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Krieg in Libyen:Gaddafi zieht in seine Entscheidungsschlacht

Der Westen gegen Muammar al-Gaddafi: Die von Frankreich und den USA geführte Kriegsallianz überzieht die Truppen des Despoten mit einem massiven Bombardement. Doch er gibt nicht auf, stößt wüste Drohungen aus - das gesamte Mittelmeer solle Schauplatz der Kämpfe werden.

Es ist fast Geisterstunde in Tripolis, als sich der libysche Despot zu Wort meldet. In einer Tonbotschaft, kurz und knapp. Ohne Bilder, die Aufschluss darüber ermöglichen würden, wie es Muammar al-Gaddafi gehen mag, wo er sich aufhält und ob die Mitteilung, die kurz vor Mitternacht im Staatsfernsehen verbreitet wird, überhaupt aktuell ist oder aufgezeichnet.

Qaddafi Orders Cease Fire, After United Nations Approves No Fly Zone Resolution

Operation "Odyssey Dawn": Von der USS Barry wird eine Tomahawk-Rakete gestartet. Insgesamt wurden über 110 auf Libyen abgefeuert.

(Foto: Getty Images)

Ihr Inhalt dagegen hat es in sich.

"Das Mittelmeer wird zum Schlachtfeld werden", droht der Diktator, der seit Wochen brutal den Aufstand der Opposition in seinem Land niederschlagen lässt. Er schwadroniert, die Angriffe der westlichen Koalition auf seine Armee seien "Auslöser eines zweiten Kreuzfahrerkrieges". Er droht mit Vergeltung: Es würden "zivile und militärische Ziele" im Mittelmeer angegriffen. "Die Interessen der Länder, die an der Aggression teilgenommen haben, sind in Gefahr." Und: Das libysche Volk ist bereit, die Kreuzritter zu bekämpfen. Wir werden die Waffenlager für alle Libyer öffnen." Dann ruft er die Länder Afrikas, Arabiens, Lateinamerikas und Asiens auf, ihm im Kampf beizustehen.

Ist diese Botschaft schon das letzte Aufbäumen eines sterbenden Regimes, das der westlich geführten Allianz nur leere Drohungen entgegenzusetzen hat? Oder ist Gaddafi ernster zu nehmen, als es viele in diesen Tagen vermuten: weil er nun in seine größte Schlacht ziehen und alles versuchen wird, um seinen Clan an der Macht zu halten?

Fest steht, dass er nicht das tun wird, wozu ihn der Westen noch Stunden zuvor aufgefordert hatte, nämlich die Waffen schweigen zu lassen, den Aufständischen im Land ihren Raum zu lassen, einer friedlichen Lösung eine letzte Chance zu geben.

Und so ist nun Krieg in Libyen.

Allen voran der Franzose Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama führen eine Allianz aus westlichen Staaten, die Gaddafis Kampf gegen die eigene Bevölkerung stoppen wollen - an diesem Samstag haben sie beschlossen, Ernst zu machen und zuzuschlagen.

"Wir müssen der Geschichte helfen"

Auf einem Gipfeltreffen am Nachmittag im Pariser Elysée-Palast sprechen Sarkozy und Obamas Emissärin Hillary Clinton mit anderen Partnern, vor allem dem Briten David Cameron, auch Arabern und dem widerwilligen Deutschland. Als sich das Treffen dem Ende zuneigt, fliegen schon die ersten französischen Kampfjets über libyschen Boden, um die Rebellenhochburg Bengasi im Osten des Landes vor Gaddafis Militär zu schützen.

Die Spitzenpolitiker verkünden nicht ohne Pathos, worum es ihnen geht: libysche Geschichte mitzuschreiben. "Frankreich ist entschlossen, seine Rolle in der Geschichte auszufüllen", so drückt es Sarkozy aus. Herman Van Rompuy, der EU-Ratspräsident: "Wir können nicht mit verschränkten Armen danebenstehen und diesen Massakern zusehen. Wir müssen der Geschichte helfen." Obama meldet sich von seiner Brasilien-Reise: "Das libysche Volk muss beschützt werden." (alle Reaktionen...)

Ein letzter Appell an Gaddafi ergeht noch. Er könne "das Schlimmste verhindern", die "Tür der Diplomatie" werde sich "wieder öffnen, wenn die Angriffe enden", sagt Sarkozy. Doch in Italien und anderen europäischen Ländern, auch auf Schiffen im Mittelmeer läuft die Kampfmaschinerie in diesen Minuten schon an.

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