Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern "Ich habe die NPD gewählt. Weil sonst hier nichts passiert"

Udo Pastörs mit einem NPD-Plakat: Er sitzt für die Rechtsextremen im Schweriner Landtag.

(Foto: REUTERS)

Bei der vergangenen Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern holte die rechtsextreme Partei in Koblentz 33 Prozent. Doch die Geschichte des Dorfs ist keine von wilden Glatzköpfen und Nazi-Parolen.

Von Thomas Hahn, Koblentz

Koblentz ist ein Dorf in Vorpommern nahe der polnischen Grenze. Auf der Deutschland-Karte findet man es ganz oben am äußersten rechten Rand, und es ist arm. Es besitzt gerade nicht viel mehr als einen Anglerverein und ein kaputtes Feuerwehrauto. In Koblentz kommt selten jemand vorbei. Nur vor fünf Jahren war Koblentz mit seinen rund 210 Einwohnern mal für eine Woche berühmt. Da verlangten schon in aller Frühe Reporter nach der Bürgermeisterin Ingelore Grygula, da kamen RTL und andere Fernsehsender. Koblentz war über Nacht zum Inbegriff des rechten Kaffs geworden. Bei den Landtagswahlen hatte die NPD in Koblentz 33 Prozent erzielt. Eine Partei, die für völkische Ideologie und Nazi-Denken steht.

Am 4. September findet die nächste Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern statt. Es geht darum, ob die rot-schwarze Regierung bestehen bleibt, ob es die NPD wieder in den Landtag schafft. Und in Koblentz ist die Frage, ob sich was getan hat, seit diese 33 Prozent die Gemeinde erschüttert haben.

In Koblentz kann man einen Eindruck davon bekommen, wie sich Menschen vom Politik-Establishment entfremden und einer radikalen Partei wie der NPD zulaufen. Die Gemeinde strukturschwach zu nennen, ist eine Untertreibung. Sie hat seit der Wende fast alles verloren, was sie mal hatte. Die Schule, den Kindergarten, den Einkaufsladen, die Gaststätte, den Fußallverein, viele Arbeitsplätze. Wegen ihrer Schulden unterliegt sie einem lähmenden Sparzwang. Und kein Politiker kommt, um zu schauen, ob man für die Leute hier nicht doch mal was tun könnte. "Es ist ganz simpel", sagt die Bürgermeisterin Ingelore Grygula, "man hat uns hier vergessen."

Nur die NPD hat Koblentz und die anderen vorpommerschen Dörfer nicht vergessen. Sie bedient das Gefühl der Leute, der Staat werfe das Geld für Flüchtlinge zum Fenster raus, während sie selbst mit schmaler Rente, Hartz IV oder dürrem Lohn auskommen müssen.

Keine Geschichten von wilden Glatzköpfen

Der Frust ist greifbar. Wenn man mit Koblentzern spricht, beschweren sie sich über ignorante Behörden und ungleiche Verhältnisse. Über den Euro. Über Angela Merkel. Über den Schulbus, in dem die Flüchtlinge den heimischen Kindern die Sitzplätze wegnähmen. Über den Umstand, dass einfach nichts besser werde, nicht mal die Dorfstraße, die ein holpriges Chaos aus Kopfstein, Asphaltflecken und Sand ist. Und ein Dorfbewohner gibt offen zu: "Ich habe die NPD gewählt. Weil sonst hier nichts passiert. Wir haben ja nicht aus Überzeugung NPD gewählt. Die sollten mal einen Schrecken bekommen." Und diesmal? Klarer Fall: "Ich wähle die AfD."

Dass sich in den vergangenen fünf Jahren gar nichts getan hätte, kann man nicht sagen. Aber Veränderungen wie die Einführung des Mindestlohns erreichen manche Koblentzer nicht mehr. Sie sind den etablierten Parteien in den Jahren nach der Wende abhandengekommen. Als hätten deren wichtigste Leute nie richtig reingehorcht in diese entfernte Ecke Deutschlands. "Jetzt brauchen sie auch nicht mehr zu kommen", sagt Ingelore Grygula. Keiner müsse sich wundern, wenn bei dieser Wahl die AfD-Werte Richtung Sonne und Mond schießen in Koblentz. Die Geschichte ihres Dorfs ist keine von wilden Glatzköpfen und Nazi-Parolen. Sie erzählt von gebrochenem Stolz und Ohnmachtsgefühlen. Es ist eine traurige Geschichte.

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