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Winfried Kretschmann:An der Seite seiner Frau

Gerlinde und Winfried Kretschmann

"Ich brauche diese Zeit, um meiner Frau beizustehen. Dafür bitte ich um Verständnis": Winfried und Gerlinde Kretschmann.

(Foto: dpa)

Es war Gerlinde Kretschmann, die einst dem heutigen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs den Kommunismus austrieb. Nun, da sie erkrankt ist, nimmt er sich Zeit für sie. Zur Wahl im März tritt er dennoch an.

Von Claudia Henzler, Stuttgart

Am Freitagvormittag poppte bundesweit auf vielen Mobiltelefonen eine Eilmeldung auf, die nicht nur etliche Nachrichtenredaktionen in helle Aufregung versetzte, sondern es auch gleich in den Wikipedia-Eintrag über Baden-Württembergs Ministerpräsident schaffte: Winfried Kretschmann werde sich wegen einer Erkrankung seiner Frau aus dem laufenden Wahlkampf zurückziehen, hieß es. Und das klang so, als wolle Deutschlands einziger grüner Regierungschef auf seine Kandidatur für eine dritte Amtszeit verzichten und nicht zur Landtagswahl am 14. März antreten. Das stimmt aber nicht.

Kretschmann will weitermachen, er hat am Freitag lediglich angekündigt, dass er im Wahlkampf kürzertreten werde und jenseits des Regierungsgeschäfts weniger Termine wahrnehmen werde als geplant. Kretschmann und sein Team hatten eigentlich vor, die Sache möglichst tief zu hängen - es gab keine offizielle Pressemitteilung, stattdessen wandte sich der Ministerpräsident in einer "persönlichen Mitteilung" auf der Homepage des Staatsministeriums an die Bürger. Dort gab er bekannt, dass seine Frau Gerlinde an Brustkrebs erkrankt sei, weshalb er in den nächsten Wochen auf einige Termine verzichten werde, die das Regierungsgeschäft nicht betreffen. "Ich brauche diese Zeit, um meiner Frau beizustehen. Dafür bitte ich um Verständnis." Und: Die Krankheit seiner Frau sei eigentlich eine persönliche Angelegenheit; er habe mit ihr gemeinsam entschieden, sie dennoch öffentlich zu machen.

Gemeinsam trafen sie die Entscheidung, dass er noch einmal antritt

Die Bürger kennen Gerlinde Kretschmann als bodenständige Person, die mal auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt für gute Zwecke "Gsälz" (schwäbisch für Marmelade) verkauft, und immer wieder als freundliche Begleiterin ihres Mannes in Erscheinung tritt - bei Wahlkampfwanderungen und Regierungsanlässen wie dem Empfang des britischen Prinzenpaars. Mit dem Schritt an die Öffentlichkeit wollte Kretschmann wohl vermeiden, dass sein Team nach Ausreden suchen muss, wenn er in der heißen Phase des Wahlkampfs kaum in Erscheinung tritt. Der 72-Jährige ist Spitzenkandidat seiner Partei, und die Kampagne ist stark auf ihn zugeschnitten. "Grün wählen für Kretschmann" steht auf Tausenden Wahlplakaten, die seit Anfang Februar an Laternenmasten hängen.

Mit der Frage, ob er noch einmal antreten soll, hatte sich Kretschmann im Jahr 2019 intensiv auseinandergesetzt. Er wird im Mai 2021 seinen 73. Geburtstag feiern - ein Alter, in dem andere schon lange den Ruhestand genießen. Letztlich entschied er sich für eine weitere Kandidatur - zum einen, weil sich die Partei das wünschte und sich kein Nachfolger aufdrängte, und zum anderen, weil Kretschmann nach zehn Jahren im Staatsministerium die Gestaltungsmöglichkeiten noch nicht aus der Hand geben wollte, von denen er 30 lange Jahre in der Opposition nur geträumt hatte.

Bevor die Pandemie begann, schien er regelrecht elektrisiert zu sein durch die Möglichkeiten, die sich durch den zusätzlichen Druck der "Fridays for Future"-Bewegung in der Klimapolitik zu eröffnen schienen. Inzwischen sieht sich Kretschmann vor allem in der Pflicht, das Bundesland durch die Corona-Krise zu führen. Mehrmals hat er in den vergangenen Monaten den Amtseid zitiert, mit dem er einst versicherte, seine Kraft dem Wohle des Volkes zu widmen und Schaden von ihm zu wenden.

Gemeinsam mit seiner Frau hatte Kretschmann die Entscheidung für eine mögliche dritte Amtszeit getroffen. Die pensionierte Grund- und Hauptschullehrerin war 20 Jahre lang in Sigmaringen, wo die Kretschmanns leben, als Gemeinderätin für die Grünen aktiv. Ihr hat der heutige Ministerpräsident nach eigener Aussage zu verdanken, dass er als junger Mann sein Intermezzo bei einer kommunistischen Hochschulgruppe beendete. Seine Frau, so erzählt er, habe solche Ansichten für "völligen Blödsinn" gehalten und ihn bekehrt.

© SZ/jok/bix
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