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Frankreich:"Kaum schalte ich den Fernseher an, erklärt mir jemand, wie gefährlich ich bin"

Protest against Islamophobia in Paris, France - 19 Oct 2019

"Ich bin eine Mutter wie andere auch": eine Demonstration gegen Diskriminierung in Paris.

(Foto: Christophe Petit Tesson/epa-efe/)
  • Frankreich streitet über Islam, Islamophobie und Kopftücher. Muslimische Frauen mit Kopftuch kommen in der Debatte fast gar nicht vor.
  • Die Regierung schafft es nicht, sich auf eine gemeinsame Position zu einigen.
  • Viele Frauen mit Kopftuch seien gut ausgebildet und hätten einen intellektuellen Zugang zu ihrer Religion, sagt eine Soziologin.
  • Der Konflikt entstehe, weil die Frauen integriert sind und sich gleichzeitig, durch ihr Kopftuch, nicht an alle Normen anpassen.

Eigentlich sind sie in diesem Café zusammengekommen, um sich darüber auszutauschen, was sie unter Schicksal verstehen. Acht Männer und sechs Frauen, die der Facebook-Einladung von Chahira Coach gefolgt sind, gepostet in der Gruppe "Muslim Meetup", Treffen für Muslime in Paris. Coach ist gläubig, sie will an diesem Nachmittag über Spiritualität diskutieren. Coach bedeckt ihr Haar mit einem Tuch, das sie zum Turban gebunden hat. "Weil ich so meinen Glauben lebe", sagt sie.

Doch in diesem Herbst in Frankreich ist das Kopftuch wieder einmal zu einem politischen Symbol geworden. Und so gibt es niemanden, der in dieser Runde, bei Milchshakes und Schokolade, nicht darüber sprechen möchte, wie es sich anfühlt, zu einem Land zu gehören, das in Dauerschleife darüber diskutiert, wie - und in letzter Konsequenz auch ob - man mit gläubigen Muslimen zusammenleben möchte.

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"Kaum schalte ich den Fernseher an, erklärt mir jemand, wie gefährlich ich bin", sagt Sarra. Sie arbeitet als Sekretärin und will ihren Nachnamen lieber nicht nennen. Auch auf das Kopftuch verzichtet sie. "Eigentlich würde ich es gerne tragen", sagt sie, "aber es würde vieles schwieriger machen." Coach erzählt, wie sie früher das Kopftuch beim Arbeiten gegen eine Mütze tauschte, um keinen Ärger zu haben - "das fühlte sich irgendwann schizophren an". Heute achtet sie darauf, nur bunte, helle Farben für ihr Kopftuch zu verwenden. "Wenn man Schwarz trägt, reagieren die Leute noch ablehnender."

Mann kann Zemmours Rede als Aufruf zum Bürgerkrieg verstehen

Je nach Blickwinkel hat Frankreichs aktuelle Debatte um den Platz des Islam in der Gesellschaft am 28. September oder am 3. Oktober begonnen. Am 28. September hielt der Publizist Éric Zemmour auf einer Veranstaltung der rechtsextremen Galionsfigur Marion Maréchal, Nichte der Politikerin Marine Le Pen, eine Rede, die man durchaus als Aufruf zum Bürgerkrieg verstehen konnte und die live im Fernsehen übertragen wurde. Zemmour sprach vom "Vernichtungskrieg gegen den weißen, heterosexuellen Mann", vom "Totalitarismus des Islam", der in Frankreich die Demokratie zerstört habe, vom "Bevölkerungsaustausch", von der "demografischen" Übernahme Frankreichs durch Muslime.

Die Radikalität der Rede war keine Überraschung, Zemmour wurde für seine regelmäßigen rassistischen und islamophoben Auslassungen bereits zweimal verurteilt. Doch der Hass verkauft sich. Der Sender CNews hat seine Einschaltquoten im Oktober verdreifacht, seit Zemmour dort an vier Abenden die Woche das Weltgeschehen kommentiert. Als vergangene Woche ein 84-Jähriger versuchte, die Moschee von Bayonne niederzubrennen und zwei Gläubige niederschoss, dauerte es nicht lange, bis die Ermittler verkündeten: Der Täter war Zemmour-Fan.

Frankreich diskutiert nun über Islamophobie, über Gewalt gegen Minderheiten, über Medienstandards. Und niemand hört zu. Denn gleichzeitig wird die neueste Inszenierung der französischen Lieblingsdebatte aufgeführt: der Kopftuchstreit.