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Biografie über Armin Laschet:Der Burtscheider Weg

Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen

Wie groß sind die Chancen auf eine Zukunft in Berlin? Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Die Journalisten Tobias Blasius und Moritz Küpper haben über den NRW-Ministerpräsidenten und Kandidaten auf den CDU-Vorsitz ein wohlmeinendes Buch geschrieben.

Rezension von Roland Preuss

Es ist diese Szene von 1976, die schon vieles enthält, was da noch kommt. Armin Laschet schaut verlegen grinsend einem CDUler zu, der auf der anderen Straßenseite einen Stand aufbaut. Es ist Bundestagswahlkampf 1976, Helmut Kohl gegen Kanzler Helmut Schmidt. Er würde sich freuen, wenn Laschet bei ihnen ein wenig mitmachen würde, sagt der CDU-Wahlhelfer.

Ja, würde er gerne machen, antwortet Laschet, damals 15, aber er trete nie in eine Partei ein. Nach drei Jahren des Drängens und Zögerns wird Armin Laschet dann doch CDU-Mitglied. Er fand es "irgendwie lästig und ich hatte 1000 andere Sachen im Kopf", sagt er 44 Jahre später über den Anwerbeversuch, nun als Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident in der Düsseldorfer Staatskanzlei und Anwärter auf den CDU-Vorsitz und damit die Kanzlerkandidatur.

So beschreiben es Tobias Blasius und Moritz Küpper zu Beginn in ihrer Laschet-Biografie "Der Machtmenschliche". Da blitzt er schon auf, der Ruf des Armin Laschet: zaudernd, aber menschlich, interessiert, aber nicht karrieregeil. Die langjährigen NRW-Korrespondenten Tobias Blasius (Funke-Mediengruppe) und Moritz Küpper (Deutschlandradio) haben sich darangemacht, Armin Laschet auf 350 Seiten zu erklären und die Frage einzukreisen: Hat er das Zeug für höchste bundespolitische Ämter?

Ausgerechnet Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat das Buch in Berlin vorgestellt, der Mann, der sich ein Fernduell mit Laschet um das beste Krisenmanagement in Corona-Zeiten liefert und damit auch darüber, wer besser Kanzler könnte. Das war ein duftender Köder für die Hauptstadtmedien, umso mehr, da auch Söder im Buch auftaucht - und nicht besonders gut wegkommt.

Das kann man für Armin Laschet nicht sagen, wie ja schon der Titel andeutet. "Er ist keine Machtmaschine", heißt es im Prolog, "Laschet ist der Machtmenschliche." Blasius und Küpper stellen zunächst ausführlich die Heimat des Ministerpräsidenten vor, das Milieu, in dem er aufgewachsen ist. Sie sind spürbar nah dran, haben nach eigenen Angaben mit mehr als 60 Weggefährten, Vertrauten und Rivalen gesprochen.

Vor allem Freunde rücken den Armin ausführlich in helles Licht. Der Katholik Laschet ist verwurzelt im Aachen, genauer gesagt im Stadtteil Aachen-Burtscheid, lebt bis heute dort mit Familie in seinem Reihenhaus und hat sich früh beim Karneval und anderswo eingebracht, etwa in der katholischen Gemeindejugend. Ein Ex-Pfarrer schwärmt von deren "großen sozialen Herzen".

Laschets Vater, ein Schuldirektor, "engagiert sich in der Gemeinde", seine Mutter gilt "als gute Seele des Viertels" und biete "regelmäßig Töpferkurse" an. Das alles wirkt etwas dick aufgetragen. Aachen-Burtscheid jedenfalls ist offenbar ein Viertel, in dem katholische Werte gelebt werden, Zusammenhalt zählt, man aufeinander aufpasst und nicht nur im Karneval viel Spaß hat. Nach der Lektüre der 34 Seiten zu Herkunft und Heimat möchte man möglichst schnell mit Armin Laschet in Aachen-Burtscheid in eine WG ziehen.

Ausgerechnet Markus Söder stellt das Buch vor

Der Christdemokrat stammt aus einer katholisch geprägten Welt, die heute vielen Lesern anachronistisch erscheinen wird, er fällt aber dennoch früh als Modernisierer der CDU auf. Er möchte diese heile Welt nicht konservieren, sondern neu interpretieren, was Zusammenhalt ausmacht. Als ein Schlüsselerlebnis schildern die Autoren die Wahlerfolge der Grünen in Aachen 1984 und 1989, die Laschet neugierig machen.

Als frisch gewählter Bundestagsabgeordneter 1994 scheut er sich nicht die "ökologische Marktwirtschaft" als sein Herzensthema zu nennen, bald trifft er sich mit weiteren CDUlern in der "Pizza-Connection" bei einem Bonner Italiener mit Grünen-Abgeordneten. Als Integrationsminister in NRW besetzt er von 2005 an das Thema für die Union und betreibt die Öffnung der Partei für Zuwanderer.

Laschet wirkt dennoch für viele Parteifreunde und Wähler leichtfüßig, zögerlich, manchmal beliebig. Das Buch zeigt auf, dass dies viel mit seinem Auftreten zu tun hat, mit seinem Humor, der für einen Politiker ungewohnt selbstironisch ist, nicht aber mit fehlenden Prinzipien oder einer Scheu vor Entscheidungen. Sein Lebensweg zeigt vielmehr eine Konstanz und Beharrlichkeit bei Themen wie europäischer Zusammenhalt, sozialer Ausgleich oder auch Integration.

Die Treffen mit den Grünen damals fanden unter misstrauischer Beobachtung durch die Unions-Altvorderen statt, seine Kümmerer-Linie als Integrationsminister lassen Parteifreunde spotten über den "Türken-Armin". Auch im Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen 2017 lässt sich Laschet - entgegen vielen Ratschlägen, wie Blasius und Küpper schreiben - nicht darauf ein, sich von Merkels unpopulärer Flüchtlingspolitik durch markige Forderungen abzusetzen. Er bleibt bei seiner Linie - und gewinnt.

Tobias Blasius, Moritz Küpper: Der Machtmenschliche. Armin Laschet. Die Biografie. Klartext-Verlag, Essen 2020. 384 Seiten, 25 Euro.

Was aber sagt das nun für seine Tauglichkeit für Spitzenämtern in Berlin? Dieser Aspekt kommt zu kurz, Blasius und Küpper sind Korrespondenten in Düsseldorf, Laschets Stehvermögen in Berlin wird wenig ausgeleuchtet, obwohl er dort schon lange mitmischt. Treffend indes ist der Epilog zu Laschet als Corona-Manager, hier wird es durchaus kritisch. Laschets Art, öffentlich zu differenzieren, seine Abneigung gegen laute Ansagen hätten ihn schlecht dastehen lassen.

Laschet mag auch in der Krise authentisch sein, für den Ruf des Machers aber ist das hinderlich. Corona, so kann man schlussfolgern, wird allerdings vorbeigehen. Gut möglich, dass dann andere Qualitäten mehr zählen, die Lascht verkörpert als Moderator und Anti-Polarisierer. "Ich bin, wie ich bin", sagt Laschet am Ende trotzig.

© SZ vom 28.09.2020
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