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Krieg in Syrien:Aleppos Osten droht der Untergang

Syrische Regierungstruppen rücken auf die Rebellenviertel im Ostteil vor.

(Foto: AFP)
  • Ab Freitagabend will Russland wieder Luftangriffe auf die umkämpfte Stadt fliegen.
  • Über gesicherte Korridore sollen bis dahin die Zivilbevölkerung wie auch die Rebellen fliehen können, doch die halten das für eine Falle.
  • Das Regime um Syriens Machthaber Baschar al-Assad droht jedem mit dem Tod, der sich weiter im von Rebellen gehaltenen Ostteil der Stadt aufhält.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Der Morgen in Aleppo war ruhig, wie Bewohner der Stadt der Süddeutschen Zeitung am Freitag berichteten, doch die Furcht ist groß, dass eine neue Eskalation bevorsteht, die alles bisherige in den Schatten stellt. Russland hatte den Rebellen eine Frist gesetzt, bis Freitag um 19 Uhr die Stadt durch zwei Korridore zu verlassen, für Zivilisten stünden sechs weitere Wege bereit. So lange werde Moskau auf Luftangriffe verzichten. Flugblätter, die über der Stadt abgeworfen wurden, stellten drastisch die Alternative dar: Die grünen Busse, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad zum Abtransport der Menschen auffahren lässt - oder der Tod.

Der einzige russische Flugzeugträger und ein Raketenkreuzer sind im Mittelmeer vor Syrien eingetroffen. Russlands Präsident Wladimir Putin hat angekündigt, "Terroristennester" auszuräuchern und machte deutlich, dass er dabei keine Unterschiede sieht zwischen der als terroristisch eingestuften Fateh al-Scham, Nachfolge-Organisation der mit al-Qaida verbundenen Nusra-Front, und Rebellen, die in Genf an Friedensgesprächen beteiligt waren und vom Westen, der Türkei und den Golfstaaten unterstützt werden.

Die Fluchtkorridore seien eine Finte und nicht sicher, sagen die Rebellen

Die Rebellen haben abgelehnt, die Stadt zu verlassen. Sie sehen darin eine Aufforderung zur Kapitulation. Von Westen her hatten sie seit Beginn der Woche versucht, den Belagerungsring um den von ihnen kontrollierten Osten der Stadt zu durchbrechen. Stellenweise drangen sie bis auf 1,5 Kilometer an die Grenzlinie vor. Ein Bündnis islamistischer Gruppen und der Freien Syrischen Armee attackierte bis in die Nacht zum Freitag Stellungen in den von der Regierung kontrollierten Vierteln im Westteil mit Raketen, Granaten und Autobomben. Annähernd 70 Menschen kamen dabei nach Regierungsangaben seit Montag ums Leben, unter ihnen auch etliche Zivilisten, 100 wurden verletzt. Die UN warfen den Rebellen wegen der Angriffe auf Wohngebiete Kriegsverbrechen vor.

Russland beschuldigt die Rebellen, Zivilisten zu hindern, den Ostteil der Stadt zu verlassen; laut den UN-Angaben sind dort etwa 275 000 Menschen eingeschlossen. Die Zahl der Rebellen beziffern sie auf 8000 bis 9000, davon gehören laut dem UN-Sondergesandten Staffan de Mistura weniger als 900 zur Fateh al-Scham. Die Rebellen werfen Russland vor, die Korridore seien eine Finte, das Angebot für freies Geleit sei nicht glaubwürdig. Genutzt wurden sie auch am Freitag kaum. Bewohner der Stadt sagten, die Menschen wollten nicht in Gebiete gehen, die das Regime kontrolliert, weil sie Racheaktionen und willkürliche Verhaftungen befürchteten. Zudem hielten sie die Wege nicht für sicher.

Die Vereinten Nationen hatten es abgelehnt, über die schon vor zwei Wochen eingerichteten Korridore Hilfsmittel in die Stadt zu bringen oder Verletzte aus der Stadt herauszubringen. Weder die Rebellen noch regierungstreue Kräfte könnten für die Sicherheit der UN-Mitarbeiter garantieren, teilten sie mit. Seit Juli haben keine Hilfslieferung mehr den Ostteil von Aleppo erreicht.

© SZ vom 05.11.2016/stein
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