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Krieg in der Ukraine:Straße um Straße, Block um Block

Crisis in Ukraine

Ukrainischer Soldat in einem Bus der Armee nahe Slawjansk.

(Foto: dpa)

Am 24. August, dem Unabhängigkeitstag, soll alles vorbei sein. Bis dahin will die ukrainische Armee Donezk und Lugansk unter Kontrolle bringen. Die Separatisten geraten in die Defensive, Russland zieht Truppen zusammen. Droht ein Entscheidungskampf?

Es ist nur eine Nachricht unter vielen, dass in Donezk, dort wo der Friedensprospekt und die Universitätsstraße sich kreuzen, ein Sprengsatz explodiert ist, als eine Gruppe bewaffneter Separatisten vorbeiging. Acht Menschen wurden verletzt. Ein möglicher Vorbote für das, was sich in den nächsten Wochen noch verstärken dürfte: Straße um Straße, Block um Block, so hat die ukrainische Armee angekündigt, will sie die Großstädte Donezk und Lugansk unter ihre Kontrolle bringen und damit den Machtkampf zwischen Kiew und den Separatisten im Osten des Landes gewinnen.

Sofort nach dem mutmaßlichen Abschuss des malaysischen Flugzeugs hat die Ukraine ihre Offensive verstärkt. Sie hat den militärischen Ring um Donezk und Lugansk enger gezogen; nun bereitet sie offenbar die Einnahme der Städte vor. Die Menschen, die geblieben sind, wurden gebeten, Donezk, Lugansk sowie Gorlowka über Flüchtlingskorridore zu verlassen. Droht nun also eine Art Entscheidungskampf, in dem dieser Konflikt blutig beendet wird?

Die Spannungen wachsen und damit auch die Probleme, etwa bei der Versorgung. Die Stadtbehörde von Lugansk sprach am Dienstag von einer "humanitären Katastrophe". Ein Teil der Einwohner habe seit Tagen keinen Strom, kein Licht, kein Internet. Der Müll könne nicht abtransportiert werden, und weil das Wasserwerk Luganskwoda inmitten des umkämpften Gebietes liegt und nicht mehr mit Chlor versorgt wird, kann das Trinkwasser nicht mehr richtig desinfiziert werden, wie die Agentur Unian berichtet. Kiew steht unter Zeitdruck. Am 24. August, dem Unabhängigkeitstag, soll alles vorbei sein. Dies sei das Ziel, wie ein Sicherheitsoffizieller der Kyiv Post anonym mitteilte.

Wie verhält sich Russland?

Doch die zentrale Frage lautet: Wie verhält sich Russland? In Kiew ist man sich offenbar bewusst, dass mit dem Vorstoß der Armee das Risiko einer Eskalation wächst. "Es kann sein, dass die Vorbereitung zum Sturm auf Donezk zum Vorwand für einen Einmarsch auf ukrainisches Gebiet wird", zitiert ein Donezker Onlinemedium den Vizesekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, Michail Kowal. "Alle Maßnahmen, die östlich der Ukraine laufen, zeugen davon, dass die russischen Streitkräfte sich auf aktive Kämpfe vorbereiten."

Auch hochrangige Vertreter der US-Streitkräfte warnten erneut vor einem möglichen Einmarsch regulärer russischer Truppen in die Ukraine. Russland habe seine Einheiten nahe der ukrainischen Grenze in den vergangenen Wochen wieder verstärkt, berichtet die New York Times unter Berufung auf das Pentagon. Demnach sollen sich bis zu 21 000 Mann unterschiedlicher Truppengattungen nur wenige Kilometer von der Grenze entfernt in Gefechtsbereitschaft halten.

"Wir wissen einfach nicht, was Putin denkt"

Experten des US-Geheimdienstes vermuten dahinter den Plan, russische Soldaten unter dem Vorwand einer "Friedensmission" in den Osten der Ukraine zu entsenden, sollte die ukrainische Armee im Kampf gegen die Separatisten weiter Boden gutmachen. "Je erfolgreicher die ukrainischen Kräfte sind, desto größer wird der Druck auf Moskau, die Lage eskalieren zu lassen", zitiert die Zeitung einen nicht namentlich genannten Geheimdienstvertreter. Dieser räumt allerdings auch ein: "Wir wissen einfach nicht, was Putin denkt."

Videos von Militärfahrzeugen mit dem Emblem russischer Friedenstruppen waren in den vergangenen Tagen auf Youtube und Twitter aufgetaucht, einige sollen auf ukrainischem Territorium aufgenommen worden sein. Eine unabhängige Überprüfung der Aufnahmen war nicht möglich. Bereits in der vorigen Woche hatte Barack Obamas Sicherheitsberater Antony Blinken von einer "deutlichen Neuausrichtung russischer Kräfte entlang der Grenze" gesprochen, die eine "sogenannte humanitäre Intervention" befürchten lassen. Ein Sprecher des russischen Außenministeriums hatte derlei Pläne zuletzt allerdings bestritten.

Nach dem Start einer groß angelegten Übung der russischen Luftwaffe am Montag bemühte sich das Verteidigungsministerium in Moskau, die Bedeutung des Manövers herunterzuspielen. Der Truppenübungsplatz Aschuluk im Gebiet Astrachan sei mehr als 1000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, sagte ein Ministeriumssprecher. Es handle sich um eine Routineübung, die nichts mit der Ukraine zu tun habe. Allerdings ging der Sprecher nicht auf Berichte ein, nach denen ein Teil der Übungen auf einem Gebiet in Grenznähe abgehalten werde. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jennifer Psaki, hatte zuvor Besorgnis geäußert. Manöver dieses Ausmaßes seien "provokativ und dienen nur dazu, die Spannungen weiter zu verschärfen".