Lauer SPD-Wahlkampf:Steinbrück sucht einen Sündenbock

Parteikonvent der SPD

Kampagne unter schlechtem Stern: SPD-Spitzenmann Peer Steinbrück

(Foto: dpa)

Der Wahlkampf hat noch nicht richtig angefangen, da kümmert sich SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück schon um die Frage: Wer ist schuld, wenn's schiefgeht? Einer davon soll wohl Parteichef Gabriel sein. Doch die Geschichte von dessen Querulantentum ist etwas einseitig. Ohne ihn könnte die SPD ans Kanzleramt nicht einmal denken - und Steinbrück auch nicht.

Ein Kommentar von Nico Fried, Berlin

So ein Wahlkampf folgt eigenen Gesetzen. Nach und nach muss eine Partei, die den Kanzler stellen will, ein paar Dinge klären: Erst braucht es einen Kandidaten, dann ein paar griffige Themen, attraktives Personal und eine gute Kampagne. Irgendwann kommen Zuversicht, Schwung und Überzeugungskraft von alleine. Am wichtigsten aber ist es, rechtzeitig die alles entscheidende Frage zu klären: Wer ist schuld, wenn's schiefgeht?

Peer Steinbrück hat beschlossen, diese Frage schon auf die Tagesordnung zu setzen, bevor der Wahlkampf richtig angefangen hat. Der Kanzlerkandidat, das muss man ihm lassen, führt an diesem Punkt von vorne: Erst hat er seinen Pressesprecher rausgeschmissen. Der ist offenbar dafür verantwortlich, dass der Kandidat bislang so gar nichts - in des Wortes vielfältiger Bedeutung - Gewinnendes ausstrahlte.

Jetzt hat Steinbrück auch noch dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel die Meinung gegeigt. Den hat er anscheinend als Saboteur seiner Kampagne identifiziert. Welche Kampagne, könnte man fragen. Aber das wäre schon arg fies.

So hat er also mal geschrödert, der Kandidat. Und nun soll kein Blatt mehr passen zwischen Steinbrück und Gabriel. Mit Treueschwüren, wie sie der Parteichef einen Tag nach Steinbrücks öffentlicher Zurechtweisung von sich gab, hat die SPD ihre Erfahrungen gemacht: meistens schlechte.

Einseitige Geschichte vom Querulanten Gabriel

Wenn es auch diesmal nicht klappt mit dem Unterhaken, bleiben Steinbrück noch zwei Schritte: erstens die Drohung, die Kandidatur aufzugeben; zweitens die Tat. Das ist für einen Zeitraum von knapp hundert Tagen nicht mehr viel Spielraum zur Eskalation. Schon gar nicht in einer Partei wie der SPD und angesichts von Umfragewerten, deren Stagnation neues Unruhepotenzial bereithält.

Zudem wird in der SPD eine etwas einseitige Geschichte vom Querulanten Gabriel erzählt, der dem Kandidaten fortwährend in den Rücken falle. Ohne den Parteichef Gabriel, so viel steht fest, gäbe es keine SPD, die auch nur ans Kanzleramt denken könnte. Ohne Gabriel wäre Steinbrück nicht Kandidat geworden und übrigens in der Debatte um seine Honorare auch nicht geblieben.

Gabriel hat zu viele Ideen in zu kurzer Zeit, aber bestimmt nicht zu wenig politischen Instinkt. Beim Kanzlerkandidaten verhält sich manches andersrum, und das gerät ihm nicht zum Vorteil. Ob zum Beispiel der Besuch Gabriels an den Hochwasserdeichen von Magdeburg wirklich dämlicher war als Steinbrücks Wort vom "Gummistiefelwettbewerb", an dem er sich nicht beteilige, sei mal dahingestellt.

Zudem führt Steinbrücks Rüffel für Gabriel auf die falsche Fährte, dass alle anderen Sozialdemokraten mit ihrem Kandidaten glücklich sein könnten. Weil er selbst weiß, dass es sich anders verhält, hat Steinbrück die Loyalität aller in der SPD eingefordert. Das ist ein berechtigter Anspruch für einen Kandidaten. Aber es ist auch ein hoher Anspruch für einen, der sich zum Beispiel bei der Besetzung seines Kompetenzteams selbst wenig um Loyalitäten geschert hat.

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