Krise im Nordirak Riskante Hilfe zur Selbsthilfe

Die kurdischen Peschmerga schießen zwar nicht mit Jagdflinten, brauchten aber bessere Waffen.

(Foto: dpa)

Die Kurden müssen sich gegen die Terrormiliz IS verteidigen können, sind aber deutlich schlechter ausgerüstet. Für Europa und die USA führt daher wohl kein Weg an Waffenlieferungen vorbei. Doch das Begleitrisiko ist hoch.

Kommentar von Tomas Avenarius

Wenn irgendwo geschossen wird, verfällt das politische Berlin in einen sehr deutschen Aktionismus. Abgeordnete sind gegen militärisches Eingreifen oder Waffenlieferungen, bevor überhaupt klar ist, ob und wie Berlin eine Rolle spielen könnte. Einzelstimmen bürsten bemüht gegen den Strich. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Karl-Georg Wellmann etwa fordert nun, den nordirakischen Kurden Kriegsgerät zu senden. Die Kopfabschneider vom Islamischen Staat (IS) seien bestens bewaffnet. Da könnten "die Kurden nicht mit Jagdflinten dagegenhalten".

Was die Gefährlichkeit der Militanten angeht, hat der Abgeordnete recht. Die Kurden sind den Kämpfern des selbsternannten Kalifen unterlegen; dessen Militante haben modernste amerikanische Waffen von der irakischen Armee erbeutet. Der Rest ist Unsinn. Die kurdischen Peschmerga schießen nicht mit Jagdflinten. Als die Saddam-Diktatur mitsamt ihrer Großarmee 2003 unterging, haben die Kurden riesige Mengen an Panzern und anderem Sowjet-Material erbeutet. Dazu verfügen sie über US-Waffen, an denen die Amerikaner sie ausgebildet haben. Mit diesem Kriegsgerät und mehr als 100 000 Kämpfern hatten die Kurden sich ziemlich sicher gefühlt gegenüber der aggressiven Zentralregierung in Bagdad.

Angesichts der Gefahr durch die Blitzkrieger reichen diese Waffen aber nicht mehr zur Selbstverteidigung. Daher erwarten die Kurden-Führer Hilfe von den Amerikanern und den Europäern. Und damit theoretisch auch von den Deutschen. Nur: Gesagt haben sie es bisher nicht. Deutsche Rüstungsgüter würden ihnen auch wenig helfen. Die Peschmerga sind daran nicht ausgebildet. Eine Jagdflinte lässt sich ohne Vorwissen gebrauchen, ein Radpanzer oder ein MG nicht. Wenn Kriegsgerät nach Kurdistan geschickt wird, dann amerikanisches oder russo-sowjetisches. Damit können die Peschmerga sofort schießen.

Die Kurden müssen sich gegen den IS verteidigen können

An solchen Waffenlieferungen führt nun wohl kein Weg mehr vorbei. Die Islamisten stehen an der Grenze zum Kurdengebiet und werden lediglich von der US-Luftwaffe aufgehalten. Aber die amerikanischen Piloten können nicht Monate oder Jahre lang bombardieren; Bodentruppen einsetzen wollen weder Amerikaner noch Europäer; und die für Milliarden ausgerüstete irakische Armee ist ein Lumpenhaufen. Die Kurden müssen sich also selbst verteidigen können. Denn dass sie den Islamisten standhalten, liegt im Interesse der USA und Europas, der Nachbarstaaten des Irak und der Zentralregierung in Bagdad.

Das Begleitrisiko ist allerdings enorm. Die Kurden sind vom Islamischen Staat bedroht, aber können selbst auch andere bedrohen. Sie gehören zu einem Land, das zu zerbrechen droht, das in verfeindete Religionsgruppen und Ethnien gespalten ist, in dem sich Hunderttausende Soldaten und Milizionären finden. Jedes neue Sturmgewehr mag gegen den Islamischen Staat eingesetzt werden, aber in einem Bürgerkrieg auch gegen andere. Ein Bürgerkrieg im Irak ist alles andere als unwahrscheinlich, die Kurden liebäugeln mit dem eigenen Staat, sehen neue Wirren als Chance zur Unabhängigkeit.

Natürlich bleibt Hoffnung auf eine politische Lösung. Aber keiner sollte darauf wetten. Wenn in Bagdad drei Monate nach der Parlamentswahl nun doch endlich ein neuer Premierminister bestimmt wird, muss dieser sich an der Versöhnung der verfeindeten Volksgruppen, der Sunniten, Schiiten und Kurden, versuchen. Gleichzeitig muss er mit einer demoralisierten Armee die um sich schießende Terror-Miliz IS bekämpfen. Dass die Kurden in dieser Lage mehr den Waffen als guten Wünschen vertrauen, kann man ihnen schwer verübeln. Das macht es schwer, ihre Bitte ohne jede Alternative zurückzuweisen.