Syrischer Bürgerkrieg Rebellen kontern mit Raketen

Mutmaßlich im Besitz von Panzerabwehrlenkwaffen: Eine syrische Rebellengruppe bewegt sich am 17. Oktober in der Umgebung von Aleppo.

(Foto: AFP)
  • Klare Erfolge sind in Syrien sowohl für die Regierungstruppen als auch für deren Gegner selten.
  • Der Kampf gegen die Terrormiliz IS ist sowohl für Moskau als auch das syrische Regime zweitrangig.
  • Leidtragender ist die Zivilbevölkerung.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Seit vier Wochen fliegt Russland nun Luftangriffe in Syrien, um die Armee von Machthaber Baschar al-Assad zu unterstützen. Mehr als "800 terroristische Ziele" seien bis zum Wochenende getroffen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Zu nennenswerten Geländegewinnen für die Regierungstruppen haben aber bisher weder das Bombardement durch die russischen Jets noch die parallel begonnenen Bodenoffensiven und die daraus resultierenden schweren Gefechte geführt. "Die Situation ist durch eine Menge Vor und Zurück gekennzeichnet", sagt Nahost-Analyst Columb Strack von IHS Country Risk, einer Beratungsfirma, die den Krieg in Syrien beobachtet und basierend auf verschiedenen Daten hochauflösende Karten des Konfliktgebiets erstellt.

Das Regime konzentriert seine Offensiven auf vier Gebiete. Es versucht, ein Bündnis verschiedener Rebellen-Einheiten nach Norden aus der Provinz Latakia zu drängen. Sie ist das Hauptsiedlungsgebiet der Alawiten, jener schiitischen Sekte, der auch die Familie Assad entstammt.

Die Allianz aus dschihadistischen wie auch gemäßigt-islamistischen und säkularen Gruppen hatte im Frühjahr die angrenzende Provinz Idlib erobert und war zur Bedrohung für eine der wichtigsten Hochburgen Assads geworden. Es sei aber derzeit unwahrscheinlich, dass die Armee in der Lage sei, Idlib zurückzuerobern, sagt Strack. Sie mache nur in kleinen Schritten Boden gut. Ähnlich stelle sich die Situation in Hama dar, dem zweiten Zentrum der Gefechte.

Der Kampf gegen den IS ist nachrangig, für Assad wie für Moskau

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Offenbar geht es für das Regime zunächst vor allem darum, nach Monaten des Rückzugs aus der Defensive zu kommen. Dann will es Positionen zurückerobern, die sich auch durch den nahenden Winter leichter verteidigen lassen, und wieder die Initiative auf dem Schlachtfeld gewinnen.

Der Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ist dabei nachrangig, auch für Moskau. Vier von fünf Angriffen der russischen Luftwaffe gelten Gebieten, in denen der IS nicht präsent ist. Auch die Offensive gegen ein überwiegend von gemäßigten Rebellen gehaltenes Gebiet nördlich von Homs passt in dieses Muster. Dort hatte es in den vergangenen zwei Jahren eine Reihe lokaler Waffenstillstände gegeben. Das Regime belagert den 50 mal 30 Kilometer großen Landstrich und hat immer wieder Vorstöße in das Gebiet versucht - vergeblich.

Ein maßgeblicher Faktor dafür, dass die Regierungstruppen kaum vorankommen, sind moderne Panzerabwehrraketen vom Typ BGM-71 TOW. Diese Waffen aus amerikanischer Produktion haben sunnitische Golfstaaten an etwa 40 Rebellengruppen geliefert.

Seit ihrer ersten Sichtung in Syrien Ende März 2014 wurden nach Zählung von IHS 603 dieser Raketen abgefeuert. Allein seit Anfang Oktober waren es bis Montagabend 102. Mindestens 60 Panzer und gepanzerte Fahrzeuge der Regierungstruppen wurden zerstört. Rebellenkommandeure berichten, dass sie seit der russischen Intervention keine Probleme mehr haben, an die früher nur in geringen Stückzahlen gelieferten Waffen zu kommen.

Die Front in Hama, Idlib und teils auch bei Homs sei systematisch mit den Raketen verstärkt worden. Zudem setzt der Großteil der russischen Jets, Erdkampfflugzeuge vom Typ Suchoi Su-25, entgegen der vom Fernsehen verbreiteten Bilder, ungelenkte Bomben und Raketen ein. Fraglich ist überdies, wie brauchbar die hauptsächlich von der syrischen Armee gelieferte Aufklärung und daraus gewonnene Zielkoordinaten sind.

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Auch aus Aleppo, dem vierten Zentrum der Kämpfe, berichten Kommandeure der gemäßigten Freien Syrischen Armee, sie hätten jüngst TOW-Raketen erhalten. Auf Aleppo, die zweitgrößte Stadt nach dem Großraum Damaskus, konzentrierten in den vergangenen Tagen sowohl die russische Luftwaffe als auch die syrischen Truppen ihre Angriffe.

Sie wollen einerseits den von der Terrormiliz IS eingeschlossenen Luftwaffenstützpunkt Kuweyris südöstlich der Stadt freikämpfen. Zugleich aber versuchen sie, den Rebellen die Verbindung aus den von ihnen kontrollierten östlichen Stadtteilen Richtung der türkischen Grenze abzuschneiden, eine Vorbereitung für eine Belagerung oder gar Rückeroberung. Vergangene Woche verloren sie aber die Kontrolle über die Zufahrtsstraße von Khanasser an den IS - und damit den Korridor von Damaskus in die von der Regierung gehaltenen westlichen Teile Aleppos.

Die UN zählen 120 000 Vertriebene seit Beginn der Luftangriffe

In Aleppo kämpfen neben syrischen Einheiten die libanesische Hisbollah und freiwillige Schiiten-Milizen aus Iran und dem Irak, die von Offizieren der iranischen Revolutionsgarden kommandiert werden. Es gibt Berichte, dass Russland Elitesoldaten nach Syrien verlegt, die Ziele für Luftangriffe markieren sollen. Für den Einsatz russischer Soldaten in Bodenkämpfen über den Selbstschutz hinaus gibt es bisher keine belastbaren Belege, auch wenn das Verteidigungsministerium am Dienstag den Tod eines Soldaten in Syrien bestätigte. Der 19-Jährige habe sich erhängt, hieß es offiziell, eine Version, die seine Eltern bestreiten.

Klar sind die verheerenden Folgen der Kämpfe für die Zivilbevölkerung: Laut den UN wurden allein seit Beginn des Monats 120 000 Menschen in den Provinzen Aleppo, Hama und Idlib von den Kämpfen und den russischen Luftangriffen aus ihren Häusern vertrieben. Diese treffen laut Menschenrechtlern immer wieder zivile Ziele. Die meisten Menschen können jedoch wegen der Kämpfe nicht aus den betroffenen Gebieten fliehen.