Kriminalität:Wie gefährlich das Leben in Deutschland ist

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Kriminalität: Eine U-Bahn in München. Fast zwei Drittel der Frauen fühlen sich nachts allein im öffentlichen Personennahverkehr nicht sicher.

Eine U-Bahn in München. Fast zwei Drittel der Frauen fühlen sich nachts allein im öffentlichen Personennahverkehr nicht sicher.

(Foto: Robert Haas)

Eine BKA-Studie offenbart: Cyberkriminalität und Sexualdelikte kommen häufiger vor, als die offiziellen Statistiken zeigen. Im Alltag fühlen sich die Deutschen trotzdem sicher - aber nicht überall.

Von Markus Balser, Berlin

Wie viele Menschen Opfer von sexueller Gewalt oder Belästigungen werden? Wie viele im Internet übers Ohr gehauen werden? Wie viele Fahrräder in Deutschland aus Hinterhöfen verschwinden? Deutschlands Sicherheitsbehörden führen über alle Anzeigen akribisch Buch. Seit Jahren allerdings fragen sich die Behörden auch, wie groß die Dunkelziffer all jener Fälle ist, die gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden. An diesem Dienstag veröffentlichte das BKA zusammen mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) eine neue Studie, die darauf Antworten liefert.

Denn die Behörden haben die Deutschen in den vergangenen zwei Jahren in der groß angelegten Studie "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland" über ihre Kriminalitätserfahrungen und ihr Sicherheitsgefühl befragt. Deutschland sei ein vergleichsweise sicheres Land, urteilte das BKA nach Auswertung der Daten - sowohl hinsichtlich der vorgefallenen Taten als auch "im Hinblick auf die von den Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommene Sicherheit".

Die Dunkelziffer ist in einigen Bereichen groß

Allerdings macht die Studie auch klar, dass die Dunkelziffer in einigen Bereichen groß ist. Am größten wohl bei der Cyberkriminalität. In den letzten zwölf Monaten vor der Befragung wurden 13,5 Prozent der deutschen Bevölkerung Opfer einer Straftat im Netz - meist in Form von "Waren- und Dienstleistungsbetrug". Nicht einmal jede fünfte Cybertat wird laut BKA jedoch angezeigt. Das Dunkelfeld sei enorm groß, räumte BKA-Chef Holger Münch ein.

Das bringe große Herausforderungen bei der Verbrechensbekämpfung mit sich, warnten die Ermittler. Es werfe die Frage auf, wie dieser Kriminalitätsbereich stärker sichtbar gemacht werden könne. Auch außerhalb des Netzes sind Betrugsfälle und Diebstähle weit verbreitet. Gut zwölf Prozent der Deutschen gaben jeweils an, in den vergangenen zwölf Monaten beklaut oder betrogen worden zu sein.

Hohe Zahlen weist die Befragung auch bei Sexualdelikten aus. Immerhin sechs Prozent der Frauen gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten Opfer einer solchen Tat geworden zu sein. Das Bundeskriminalamt sieht auch hier das Problem einer hohen Dunkelziffer. Denn selbst bei schweren Vergehen wie sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung liegt die Anzeigenquote nur bei 9,5 Prozent.

Schwere physische Gewaltdelikte wie etwa Körperverletzungen, bei denen Waffen oder Gegenstände eingesetzt wurden (0,5 Prozent bis 0,8 Prozent) sowie schwere Sexualdelikte wie sexueller Missbrauch oder Vergewaltigung (0,3 Prozent), sind der Studie zufolge jedoch selten.

Wegen der zahlreichen Opfererfahrungen sieht das BKA das Sicherheitsgefühl der Deutschen in "bestimmten Bereichen des Alltags in beachtlichem Ausmaß beeinträchtigt". Weniger als die Hälfte der Bevölkerung (46 Prozent) fühlt sich etwa nachts in öffentlichen Verkehrsmitteln sicher. Unter Frauen ist dieser Anteil (33 Prozent) sogar noch deutlich geringer als unter Männern (60 Prozent).

Weit verbreitet ist zudem die Angst, im Internet Opfer von Betrug zu werden. Ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger Deutschlands schätzt das Risiko als hoch ein, selbst Opfer einer solchen Straftat zu werden. Ein Viertel der Deutschen vermeidet deshalb, Geldgeschäfte online abzuwickeln.

Das Gefühl von Unsicherheit im öffentlichen Raum führt dem BKA zufolge auch zu problematischen Folgen. Zum Schutz vor Kriminalität tragen 1,5 Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren häufig oder sehr oft ein Messer und 3,8 Prozent Reizgas bei sich. "In absoluten Zahlen bedeutet dies einen erheblichen Bewaffnungsgrad", heißt es in der Studie.

Unterschiedliche Furcht bei Bürgern mit und ohne Migrationshintergrund

Auffällig sei laut BKA, dass Bürger mit einem Migrationshintergrund aus der Türkei oder Polen stärker besorgt seien, Opfer von Kriminalität zu werden, als Personen ohne Migrationshintergrund. Groß sei vor allem die Furcht, Opfer von "Vorurteilskriminalität" zu werden, so die Studie.

Die Studie war ein Mammutprojekt und eine der größten Dunkelfeldstudien, die es in Deutschland je gab. An mehr als 120 000 Deutsche ließ das BKA im Jahr 2020 Fragebögen verschicken. Teilgenommen haben immerhin mehr als 45 000 Bürger. Die Pläne für eine solche Befragung liefen zwar schon seit 20 Jahren, durchgeführt wurde sie bislang nie. In anderen Ländern wie den USA und in Großbritannien werden solche Studien bereits seit einigen Jahrzehnten durchgeführt.

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