bedeckt München

AKK in Vorpommern:"Ich dachte, wir hätten so etwas hinter uns"

Dabei allerdings will sie es noch nicht belassen. Es geht ihr um mehr, und zwar zunächst um die Tatsache, dass man inzwischen Gefahr laufe, mit den Debatten die närrische Zeit und somit "etwas ganz Wunderbares kaputt zu machen". Außerdem müsse man sich endlich wieder fragen, was in diesem Land eher nebensächlich sein sollte und was wirklich wichtig. "Mein Eindruck ist: Wir haben keine Probleme mehr. Anders nämlich kann ich mir nicht erklären, dass landauf, landab nur noch darüber diskutiert wird."

Um dieses Argument nicht ohne Beispiel stehen zu lassen, erinnert sie daran, was sie in diesen Tagen wirklich beschäftigt hat. Es ist die Meldung aus China, dass im Zuge der neuen sozialen Kontrollen 23 Millionen Chinesen kein Flugticket für eine eigentlich geplante Reise bekommen hätten. "Ich dachte, wir hätten so etwas hinter uns", schimpft die CDU-Chefin. Ihre Botschaft an die Menschen im Nordosten ist unmissverständlich: Ihr hier wisst doch, wie schrecklich das war mit der Beschneidung der Reisefreiheit.

Vielleicht mag sie im Vorfeld leise gehofft haben, dass die Stockach-Geschichte keine Rolle mehr spielen würde. Schon auf dem Weg nach Demmin aber hat sie diese Hoffnung aufgegeben. Und entschieden, dass sie sich auf keinen Fall entschuldigen werde. Dazu passt, was die CDU-Zentrale seit Stockach erreicht hat. Wie zu hören ist, war der Tenor an der Basis eindeutig: Recht habe sie; sagen solle sie so etwas und sich von den Anstandswächtern nichts einreden lassen.

Was zunächst wie eine schöne Unterstützung für die Parteichefin klingt, könnte gleichwohl noch gefährlich werden. In der CDU-Zentrale nämlich kann niemand sagen, ob auf die leise Abfälligkeit der Chefin nicht noch eine große Abfälligkeit ihrer Basis gegen die Betroffenen folgen könnte.

In Demmin ist das Thema nach Kramp-Karrenbauers Worten freilich erledigt. Ab da stürzt sich AKK in den politischen Kampf, als gelte es, schon jetzt die Truppen für die nächsten zehn Bundestagswahlen zu sammeln. Wer Merkel an gleicher Stelle erlebt hat, lernt jetzt, wie anders die Welt mit ihrer Nachfolgerin werden könnte. "Es geht um etwas", ruft sie in die charmefreie Tennishalle. "Es geht um Deutschland, es geht um Europa, es geht um unsere Zukunft."

Was folgt, ist ein ungebremstes Plädoyer dafür, sich wieder und viel mehr zu engagieren. Sei es im Kampf gegen die Macht der "Googles und Amazons"; sei es im Konflikt mit den Rechtspopulisten und Anti-Europäern der AfD, sei es im Ringen um eine starke europäische Union. Wer nicht zulassen wolle, dass Europa immer mehr an Bedeutung verliere, dürfe sich nicht länger auf der Couch zurücklehnen, sonst werde "Europa keine Rolle mehr spielen".

Und weil das auch für sie noch ein bisschen unkonkret klingt, zieht sie zwei politische Linien, die bis in die Berliner Koalition hineinwirken. "Es wird Zeit, dass sich Europa nicht mehr um jede Kleinigkeit kümmert, sondern um die großen Fragen." Das gelte zum Beispiel für den Schutz der Außengrenzen. Dazu zählt sie nicht nur den Ausbau der Grenzschutzagentur Frontex. Sie erinnert noch einmal daran, was sie von denen hält, die als Flüchtlinge kommen und den neuen Schutz hierzulande für schwere Straftaten wie die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung von Freiburg ausnutzen. "Darauf kann es nur eine Antwort geben", so die CDU-Chefin. Wer das mache, "der muss Deutschland verlassen und darf europäischen Boden nicht mehr betreten".

Auch beim Thema Verteidigung will sie klare Worte wählen

Und nicht nur das will AKK an dieser Stelle loswerden. Auch beim Thema Verteidigung will sie klare Worte wählen. "Wer A sagt, muss auch B sagen", schimpft die CDU-Chefin und meint damit den eigenen Koalitionspartner. In Sonntagsreden seien die Sozialdemokraten schnell dabei, mehr Sicherheit und mehr Selbständigkeit bei der Verteidigung einzufordern. Aber jetzt, wo es konkret werde, blockiere der Bundesfinanzminister.

So zornig wird AKK an dieser Stelle, dass ihr fast die Stimme wegbricht. Politik funktioniere nicht nach dem Motto: "Die mit den schwarzen Ministerien können bluten." Wer so handele, sei kein guter Koalitionspartner und kein guter Finanzminister.

