bedeckt München 15°

Krawalle in Heidenau:Ich war zu lange weg

In den vergangenen anderthalb Jahren konnte ich mir nach und nach immer besser vorstellen, nach Hause zurückzukehren, den Hof meiner Eltern zu übernehmen. Doch dann kam Pegida, kam Freital - und schließlich Heidenau. Dort bin ich sieben Jahre zur Schule gegangen.

Zwei Tage nach den Krawallen vor der Erstaufnahmeeinrichtung fuhr ich hin. Ich stand vor einem Mob von 200 Menschen, darunter jede Menge Neonazis, und ließ mich anbrüllen: "Lügenpresse", "Volksverräter". Ich dachte: Wo kommt ihr plötzlich wieder her? Noch schlimmer waren aber die Alten, die direkt vor der Flüchtlingsunterkunft standen und im tiefsten Sächsisch vor sich hin geiferten. Der Prozentsatz an Männern, die sich angeblich in dem Flüchtlingsheim befanden, wurde sekündlich höher: "Die sin scharf of unsre Frauen", brüllte einer. Ich schaute in die Runde und sah verbrauchte Gesichter. "Wir wolln hier keene westdeutschn Verhältnisse", sagte einer.

Mir wurde klar, dass ich naiv gewesen war. Ich war zu lange weg, um das früher zu bemerken. Besuchte ich meine Eltern, war ich entweder auf dem Hof oder in Dresden-Neustadt, einer kleinen alternativen Insel. Wie konnte ich da in Anspruch nehmen, für den ganzen Osten zu sprechen, als ich versuchte, ihn zu verteidigen?

Dunja Hayali "ABER WAS???"
Dunja Hayali gegen Fremdenhass

"ABER WAS???"

"Morgenmagazin"-Moderatorin Hayali dokumentiert bei Facebook, wie wüst sie von Rassisten beschimpft wird. Ihre Empörung gilt aber vor allem denen, die immer "Ja, aber" sagen.   Von Carolin Gasteiger

In Heidenau wurde mir klar, dass ich ihn nicht einmal verstehe. Ich verstehe nicht, was es mit den Flüchtlingen zu tun hat, dass "Wessis" nach der Wende Ostbetriebe abgewickelt haben. Ich verstehe nicht, was die Menschen mit "westdeutschen Verhältnissen" meinen.

Wieder stehe ich vor einer Mauer, und diesmal habe ich sie selbst gebaut. Ich stehe auf der einen, die Daheimgebliebenen auf der anderen Seite. Ich spreche kein Sächsisch mehr, nicht mal zum Spaß. Ich zweifle, ob ich hier wirklich leben möchte. In einer Region, der die Jungen den Rücken kehren. In der die Bewohner immer älter werden und nicht kapieren, dass sie Menschen von außerhalb brauchen. Egal ob aus dem Westen oder aus Syrien.

Als ich von Heidenau zurück nach München fuhr, hielt ich an einer Tankstelle. Drinnen saßen an einem Tisch fünf junge Männer in Thor-Steinar-Klamotten, die sich bei Rechtsextremen großer Beliebtheit erfreuen. Sie tranken ihr Bier und verhielten sich ganz so, als ob ihnen der Laden gehören würde. Ich war noch nie so froh, wieder ins Auto steigen und meine Heimat verlassen zu können.

Ihr Forum Fremdenhass: Ein ostdeutsches Problem?
Ihr Forum
Ihr Forum

Fremdenhass: Ein ostdeutsches Problem?

Nach den jüngsten rechtsradikalen Krawallen, warnen die ostdeutschen Ministerpräsidenten davor, Fremdenhass als vornehmlich ostdeutsches Problem einzustufen. Brandanschläge auf Flüchtlingsheime gebe es z.B. auch in Bayern und Baden-Württemberg. Fakt ist, dass mehr als 60 Prozent aller rechtsradikal motivierten Straftaten in den neuen Bundesländern verübt werden. Ist also besonders der Osten Nährboden für den braunen Mob?   Diskutieren Sie mit uns.