier Kinder und eine gültige Aufenthaltserlaubnis für Tschechien. Er müsste nur ins Flugzeug steigen. "Aber die Menschen hier brauchen uns", sagt er. "Wer hilft ihnen, wenn nicht wir?" Er weiß: Wenn er geht, gehen die anderen Ärzte auch. Und wenn alle gehen, überlässt man den Irak dem IS. Mohammed glaubt an einen Irak, in dem alle Iraker sind, in dem es keine Rolle spielt, ob einer Sunnit ist oder Schiit, Kurde oder Christ oder Jeside. Er glaubt an Männer wie Scheich Feisal oder Hadschi Hail, die Männer vom Stamm der al-Essawi - Sunniten, die ihre Heimat verbissen verteidigen gegen die Macht des Bösen.

IS in Palmyra

Bei Gefechten zwischen Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und regierungstreuen Einheiten um die antike syrische Stadt Palmyra sind laut Aktivisten Dutzende Menschen getötet worden. Demnach war aus dem Westen der Stadt nahe den zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden antiken Stätten Artilleriefeuer zu hören. Berichte über Schäden an den Stätten gab es zunächst nicht. Laut den Angaben der Aktivisten, deren Erkenntnisse unabhängig kaum zu überprüfen sind, hatten IS-Kämpfer am Wochenende das nördliche Stadtgebiet von Palmyra in der Provinz Homs unter ihre Kontrolle gebracht. Palmyra, dessen Bauten griechisch-römische und persische Baukunst vereinigen, ist laut der UN-Kulturorganisation Unesco eine Stätte von "überragendem universellem Wert".

AFP

Scheich Feisal al-Essawi ist der Bürgermeister von Amiriat al-Fallujah. "Wir sind in Anbar die letzte Linie gegen den Islamischen Staat", erklärt er und weist mit ausladender Geste auf einen riesigen Flachbildfernseher zu seiner Rechten. Die Gefahr ist in seinem Büro jederzeit präsent. Erstaunlich scharfe Bilder zeigen einen Feldweg jenseits des Flusses. "Sie haben Schafe geladen", sagt der Bürgermeister und deutet auf einen weißen und einen blauen Kleinlaster. "Aber wir wissen, dass sie Mörsergranaten transportieren." Die Bilder stammen von einer Kamera auf dem Minarett der Moschee gleich neben dem Rathaus. Live aus dem Islamischen Staat. An dem weißen Auto flattert gut erkennbar die schwarze Standarte der Dschihadisten.

"Wir wollen nur freie Bürger in einem freien Land sein"

Im Büro des Bürgermeisters dagegen hängt die irakische Flagge hinterm Schreibtisch. Sie ist ein Bekenntnis zu einem Staat, in dem die Mehrheit der Schiiten der Minderheit der Sunniten in den vergangenen Jahren das Leben oft zur Hölle gemacht hat. Zu einem Staat, der sie heute noch im Stich lässt. "Die Stämme in Anbar haben keine Vertreter in der Regierung in Bagdad", erklärt er. "Wir bekommen keinerlei Unterstützung." Dabei bräuchten sie dringend Munition und modernes Gerät. Die Terroristen kommen bei Nacht in Schlauchbooten über den Fluss. "Wir wollen nur freie Bürger in einem freien Land sein", ruft Scheich Feisal, und die in seinem Zimmer versammelten Honoratioren nicken.

Viele Flüchtende müssen in Wüstencamps ausharren.

(Foto: AP)

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sunniten in Anbar auf sich gestellt sind. "Wir haben gegen die Amerikaner gekämpft und auch gegen al-Qaida - wir wollen keine Besatzung", weder durch den IS noch durch die schiitischen Milizen, die der Regierung in Bagdad helfen. Hadschi Hail al-Ahmadi al-Essawi hat das Wort ergriffen, mit 73 Jahren der Älteste im Raum. Er trägt eine blütenweiße Dischdascha, Fliegerbrille und eine Pistole im bestickten schwarzen Schulterholster. "Ich bin hier geboren, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Vier meiner Söhne sind im Kampf gegen al-Qaida gefallen. Er werde gegen den IS kämpfen "bis zum letzten Atemzug - inschallah", ruft er. Zustimmendes Nicken.

Die sunnitischen Stämme haben schon gegen die US-Armee und gegen al-Qaida gekämpft

In Amiriat al-Fallujah würden alle zusammenarbeiten, sagt er. Deswegen könnten sie dem Islamischen Staat widerstehen. In Ramadi sei das anders. Zehn Stämme, Tausende Regierungsbeamte, und jeder wolle wichtiger sein als der andere. Die Zusammenarbeit mit den Volksmobilisierungseinheiten, den Milizen ablehnen, das täten nur jene, die nicht kämpften. "Wir kämpfen für uns, wir überlassen das nicht anderen, wir wollen von niemandem abhängig sein", bekräftigt er. Die Söhne des Stammes hätten den größten Anteil an der Verteidigung der Stadt. Eines ist ihm wichtig klarzustellen: "Der Islamische Staat ist unislamisch", hebt er mit grollender Stimme an. "Wir kennen unsere Religion sehr gut, sie wollen unsere Würde stehlen", schimpft der alte Mann - wie damals schon al-Qaida. 300 Männer hätten sie seit 2006 verloren im Kampf gegen Extremisten. Nie werde ein al-Essawi denen die Hand reichen.

Sie versuchen, Sicherheit zu gewähren und den Vertriebenen mit dem Nötigsten zu helfen. Doch der Ort wird überrannt von Menschen, die vor dem Islamischen Staat fliehen und nicht wissen, wo sie hinsollen. Auf dem Weg nach Bagdad werden sie gestoppt, von Milizen und den Sicherheitskräften, offiziell weil diese fürchten, dass sich Kämpfer des Islamischen Staates unter die Flüchtenden mischen. Die Zahl der Bomben in der Hauptstadt ist jüngst derart gestiegen, dass die Menschen sich wieder fürchten, auf die Straße zu gehen. Eine regelrechte Angstkampagne gegen die Sunniten aus Anbar ist im Gang.

Wer niemanden hat in Bagdad oder in Kurdistan, der zu bürgen bereit ist, der wird nicht durchgelassen. Viele Flüchtlinge haben nicht einmal ihre Ausweise dabei. Ihnen bleibt nichts, als in die Zeltlager zu gehen, die Hilfsorganisationen zwischen Amiriat al-Fallujah und der Stadtgrenze von Bagdad hastig neben den Straßen aufgebaut haben. Elende Quartiere, oft ohne ausreichende Versorgung, in denen die Vertriebenen in der Hitze biwakieren müssen. Zurück können sie nicht. Wo ihre Heimat war, ist der Islamische Staat. Wo sie sicher sind vor den Mördern, da sind sie nicht willkommen. Dabei wollen sie nur ihr Leben retten.

© SZ vom 18.05.2015/harl
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB