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Krise in der Ukraine:Der Winter naht, die Verzweiflung wächst

Derweil steigt die Zahl der Toten, der ukrainischen Armee fehlt es an fast allem, die Freiwilligen-Bataillone sind schlecht ausgebildet, die Zahl der Desertionen nimmt zu. Der Winter naht, und die Verzweiflung über eine schier unlösbare Aufgabe wächst, aller patriotischen Emphase zum Trotz. Denn nach einem baldigen Sieg, an den in der Ukraine ohnehin niemand so recht zu glauben wagt, müssten die finanziellen, politischen und vor allem emotionalen Aufräumarbeiten beginnen: der enorm teure Aufbau einer zerstörten Region.

Und die schwierige Annäherung an jene entfremdeten, verbitterten Bürger, die trotz der massiven Kämpfe geblieben sind. Die aber haben mittlerweile genauso viel Hass auf die ukrainischen Granaten entwickelt wie auf die russischen. Es ist zu bezweifeln, dass mehr Macht für die Regionen, wie Poroschenko sie plant, an der Zerrüttung und dem allseitigen Misstrauen viel ändern würde.

Was bleibt Poroschenko zu tun?

Zwar gilt: Auch Putins Separatisten können die zertrümmerten Reste einer heruntergekommenen Industrielandschaft in einem feindlichen Umfeld nicht dauerhaft halten und regieren wollen. Aber die andauernden und aus Russland befeuerten Kämpfe reichen für eine permanente Destabilisierung der Ukraine. Und sie reichen, um Poroschenko und seinen Friedensplan zu desavouieren, der nur mit, nicht gegen Moskau durchsetzbar ist. Wladimir Putin muss also nicht viel tun, er kann abwarten und den Zustand vorerst in der Schwebe halten.

Was aber bleibt Präsident Poroschenko, was bleibt der Regierung in Kiew zu tun? Sie muss die Bevölkerung, wohl oder übel, darauf vorbereiten, dass der Teil des Donbass, der noch immer in der Hand der prorussischen Kräfte ist, verloren ist - entweder, weil die Rückeroberung zu viele Menschenleben kosten und den schweren Konflikt mit Moskau noch verschärfen würde; oder weil tatsächlich Verhandlungen mit den Separatisten geführt würden, die aber kaum je in einer Umsetzung von Poroschenkos Friedensplan münden würden.

Der sieht zwar eine Verfassungsänderung, den Schutz der russischen Sprache und neue Arbeitsplätze in der Region vor, alles gut und richtig. Nur: Damit würden die Separatisten die Entscheidungsgewalt über den Donbass an Kiew zurückübertragen. Und danach sieht es derzeit nun wirklich nicht aus.

© SZ vom 28.08.2014/fued
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