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Krieg in Libyen:17.45 Uhr - der erste Treffer

Wenige Stunden nach Ende des Pariser Gipfels kommt gegen 17.45 Uhr die erste offizielle Nachricht von Tod und Zerstörung aus Libyen. Ein libysches Kampfgefährt sei von französischen Flugzeugen angegriffen worden. Kurz darauf Konkreteres: Vermutlich vier Panzer aus Gaddafis Armee seien zerstört worden.

Am Abend gegen 20 Uhr schließlich: US-Kriegsschiffe und ein britisches U-Boot beschießen libysche Stellungen massiv mit Tomahawk-Marschflugkörpern. Abgefeuert werden die insgesamt 110 Raketen auf 20 Ziele im Land, nach US-Angaben vor allem Luftabwehrstellungen nah Tripolis und Misrata.

Am frühen Sonntagmorgen wird dann offenbar Tripolis aus der Luft angegriffen. Die Luftabwehr der Stadt war in Aktion, heftiges Feuer aus Flakgeschützen war zu hören. Der US-Fernsehsender CNN zeigte Aufnahmen von Leuchtspurgeschossen. Es habe Explosionen gegeben. Daraufhin haben die Flugabwehr zu schießen begonnen. Der Schusslärm habe etwa zehn Minuten gedauert, hieß es beim britischen Sender BBC. Offenbar hatte ein Flugzeug die Kaserne in Bab el Asisija im Süden von Tripolis überflogen, in der Machthaber Muammar al-Gaddafi seine Residenz hat.

Die Alliierten wollen sich schnellstmöglich die Lufthoheit in Gaddafis Reich sichern und sein Militär gleich zu Beginn so sehr einschüchtern, dass es von neuen Angriffen auf die Opposition ablässt.

Zivilisten wurden verletzt - angeblich

Über Schäden, Tote, Verletzte gibt es bis spät in die Nacht keine unabhängigen Informationen. US-Angaben zufolge wurden die libyschen Luftverteidigungssysteme schwer beschädigt. Den libyschen Staatsmedien zufolge dagegen wurden in vier Städten "zivile Ziele von den Angriffen der feindlichen Luftwaffe der Kreuzritter getroffen", auch ein Krankenhaus. 48 Menschen seien ums Leben gekommen, 150 Personen verletzt worden. Von "barbarischer Agression" spricht Mohammed al-Sawi, der Generalsekretär des libyschen Volkskongresses. Die offizielle Nachrichtenagentur Jana zitiert einen Sprecher der libyschen Streitkräfte, dem zufolge es bei den Angriffen Verletzte gab.

So wird es nun weitergehen, die Zeit der Propaganda ist angebrochen. Das libysche Staatsfernsehen meldet in der Nacht, ein französisches Kampfflugzeug sei nahe Tripolis abgeschossen worden. Die französische Armee dementiert umgehend.

Nur Tage, nicht Wochen soll dieser Krieg dauern

Gaddafis Gegner im Land feiern die Offensive der Alliierten - sie ist vermutlich ihre letzte Chance, den Despoten noch zu stürzen. Zu stark waren sie in den vergangenen Tagen, in denen sich die Welt mehr mit dem Desaster in Japan beschäftigte, in die Defensive geraten.

Gaddafi hat seit Wochen brachial sein Militär gegen die Aufständischen eingesetzt und erst dann ein weicheres Vorgehen angekündigt, als der UN-Sicherheitsrat ihm am Donnerstag ultimativ mit Krieg drohte. Den Alliierten zufolge ließ er der Ankündigung allerdings keine Taten folgen - weshalb ihnen zufolge nun Taten folgen mussten.

Die Attacken der Alliierten sollen nun ständig weitergehen. Die Kämpfe im Land selbst werden wohl vor allem von Franzosen und Briten geführt, von den USA nur unterstützt. Obama hat nach eigenen Worten den Einsatzbefehl für eine "begrenzte Militäroperation in Libyen" gegeben, und "diese Aktion hat jetzt begonnen", sagt er in der Nacht und schränkt deutlich ein: "Wir werden keine, ich wiederhole, keine US-Truppen am Boden einsetzen." Die New York Times schreibt, der Präsident wolle US-Soldaten nur "Tage, nicht Wochen" einsetzen.

Gesteuert wird der US-Einsatz in Stuttgart

Der US-Einsatz hat den Namen "Odyssey Dawn" ("Dämmerung einer Odyssee") und wird vom Afrika-Kommando der US-Armee befehligt, das in Stuttgart sitzt. Letzterer Umstand weist darauf hin, dass auch Deutschland eine Rolle in den Plänen der Allianz gegen Gaddafi hat.

Kanzlerin Angela Merkel hat an dem Gipfel in Paris teilgenommen und den Partnern erklärt, wieso sich Deutschland bei der UN-Resolution zusammen mit China und Russland enthalten hat. Dann hat sie versprochen, dass die Verbündeten für ihren Feldzug natürlich die US-Basen in Deutschland benutzen dürfen.

Außerdem wird die deutsche Regierungschefin im Bundestag durchsetzen wollen, dass die Bundeswehr mehr Awacs-Aufklärungsflüge in Afghanistan unternimmt. Das soll den anderen Ländern mehr Aufklärungskapazität über Libyen verschaffen. (mehr zu Deutschland...)

Hoffen auf die Übermacht des Westens

Die große Frage ist: Wie steht es um Gaddafis Militär überhaupt? Das Internationale Institut für Strategische Studien in London, das jährlich Streitkräftestärken der Welt ermittelt, schätzt das libysche Heer auf rund 5000 bis 8000 Soldaten, dazu kommen Tausende Milizionäre, Stammeskämpfer und Mitglieder der Revolutionsgarde. Gaddafis Streitkräfte verfügen den Experten zufolge über bis zu 40 einsatzfähige, aber veraltete Jets - darunter französische und russische -, Helikopter und mehr als 160 leichte Schützenpanzer, verschiedene Artilleriegeschütze, zwei Diesel-U-Boote, eine Fregatte und mehrere Patrouillenboote. Unklar ist aber, inwieweit sie einsatzfähig sind (mehr dazu...), genauso wie bei den Rebellen, die einiges Kriegsgerät erobert haben.

Klar ist, dass die westlich geführte Allianz besser ausgestattet ist. Allein Frankreich kann rund 100 Kampfflugzeuge einsetzen, und das Bündnis gegen Gaddafi ist sehr groß; es reicht von Katar bis Kanada (zur Übersicht...). Die Hoffnung des Westens ist, dass die Offensive rasch übermächtige Kraft entfalten wird und den Despoten binnen Tagen zur Aufgabe zwingt.

Wobei die Alliierten Letzteres nicht offiziell als Kriegsziel ausgeben.

Als Clinton in Paris gefragt wird, ob es den USA und ihren Partnern um Gaddafis Sturz geht - da antwortet sie, der Schutz der Bevölkerung sei das Ziel dieses Kriegs.

© sueddeutsche.de/plö/Reuters/AFP/dpa/dapd/segi

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