Kritik ernten an diesem Abend aber nicht nur die Sozialdemokraten. Auch den Grünen will Kramp-Karrenbauer was mit auf den Weg geben. Umweltschutz sei "kein Privileg und auch kein Thema nur für die Grünen". In diesen Fragen reiche es nicht aus, "nur Politik der Abteilung Verbieten und Untersagen" zu betreiben. Wer es gewissenhaft und gut machen wolle, müsse die Klima- und die Wirtschaftspolitik gemeinsam denken. Hätte man getan, was die Grünen vorschlagen würden, dann gebe es alsbald nur noch Elektroautos, die ihre Energie womöglich aus gefährlichen Atomkraftwerken jenseits der Grenze beziehen würden. "Das hat nichts mit guter Umweltpolitik zu tun", sagt Kramp-Karrenbauer und bekommt dafür ausgesprochen viel Beifall.

Spätestens ab jetzt freilich klingt AKK nicht mehr fröhlich; und das nicht nur, weil es sich ohnehin ein bisschen so gehört, wenn die Fastenzeit anbricht. Fröhlich, leicht und ausgelassen - das ist schlichtweg nicht so einfach in diesen Tagen.

Nach der Aufbruchstimmung in den Wochen des internen Wettstreits um die Parteispitze ist in den Reihen der Christdemokraten ein bisschen Ernüchterung eingetreten. Zu hartnäckig bleiben die Umfragewerte dort, wo sie aus Sicht der Partei und ihrer Vorsitzenden nicht sein sollten.

Bei allen Instituten liegt die Union bundesweit bei 29 bis 32 Prozent. Das ist keine Katastrophe, aber alles andere als ein großer Aufbruch. Und es kann jemanden wie Kramp-Karrenbauer nicht zufriedenstellen, wenn man daran erinnert, was sie derzeit alles versucht, um ihre Partei attraktiver zu machen.

Man könnte sogar behaupten, sie wirbelt wie wild, um Liberale und Konservative in den eigenen Reihen aufzuwecken, wach zu küssen, auch zu piksen. Erst die Werkstattgespräche zur Flüchtlingspolitik, in deren Gefolge sie als Ultima Ratio sehr strategisch auch eine Grenzschließung ins Spiel brachte. Dann ein gemeinsames Interview mit der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, in dem beide im Duett ein gemeinsames Regieren in Aussicht stellten. Schließlich der eine oder andere Karnevals-Auftritt, bei dem sie mit besonderer Vorliebe die Fehler und Schwächen älterer Männer aufspießte.

"Die Union, die für Recht, Freiheit und Menschenrechte kämpft"

Wilde Wochen sind das also, gerade für Kramp-Karrenbauer. Da passt es schon, dass sie auch in Demmin sehr leidenschaftlich auftritt.

Im vergangenen Jahr hatte sich die Kanzlerin hier mit einem neuerlichen "Wir schaffen das" verabschiedet. Das war an diesem Ort halb ernst gemeint und halb ironisch - und wurde von großem Beifall begleitet. Dass es ihr letzter Auftritt sein würde, ahnte wahrscheinlich nicht mal sie selber.

Ein Jahr später schließt AKK mit einer gar nicht so unähnlichen Botschaft. "Es gibt für mich keine CDU im Norden und im Süden, im Osten und Westen, es gibt für mich keine Liberalen und Konservativen." Es gebe für sie nur die eine Union. "Die Union, die für Recht, Freiheit und Menschenrechte kämpft." Übersetzt heißt das: In der Union gehören einfach alle zusammen.

Für die Christdemokraten hier oben, das muss man noch erwähnen, ist das zum Abschied eine nicht ganz unwichtige Nachricht. Seit Angela Merkel als unumschränkte Frontfrau der CDU ihren Teilrückzug ankündigte, hat sich bei vielen in Mecklenburg-Vorpommern eine Sorge ausgebreitet. Mal leise, mal etwas lauter fürchten sie sich vor dem Verlust an Einfluss.

Um dem etwas entgegenzusetzen, hatte Landeschef Vincent Kokert jüngst erklärt, er selbst sitze ja auch noch im Bundesvorstand. Außerdem sei "der Draht nach Berlin noch dick und ihr Handy hat sie auch noch nicht abgeschaltet". Was vor allem Hoffnung machen sollte, konnte auch als Beleg fürs Gegenteil interpretiert werden: dass hier oben die Angst umgeht.

Angesichts dessen hat die neue CDU-Chefin in Demmin ziemlich viel unternommen, um den Mecklenburgern und Vorpommern ein gutes Gefühl nach Hause mitzugeben. Bis aus der neuen Bekanntschaft eine selbstverständliche Freundschaft erwächst, dürfte trotzdem noch ein bisschen Zeit vergehen. Zu sehr ist das hier noch eine Begegnung mit einer neuen Welt gewesen. Für jeden auf eine je eigene Weise.

© SZ.de/jael/cat
Annegret Kramp-Karrenbauer beim Narrengericht in Stockach

Witz und Ressentiment
:Gebt dem Karneval das Subversive zurück

Kramp-Karrenbauers Witz über Intersexuelle kommt von oben und geht auf die Kosten derer da unten. Das widerspricht der Grundidee des Karnevals.

Kommentar von Matthias Drobinski

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite