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Politischer Aschermittwoch:Brüder für Brüssel

CSU Markus Söder Manfred Weber Europawahl

Verbrüderung vor Tausenden Zuschauern: Markus Söder (re.) teilt beim politischen Aschermittwoch in Passau das Rampenlicht mit EVP-Spitzenkandidat Manfred Weber.

(Foto: dpa)
  • Die Europawahl ist diesmal wichtiger für die CSU als frühere Europawahlen - da Manfred Weber Präsident der EU-Kommission werden will.
  • Beim Politischen Aschermittwoch der Partei in Passau zeigen sich daher Weber und Parteichef Söder gemeinsam im Rampenlicht.
  • Nach den Debakeln bei der Bundestags- und der Landtagswahl will sich die CSU neu erfinden.
  • 2018 hat die CSU noch den harten Hund Söder gefeiert - heute gibt der Ministerpräsident sich als Teamspieler und zeigt sich zu maßvoller Selbstkritik fähig.

Verbrüderungsszenen auf offener Bühne haben Konjunktur in der CSU, wobei es bislang eigentlich stets Horst Seehofer und Markus Söder waren, die dem Parteivolk ihre unbedingte Loyalität versichern wollten. Beim Aschermittwoch in Passau hat Söder einen neuen Bruder an der Seite; die Technik ist indes die gleiche, die sich schon bei Seehofer bewährt hat: Beim Schlussapplaus greift Söder Manfred Webers Hand und reißt sie in die Höhe.

Mindestens bis zur Europawahl hat die CSU zwei Anführer: Parteichef Söder und Weber, der als Spitzenkandidat der Europäischen Volkspartei (EVP) Präsident der EU-Kommission werden will. Europawahlen waren für die CSU immer Nebenwahlen, halb so wichtig. Dank Webers etwas theoretischen, aber doch bemerkenswerten Jobaussichten ist das diesmal anders.

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Söder und Weber sind keine Brüder, nicht mal Freunde, schon in der Jungen Union waren sie Rivalen. Aber jetzt sind sie Partner, beide müssen ihren Teil beitragen zur Neuerfindung der CSU nach den Debakeln bei der Bundestags- und der Landtagswahl. Was für einen Unterschied ein Jahr macht: Hier in der Dreiländerhalle hat die CSU 2018 noch den alten Söder gefeiert, der - trotz erster landesväterlicher Anwandlungen - vor allem beim Thema Asyl den harten Hund gab. Der neue Söder ist ein Softie und sogar zu maßvoller Selbstkritik fähig. "Wir haben im letzten Jahr manches falsch gemacht, aber daraus gelernt", sagt er. Die CSU habe eine "zweite Chance" bekommen, und die werde man nutzen. Wenn Söder richtig mutig wäre, würde er statt "wir" einfach "ich" sagen.

Der alte Söder galt als Egoist, der neue gibt den Teamspieler. In Passau teilt Söder das Rampenlicht mit Weber. Es gibt zwei Hauptredner, das Publikum ist als Weber-Fankurve ausstaffiert: Weber-Schals, Weber-Lebkuchenherzen, Weber-Schokolade. Sogar Alexander Dobrindt trägt einen Weber-Button; CSU-Kenner halten das für die lustigste Verbrüderungsszene des Tages. Ob Söder das alles echt noch geheuer ist?

Immerhin haben die beiden Redner klar unterscheidbare Zielgruppen. Weber wendet sich im Grunde an ganz Europa, dreißig extra eingeflogene internationale Journalisten sollen gewährleisten, dass er auch gehört wird. Zum ersten Mal werden die Aschermittwochsreden simultan ins Englische übersetzt. Die Gäste aus Dänemark oder Spanien sind zunächst aber eh damit ausgelastet, bayerische Eigenarten zu verarbeiten - etwa die, dass um neun Uhr morgens bereits "richtiges Bier" ausgeschenkt wird.

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Die CSU will eine neue CSU sein, weiblicher und moderner. Aber zwischen dem, was Söder ankündigt und dem, was die Partei dann aufbietet, liegen Welten.

Eine Rede pro Europa, frei von Polemik: Kann das funktionieren am Aschermittwoch, wo das Publikum traditionell rustikale Erwartungen hat? Weber ist offenbar fest entschlossen, den Beweis anzutreten, und seine Partei hilft ihm nach Kräften. Sogar der niederbayerische CSU-Chef Andreas Scheuer, mit subtilen Botschaften noch selten aufgefallen, ruft bei der Begrüßung: "Diese Dreiländerländerhalle ist von Europa mitgesponsert, deshalb sitzen wir hier." So nah kann Brüssel plötzlich sein.

Dann tritt Weber ans Pult. Wird er sich einlassen zum mittlerweile erbitterten Streit mit dem ungarischen Premierminister Viktor Orbán, der es offensichtlich darauf anlegt, Webers Kandidatur zu sabotieren? Weber tut es nicht, der Name Orbán geht ihm kein einziges Mal über die Lippen. Seine Leute sagen, ihr Chef habe tags zuvor in einem Interview alles Nötige gesagt.

Lieber widmet sich Weber dem Grundsätzlichen: Eine "Politik aus der Mitte" wolle er machen, möglichst alsbald in neuer Funktion: "Ich will, ich kann und ich werde Präsident der EU-Kommission werden." Ja, man könne Brüssel im Detail kritisieren, sagt Weber. Aber auf Details komme es in diesen europäischen Krisentagen nicht an. Also betont Weber die großen Dinge: Wohlstand, Frieden, Freiheit - das alles verdanke man Europa. Nur ein starkes Europa könne den Weltmächten USA und China standhalten. Gut eine halbe Stunde redet Weber, das Publikum verliert er kein einziges Mal. Den größten Jubel erntet er allerdings mit dem Satz, dass er die Beitrittsgespräche mit der Türkei beenden werde. An ein paar alten Gewissheiten wollen sich die Christsozialen doch festhalten.

So eng sind Weber und Söder im Moment, dass ihre Reden praktisch ineinander fließen. Eben hatte Weber über "rechte Dumpfbacken" geschimpft, schon knöpft sich auch Söder die AfD vor. Er sei nicht bereit, Europa den Extremisten oder Nationalisten zu überlassen. Eine Schicksalswahl sei diese Europawahl, aber auch eine "Manfred-Wahl". Wer will, kann da heraushören, wem im Falle eines mauen Resultats die Verantwortung zugeteilt werden soll. Söder verspricht aber auch sehr ernsthaft maximale Unterstützung für Weber.