Konflikt Syrien-Türkei Warum auch die Kurdenfrage eine Rolle spielt

Welches Szenario befürchtet Erdogan?

Kriegsbilder aus Syrien

Im Gefechtsstaub von Aleppo

Der syrische Bürgerkrieg stellt für die Türkei in mehrerer Hinsicht eine Bedrohung dar. Innenpolitisch gerät Erdogan unter Druck: Seine Syrien- und seine gesamte Außenpolitik steht vor dem Scheitern. Das hat auch mit der Kurdenfrage zu tun, dem Dauerthema der türkischen Politik. Die Kurden profitieren von dem Konflikt in Syrien: Entlang der Grenze kontrolliert eine syrische Schwesterorganisation der türkischen PKK ein Streifen von etwa hundert Kilometern Länge.

Ankara befürchtet deshalb, wie im Irak könnte nun auch in Syrien ein selbstverwaltetes kurdisches Gebiet entstehen. Vom Assad-Regime werden die kurdischen Rebellen mit Waffen versorgt. In der Türkei selbst eskaliert der Kurdenkonflikt gerade wieder, Ankara kehrt nach Versuchen der Entspannung zurück zum Mittel der militärischen Gewalt. Der vergangene Sommer war der blutigste seit 20 Jahren mit mehreren Hundert Todesopfern.

Der Albtraum türkischer Politiker: In einem zerfallenden Syrien entsteht eine quasiautonome kurdische Region, die sich mit dem kurdischen Nordirak zusammenschließt. Dann wäre ein Kurdistan, eine kurdische Konföderation einschließlich des Südostens der Türkei nicht mehr weit. Daneben sorgen sich türkische Politiker, dass der konfessionelle Konflikt in ihr Land übergreift. Die syrischen Rebellen sind meist Sunniten; dass sie von Erdogan unterstützt werden, missfällt den Aleviten in der Türkei (Die Glaubensrichtung der Aleviten in der Türkei, die sich aus dem schiitischen Islam entwickelt hat, ist nicht gleichzusetzen mit der schiitischen Gemeinschaft der Alawiten - auch Nusairier genannt - in Syrien, der Assads Familienclan angehört.)

Was fordert Ankara von der internationalen Gemeinschaft?

Ein sehr viel stärkeres Engagement. Erdogan drängt vehement darauf, an der Grenze von den UN garantierte Fluchtkorridore zum Schutz der syrischen Zivilbevölkerung einzurichten. Russland, einer von Assads letzten Verbündeten, sperrt sich dagegen, aber auch die USA: Ihrer Ansicht nach müsste dafür eine Flugverbotszone eingerichtet werden. Sie wäre gegen Assads Luftverteidigung kaum durchzusetzen, ohne massiv in den Konflikt einzugreifen. Daran hat Washington allerdings kein Interesse.

Wie wahrscheinlich ist ein Eingreifen der Nato?

Kaum jemand rechnet damit, dass die Nato in Syrien wirklich militärisch eingreift. Das Nato-Mitglied Türkei rief die Allianz noch am Mittwoch zusammen, auf der Grundlage von Artikel 4 des Nato-Vertrages. Danach kann jeder Bündnis-Staat Beratungen verlangen, wenn er seine territoriale Integrität, seine politische Unabhängigkeit oder Sicherheit bedroht sieht. Zuletzt war es zu solchen Beratungen bei dem Abschuss des Kampfjets im Juni gekommen.

Der Nato-Rat verurteilte die Grenzverletzungen durch Syrien zwar als "aggressive Handlungen" und kündigte die Unterstützung des Mitglieds Türkei an. Die Bereitschaft zu einer Intervention wie in Libyen ist unter den maßgeblichen Nato-Staaten allerdings weiterhin gering. US-Außenministerin Hillary Clinton hat den Angriff scharf verurteilt, sieht aber keinen Anlass, den "Bündnisfall" nach Artikel 5 des Nato-Vertrags auszurufen.