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CDU:Der Gebrauchtsatz-Händler

Friedrich Merz: Neue Zeit. Neue Verantwortung. Demokratie und Soziale Marktwirtschaft im 21. Jahrhundert. Econ-Verlag, Berlin 2020. 240 Seiten, 22 Euro. E-Book: 18,99 Euro.

Das Buch zur Kandidatur: Friedrich Merz beweist, wie riskant es ist, wenn man sich das Schreiben von 240 Seiten zutraut.

Von Detlef Esslinger

Neulich, im "Heute-Journal": CDU-Mitglieder, die soeben Friedrich Merz im Saal erlebt hatten, gaben an, warum sie diesen Kandidaten gut finden. "Er spricht meine Sprache", sagte ein Mann. "Er eiert nicht rum", sagte eine Frau.

Stimmt das?

Psychologen haben längst herausgefunden, wovon die Wirkung eines Bühnen- oder eines Fernsehauftritts abhängt: nur zum allergeringsten Teil von dem, was einer sagt; zum allergrößten Teil indes davon, wie man es sagt: wie man betont, wie man die Leute anschaut, wie man angezogen ist. Beim geschriebenen Text ist dies anders, da helfen keine Blicke und keine gut geschnittenen Anzüge. Da hat man nur das reine Wort. Friedrich Merz legt das Buch zu seiner Kandidatur für den Chefposten bei der CDU vor - wer ihn im Saal erlebte und seinen Eindruck nachschärfen will, der hat als Leser nun die Chance dazu. Friedrich Merz unplugged, sozusagen.

Und? Kurz zusammengefasst: Eiern ist gar kein Ausdruck.

Es ist das Buch eines Mannes, der darlegen will, dass er von allem etwas versteht, zumindest sich eingelesen hat. Corona, Klimaschutz, Föderalismus, Digitalisierung, China, Familie, Bildung, Russland, EU, Steuern. Es ist nicht so, dass gar nichts drinstünde in dem Band. Merz erklärt über anderthalb Seiten plausibel, warum er so vehement gegen eine Vermögensteuer ist. Er erzählt vom bizarren Besuch bei einem US-Abgeordneten in Oklahoma, der sein Geld auch mit der Wiederherstellung bereits verschrotteter Kalaschnikows verdient und in jedem Raum seines Hauses eine Waffe bereithält, für den Notfall. Er bringt ein gutes Argument gegen Volksentscheide, indem er darauf hinweist, dass in Großbritannien eine Million jener Älteren, die 2016 für den Brexit stimmten, inzwischen tot sind. "Die Jüngeren waren in ihrer Mehrheit für den Verbleib" in der EU und "müssen jetzt mit den Folgen leben".

"Nichts ist so gut, dass es nicht besser werden kann."

Doch solche Stellen nehmen vielleicht ein Dutzend der 240 Seiten in Anspruch. Ansonsten ist keine Floskel, keine Leerformel so angestaubt, als dass Friedrich Merz nicht noch Verwendung dafür hätte. Man kann das Buch auf einer beliebigen Seite aufschlagen und Gebrauchtsatz-Bingo spielen. Seite 25: "Auch in dieser Krise entstehen Chancen." Seite 44: "Die deutsche Geschichte ist eine Geschichte der Höhen und Tiefen." Seite 75: "Die digitale Revolution ist aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken." Seite 135: "Nichts ist so gut, dass es nicht besser werden kann." Seite 135, gleich der nächste Satz: "Vier zentrale Herausforderungen müssen schnell angepackt werden." Seite 175: "Eine stabile Ordnung in Europa (wird) ohne oder gar gegen Russland nicht möglich sein." Im Saal oder bei Maybrit Illner fällt so etwas nicht groß auf, solange man sein Timbre hält und sich nicht mit weißen Socken zum Thema macht. Geschriebenes ist in der Hinsicht deutlich unbarmherziger.

Vielleicht ist es ungerecht, Friedrich Merz den Vorwurf zu machen, er trete vor allem deshalb an, weil er noch eine Rechnung mit Merkel, der CDU und sich selbst offen habe. Ein Buch wäre jedenfalls die Chance zu zeigen, was ihn um- und antreibt, welche grundsätzliche Haltung zu den Dingen er hat und welche Politik für ihn daraus folgt. Roland Koch, Winfried Kretschmann oder soeben Rüdiger von Fritsch, der frühere deutsche Botschafter in Moskau, sind Angehörige des Politikbetriebs, die solche Bücher geschrieben haben. Merz aber? "Wie könnte eine gut formulierte Einwanderungspolitik aussehen?", fragt er an einer Stelle. Und, was folgt? "Vor allem aber besteht ein dringender europäischer Reformbedarf der Rechtswege, über die Menschen aus anderen Ländern zu uns kommen können." Das klingt so sehr nach Entschlossenheitssimulation, dass man dem Mann von der CDU-Basis, der fand, Merz spreche "meine Sprache", erwidern muss: Nee. Ihre ist wahrscheinlich besser.

© SZ vom 02.11.2020

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