Konservative Verschwörung gegen Brandt:Bezahlte Springer die Anzeigenkampagne gegen die Regierung Brandt?

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So schön unheimlich sich die Geschichte liest, sie ist doch ein bisschen schmalbrüstig. Das liegt schon daran, dass es sehr schwierig ist, das Klima der frühen Siebzigerjahre in der Bundesrepublik zu rekonstruieren. So hatte Kiesinger schon zu Zeiten der Großen Koalition Brandts Sonderbeauftragten Egon Bahr vom BND überwachen lassen. In der CDU galt Guttenberg grundsätzlich als Verräter, weil er nicht bloß verwandtschaftlich den Attentätern vom 20. Juli 1944 nahestand, sondern selber, in britischer Kriegsgefangenschaft, beim Soldatensender Calais Propaganda gegen die deutsche Wehrmacht betrieben hatte. Der CSU-Vorsitzende und ehemalige Oberleutnant Strauß wollte ihn aus der Partei geworfen haben, weil er mit dem Segen Adenauers, aber ohne den von Strauß, Ende 1961 Koalitionsverhandlungen mit Herbert Wehner von der SPD aufgenommen hatte. Guttenberg selber sparte nicht mit Koseworten und erklärte über seinen großen Vorsitzenden: "Es ist der gleiche Typ, der uns tausend Jahre regiert hat."

Bis heute ist hingegen nicht vollständig erforscht, wer der CDU/CSU im Wahlkampfjahr 1972 die Anzeigenkampagne gegen die bedrängte Regierung Brandt bezahlte. War es der Springer-Verlag? Schließlich bekämpfte Axel Springer mit seiner geballten Zeitungsmacht den ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeister, der für seine Begriffe Deutschland an den Osten verriet. Oder war es die Industrie, die allen Ernstes die Verstaatlichung ihrer Fabriken und der Banken gleich dazu befürchtete? Ebenso wenig ist geklärt, wer mit welchem Geld dafür sorgte, dass Barzels Misstrauensvotum gegen Brandt scheiterte. War es nur die Stasi? War es nicht auch der KGB? Und warum wusste der Guttenberg-Stauffenberg'sche Geheimdienst nichts davon?

Am 27. Mai 1970 hielt der Abgeordnete Guttenberg vor dem Bundestag seine letzte Rede. Wieder warnte er vor dem "Anerkennungskurs" der Regierung Brandt/ Scheel, der dazu führen würde, dass die "Sowjetunion ihre Vorherrschaft über ganz Europa gewinnen kann". Die einstündige Rede hatte den bereits sterbenskranken Guttenberg so erschöpft, dass er sich auf dem Weg zurück an seinen Platz stützen lassen musste.

Zu den wenigen Pointen, die die westdeutsche Parlamentsgeschichte bereithält, gehört das Detail, dass einer der beiden hilfsbereiten Männer (der andere war Barzel) Leo Wagner war, der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU. Dieser Wagner arbeitete, wie viel später bekannt wurde, für die DDR-Staatssicherheit und verhinderte zwei Jahre später mit seiner Stimme, dass Willy Brandt gestürzt und Rainer Barzel an seiner Stelle zum Bundeskanzler gewählt wurde. Es gibt nicht nur Geheimdienste, sondern auch noch eine Gerechtigkeit in der Welt.

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