Rassismus in Brasilien:"Sie haben meinen Sohn getötet, weil er schwarz war"

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Rassismus in Brasilien: Ein Bild vom Tatort am Strand von Barra da Tijuca, wo der Kongolese Moïse Mugenyi Kabagambe am 24. Januar 2022 starb.

Ein Bild vom Tatort am Strand von Barra da Tijuca, wo der Kongolese Moïse Mugenyi Kabagambe am 24. Januar 2022 starb.

(Foto: SERGIO MORAES/REUTERS)

Ein junger Einwanderer aus dem Kongo wird in Rio brutal zu Tode geprügelt. Nun diskutiert das Land über den Rassismus, den sich viele Brasilianer aber nicht eingestehen wollen.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Es war schon gegen 22.30 Uhr, als es am 24. Januar an einem Strandkiosk in Rio de Janeiro zu einem Streit kam. Ein Verkäufer diskutierte mit einem Mitarbeiter, es ging wohl um den Lohn für mehrere Tage Arbeit. Moïse Mugenyi Kabagambe, der junge Mitarbeiter, habe dieses Geld an jenem Abend einfordern wollen, so stellt es seine Familie heute dar. Rund 200 Real soll ihm sein Arbeitgeber noch geschuldet haben, umgerechnet weniger als 40 Euro, nicht viel, aber Kabagambe brauchte den Lohn.

Mit elf Jahren war er mit seiner Familie aus der Demokratischen Republik Kongo nach Brasilien gekommen, sie alle hofften auf ein besseres Leben, zumindest aber darauf, Krieg und Gewalt zu entfliehen. Heute erweist sich das als grausame Ironie.

Moïse Kabagambes Mutter hat der Zeitung Extra aus Rio de Janeiro gesagt, dass ihr Sohn Brasilien immer geliebt habe. Nach ihrer Ankunft habe er schnell Portugiesisch gelernt, Freunde gefunden, eine Arbeit. "Als wir hier angekommen sind, dachte ich, dass alle Brasilianer gute Menschen sind", so die Mutter. "Aber jetzt weiß ich nicht mehr, ob das wirklich so ist."

Wieso an jenem 24. Januar der Streit am Kiosk eskalierte, ist noch nicht klar. Es kamen jedenfalls weitere Männer hinzu, mindestens vier, gemeinsam schlugen sie auf Kabagambe ein, mit Knüppeln und Stöcken. Am Ende lag der 24-Jährige leblos am Boden, Kabagambe starb noch am Tatort, die Täter flohen.

Afrobrasilianer haben schlechtere Jobs

Solche und ähnliche Morde sind in Brasilien und erst recht in Rio trauriger Alltag. Im Schnitt wird in Südamerikas größtem Land alle zehn Minuten ein Mensch getötet, das Blutvergießen erregt kaum noch Aufmerksamkeit, erst recht eigentlich nicht, wenn - so wie im Fall von Moïse Kabagambe - ein junger Schwarzer das Opfer ist.

Obwohl ein großer Teil der brasilianischen Bevölkerung auch afrikanische Wurzeln hat, ist Rassismus immer noch weit verbreitet. Das Land hat sich nie wirklich kritisch mit seiner Vergangenheit als Sklavenhalternation beschäftigt, dabei gingen allein in Rio de Janeiro mehr verschleppte Afrikaner an Land, als in irgendeinem anderen Hafen in Nord- oder Südamerika.

Als Brasilien 1888 als letztes Land der westlichen Hemisphäre die Sklaverei abschaffte, waren schon geschätzte drei bis fünf Millionen Menschen ins Land geholt worden und die überwiegend weiße Elite stand nun vor der Frage, wie sie mit der schwarzen Bevölkerung umgehen sollte. Statt auf eine Rassentrennung wie in den USA oder Südafrika zu setzen, entschied sich Brasilien für das Konzept der sogenannten "Rassendemokratie": Die Vermischung von Indigenen, Schwarzen und Weißen sollte nicht verhindert werden, im Gegenteil, sie wurde gefördert: Einwanderer aus Portugal, Italien, Deutschland oder Spanien sollten dabei helfen, die Bevölkerung weißer und europäischer zu machen.

Brasilien gab sich in der Folge das Bild eines fröhlichen Schmelztiegels: Samba, Capoeira, Karneval! Die Wirklichkeit aber sah weniger fröhlich aus: Die afrobrasilianische Bevölkerung hat bis heute schlechtere Jobs und eine geringere Lebenserwartung, in den Gefängnissen sind vorwiegend Schwarze, ebenso wie in den Armensiedlungen. Nur zum Putzen oder Tellerwaschen kommen sie in die besseren Viertel.

Es ist darum nicht ganz unwichtig, dass Moïse Kabagambe nicht in irgendeiner Favela oder einem armen Vorort totgeprügelt wurde, sondern in der Barra da Tijuca, einer vornehmen Wohngegend, mit schicken Einkaufszentren, verglasten Apartment-Komplexen und einem kilometerlangen Strand. Und dort, vor dem Kiosk, bei dem Kabagambe ermordet wurde, begannen Freunde und Familienmitglieder nach seinem Tod mit Mahnwachen und Protesten, um Gerechtigkeit zu fordern. So bekam der Fall am Ende die Aufmerksamkeit, die er ansonsten wohl kaum bekommen hätte.

Brasilien diskutiert nun über tief sitzenden Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, Demonstrationen sind geplant, Menschen solidarisieren sich im Netz. Auf einmal ist der gewaltsame Tod eines jungen Schwarzen Thema in den Hauptnachrichten und sein Name steht auf der Titelseite der großen Zeitungen. Ein Fortschritt, wenn auch nur ein kleiner.

Immerhin hat die Polizei nun mehrere Tatverdächtige festgenommen. Dass sie dafür gut eine Woche gebraucht hat, spricht Bände, schließlich gab es Zeugen und sogar Videoaufnahmen von der Tat. Hinweise fehlten also nicht, aber erst mit dem öffentlichen Druck kamen die Ermittlungen in Gang.

Moïse Kabagambes Mutter ist sich sicher: "Sie haben meinen Sohn getötet, weil er schwarz war. Alles was ich will, ist Gerechtigkeit."

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