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Krieg in Syrien:Ein Militäreinsatz birgt zwei Risiken

Egal, wofür sich Trump entscheidet, fast jeder derzeit zur Debatte stehende Militäreinsatz birgt zwei grundsätzliche Risiken: Erstens könnte ein Angriff dazu führen, dass sich die USA doch wieder stärker in Syrien engagieren müssten, zumindest dann, wenn sich Washington davon eine größere Wirkung verspricht als beim letzten Mal. Das würde jedoch in direktem Widerspruch zu dem stehen, was Trump noch vergangene Woche angekündigt hatte: einen raschen, kompletten Abzug der US-Truppen. "Wir gehen raus aus Syrien, sehr bald schon", hatte er gesagt.

Diese Ankündigung traf US-Verteidigungsminister James Mattis und seine Generäle völlig unvorbereitet. Wie die Washington Post am Donnerstag berichtete, habe Trump vor seinen Beratern davon gesprochen, dass er die etwa 2000 im Land stationierten Soldaten bereits innerhalb von 48 Stunden abziehen wolle. Mattis sei es dann immerhin noch gelungen, Trump davon zu überzeugen, die Truppen ein weiteres halbes Jahr in Syrien zu belassen, um wenigstens den Kampf gegen die Terrormiliz des sogenannten Islamischen Staates zu Ende zu führen.

Zweitens steigt mit einem US-Angriff auf Syrien das Risiko einer direkten Konfrontation mit Assads Verbündeten Russland und Iran. Russland hat bereits damit gedroht, nicht nur alle Raketen abzuschießen, die Syrien anfliegen, sondern auch die Objekte, von denen sie abgefeuert werden - und es war offenbar diese Drohung, die Donald Trump zum Anlass nahm, über seine "schönen, neuen und smarten" Waffen zu twittern. Tatsächlich hat Russland in Syrien seine Fähigkeiten zur Abwehr von Raketen kontinuierlich ausgebaut. Armeekreise in Washington warnen besonders vor den russischen Boden-Luft-Abwehrsystemen vom Typ S-400, die über eine hohe Reichweite verfügen und als schlagkräftig gelten.

Die US-Marine verfügt im östlichen Mittelmeer über zwei Schiffe

Die Präsenz dieser Abwehrsysteme lässt Fachleute vermuten, dass ein US-Angriff zumindest in einer ersten Phase nicht mit bemannten Kampfjets ausgeführt würde, sondern mit Marschflugkörpern. Dafür kämen wohl abermals Seestreitkräfte zum Einsatz. Die US-Marine verfügt im östlichen Mittelmeer über zwei Schiffe, die Tomahawk-Raketen aus einer sicheren Distanz abfeuern können. Auch Großbritannien und Frankreich verfügen in der Region über gewisse Kapazitäten.

Auch bei einem Angriff dieser Art besteht allerdings die Gefahr, dass russische Einrichtungen und Truppen getroffen werden, selbst wenn diese gar nicht Ziel einer Attacke sind. Vergangenes Jahr, beim Luftschlag auf Assads Militärflugplatz, informierte die US-Regierung Russland 60 bis 90 Minuten im Voraus, um Moskau Zeit zu geben, die rund 100 Soldaten abzuziehen, die sich damals auf dem Flugplatz befanden. Bei allem Kriegsgeschrei der vergangenen Tage: Funktionierende Informationskanäle gibt es auch jetzt. Die bestehende Hotline für Krisenkommunikation zwischen Washington und Moskau sei aktiv, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag. Er rief dazu auf, alle Schritte zu vermeiden, welche die Spannungen in Syrien noch erhöhen könnten.

Welche Schritte Trump ergreifen wird, hängt wohl auch von den Leuten ab, die ihn derzeit beraten. Während Verteidigungsminister Mattis als einer gilt, der mäßigend auf den Präsidenten einwirkt, ist nicht ganz klar, wofür John Bolton steht. Der neue Nationale Sicherheitsberater ist ein militärischer Hardliner. Seine früheren Aussagen lassen jedoch keinen klaren Schluss darüber zu, wie er über einen Einsatz in Syrien denkt. Als Trumps Vorgänger Barack Obama 2013 einen Luftschlag erwägte, vertrat Bolton noch die Ansicht, dass ein Angriff ein Fehler wäre. Trumps Aktion vom vergangenen Jahr begrüßte er allerdings.

Das Schwierigste wäre ein längerer Einsatz in der Region

Zwischenzeitlich sprach sich Bolton für eine viel extremere Variante aus: Die USA sollten, um die IS-Milizen zu besiegen, auf dem Gebiet von Syrien und Irak die Schaffung eines neuen, sunnitischen Staats unterstützen, schrieb er 2015 in der New York Times. Der militärische Teil sei dabei nicht einmal das Schwierigste: Entscheidend sei, dass sich die USA zu einem längeren Einsatz in der Region verpflichteten. Den Begriff Nation-Building verwendete Bolton, der während des Irak-Kriegs in der Regierung von George W. Bush diente, nicht - aber es klang genauso.

Einen guten Draht zu Trump hat schließlich Mike Pompeo, der heutige CIA-Direktor und designierte neue Außenminister. Bei seiner Anhörung vor einem Senatsausschuss gab er sich am Donnerstag Mühe, seinen Ruf als außenpolitischer Falke zu relativieren. "Krieg ist immer der letzte Ausweg", sagte er. Zugleich unterstrich er, dass er gegenüber Russland eine harte Haltung einnehmen werde. Die Jahre, in denen die USA gegenüber Moskau eine sanfte Politik vertreten hätten, seien vorbei. Die US-Regierung habe eine lange Liste von Maßnahmen, um die Kosten für Putin zu erhöhen.

Wie all diese Positionen zu Trump durchdringen, was der Präsident damit macht - das weiß niemand. Ob und wann und wie die USA in den Krieg ziehen, hängt ab von der Tagesform Donald Trumps.

© SZ vom 13.04.2018/fie

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