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Klerikal-Faschismus in Österreich:Die Donau-Diktatur

Engelbert Dollfuß und Kurt von Schuschnigg in Tulln, 1934

Köpfe des Austrofaschismus: Der österreichische Bundeskanzler Engelbert Dollfuß (li.) auf einer Kundgebung der Vaterländischen Front in Tulln. Rechts neben Dollfuß der Justizminister und spätere Bundeskanzler Kurt von Schuschnigg.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

War das arme kleine Österreich wirklich das erste Opfer der großen bösen Nazis? Schon ab 1933 wurde die parlamentarische Demokratie im Alpenstaat beseitigt - und der Weg für den "Anschluss" an Hitlerdeutschland geebnet.

Von Michael Frank, Wien

Hellfried Brandl war ein aufrechter Österreicher. Deshalb hat er an seiner Heimat und deren Geschichte gelitten. Der zu früh gestorbene Journalist forschte und berichtete aus gutem Grund über die unzulänglichen Versuche seiner Landsleute, Österreichs Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Nachhinein aufzuarbeiten.

Es jährt sich der sogenannte Anschluss, als Österreich auf Befehl Adolf Hitlers am 12. März 1938 militärisch besetzt, von den Nationalsozialisten politisch okkupiert und hinter dem Kampfbegriff "Ostmark" auch namentlich aus der Geschichte getilgt wurde. Brandls aberwitzig germanischer Vorname hatte in bitterer Ironie damit zu tun.

Die Eltern, laut Brandl wahre "Supernazis", hatten ihm eigentlich den Namen des heldenhaftesten aller teutonischen Helden zugedacht: Siegfried. In Wien gab es aber ein starkes jüdisches, deutschnational gesinntes Großbürgertum, das wie viele andere Österreicher die einzige Zukunft seines Landes im Verbund mit dem Deutschen Reich sah.

Weil diese Leute - in den Augen der Brandls trotz allem "Judenlümmel" - ihre Erstgeborenen gern Siegfried nannten, verfielen die Eltern auf Hellfried als Höchstform germanischer Namensgebung. Oder, wie die Wiener sagen würden: als Überschmäh.

Die Namensgroteske ist bezeichnend für die komplizierten Verhältnisse vor dem sogenannten Anschluss - Verhältnisse, denen die bequeme Schwarz-Weiß-Malerei, mit der im Nachkriegsösterreich der geschichtliche Super-GAU nachgezeichnet wurde, kaum gerecht wird. Das arme kleine Österreich als erstes Opfer der großen bösen Nazis?

Natürlich stimmt, dass Hitlers Nazis Österreich dem Dritten Reich kompromisslos einverleiben wollten. Dennoch ist die These nicht ganz abwegig, die Österreicher selbst hätten den Untergang von Staat und Gesellschaft mitbewirkt, ja mitverschuldet.

Der März 1933 gilt unbeugsamen Demokraten als Schlüsseldatum für die Österreich-Dämmerung: Damals, vor 75 Jahren, machte Österreichs Kanzler Engelbert Dollfuß der parlamentarischen Regierungsform den Garaus.

Österreich war also längst keine Demokratie mehr, als die Nazis kamen. Seit fünf Jahren war es vom sogenannten Ständestaat beherrscht, einer rückwärtsgewandten, noch immer am versunkenen Feudalsystem orientierten autoritären Gesellschaftsordnung christsozialer Prägung. Historiker sprechen von einer Regierungsdiktatur.

Dieser dezidiert klerikal geprägte sogenannte Austrofaschismus war zwar längst nicht so totalitär und grausam wie der Nationalsozialismus und durchdrang die Gesellschaft weniger unerbittlich als die Hitler-Ideologie. Ihm fehlten übermächtige Despotengestalten wie Hitler und Mussolini.

Im Gegensatz zu den deutschnationalen Österreichern verstanden die Austrofaschisten immer ein unabhängiges, eigenständiges Österreich als ihr Kernprogramm.

Die Bischöfe sagten feierlich "Ja"

Dennoch gerierten auch sie sich als dezidiert "deutsch". Hermann Göring mokierte sich kurz vor dem "Anschluss" darüber, dass Österreichs Faschisten eigentlich den Nationalsozialismus nachäfften: Ersetze man das Kruckenkreuz, das austriakische Faschistenemblem, durch das Hakenkreuz, gebe es praktisch keinen Unterschied mehr.

Als Kurt Schuschnigg, Österreichs letzter (und diktatorisch regierender) Kanzler, im März 1939 vor Hitler die Segel strich, verabschiedete er sich im Wiener Rundfunk mit einer aus heutiger Sicht absurden Formel, nämlich "mit einem deutschen Wort: Gott schütze Österreich!"

Die deutsche Frage war in der Zwischenkriegszeit einer der entscheidenden innerösterreichischen Konflikte. Die alte Vielvölker-Monarchie war eingeschrumpft auf ihre weithin deutschsprachigen Kronlande. Viele hielten den Reststaat für zu schwach, zu klein, zu hilfebedürftig.

Sie hielten es für seriös, die alte Frage um Groß- oder Klein-Deutschland neu zu stellen, ob also Österreich Teil Deutschlands sei oder nicht. Im 19.Jahrhundert war diese Frage dezidiert gegen den Einschluss Österreichs in den gesamtdeutschen Raum beantwortet worden.

Die Erste Republik nach 1918 hieß demonstrativ "Republik Deutsch-Österreich". Deren Sozialdemokraten haben erst im Oktober 1933 einen Paragraphen aus ihrem Programm gestrichen, der ausdrücklich den Anschluss an das Reich vorsah. Das war keine Abkehr von der Überzeugung, dem deutschen Raum zuzugehören, sondern eine Reaktion auf die Machtübernahme der Nazis in Deutschland, in deren Arme man sich nun wirklich nicht flüchten wollte.

Die Christsozialen und die aus ihnen hervorgegangenen Austrofaschisten empfanden sich stets als österreichisch und deutsch. Sie propagierten den Begriff der "Kulturnation", um Deutschtum zu dokumentieren, zugleich aber Eigenstaatlichkeit zu rechtfertigen.

Die Klerikalfaschisten muss es nach der Beseitigung ihres Regimes durch den geistesverwandten Hitler besonders verbittert haben, dass in der folgenden, von den Nazis angesetzten Volksabstimmung auch Österreichs Bischöfe in einer als Hirtenbrief gedachten "Feierlichen Erklärung" für das Ja zum "Anschluss" plädierten.

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