Deutscher Evangelischer Kirchentag Konvent der kleinen Propheten

"Was für ein Vertrauen!" Für das Motto des diesjährigen Kirchentags hatten sich besonders junge Christen starkgemacht. Dieses Foto stammt vom Kirchentag in der Lutherstadt Wittenberg 2017.

(Foto: dpa)
  • Der Deutsche Evangelische Kirchentag beginnt. Auf dem Programm stehen mehr als 2000 Veranstaltungen.
  • Der Kirchentag bildet den Diskurs im deutschen Protestantismus ab, der sich momentan etwa um Krieg und Frieden oder um Genderthemen dreht.
  • Zwar ist die Veranstaltung längst kein Brennpunkt erbitterten Streits zwischen Gläubigen mehr, aber eine Kontroverse gibt es: Die AfD ist nicht eingeladen.
Von Matthias Drobinski

Die Frage war zu schön, um sie sich zu verkneifen. "Herr Bischof, besuchen Sie auch den Workshop 'Vulven malen'?", fragte der Kollege der Bild-Zeitung und erwischte Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, prompt auf dem falschen Fuß: "Nein. Was ist das?", fragte der zurück und bekam die Aufklärung: "Frauen malen ihre Geschlechtsteile, um Scham zu verlieren und freier mit ihrem Geschlecht umzugehen." - "Ich glaube, das wendet sich nicht an mich", konterte der bayerische Landesbischof.

Der Kirchentags-Workshop "Vulven malen" dürfte also ohne den Ratsvorsitzenden am Freitag im "Zentrum Geschlechterwelten" in der Dortmunder Innenstadt über die Bühne gehen - und auch ohne jene Kritiker, die in solchen Veranstaltungen den Niedergang des Protestantismus und seines größten Treffens in Deutschland sehen, den Ausverkauf der Religion an den linksgrünfeministischen Zeitgeist. Wer sucht und sich empören möchte, findet unter den mehr als 2000 Veranstaltungen auch Coming-out-Veranstaltungen für Lesben, Schwule und Transsexuelle im "Zentrum Regenbogen" oder "Schritte zu einer trans*inklusiven Gemeinde". Soll in Dortmund die Kirche umgepolt werden?

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Warum der Kirchentag die AfD ausschließt

Der Kirchentag sei entstanden, weil Kirche im Kampf gegen Faschismus versagt hat, sagt Hans Leyendecker, Präsident des Kirchentags. So wolle er der AfD auch in Dortmund keinen Bühne bieten.

Die Wirklichkeit des Kirchentags mit seinen geschätzt mehr als 100 000 Besuchern ist jedoch eher: Der Kirchentag bildet ab, was so los ist im deutschen Protestantismus, jedenfalls im Spektrum von seiner gemäßigt konservativen Variante über die liberale und linke Tradition bis hin zur Avantgarde. Dazu gehören die glaubensfesten Lieder des Posaunenchors genauso wie die Debatte, ob Trans- und Intersexualität Auswirkungen aufs Gottesbild haben müssten; deshalb steht der Stand der Militärseelsorge neben den Ständen der Friedensgruppen.

Seit vielen Jahren sind die Zeiten vorbei, da die Kirchentage Brennpunkte erbitterten Streits waren: für oder gegen die Nachrüstung, die Atomkraftwerke, die Apartheid in Südafrika, den Kapitalismus, den Feminismus? Auf den Podien ging es hoch her, Politiker wurden ausgepfiffen, Resolutionen für die sofortige Verbesserung der Welt verabschiedet und einiger innerweltlicher Messianismus gepredigt. Bis heute ist das die Maßeinheit für Kirchentagsnostalgiker wie -kritiker: Wie prophetisch, zeitansagend, weltverändernd und gesellschaftsformend wirkt das Treffen? Verglichen damit ist der aktuelle Streit, ob es nun richtig war, die AfD nicht zu den Podien des Kirchentages einzuladen, eher klein: Die Partei sei zu weit nach rechts gerutscht und zu aggressiv geworden, argumentiert der Kirchentag - und erntet dafür auch innerkirchlich Kritik. Die AfD ihrerseits schmollt und will in Dortmund mit einem "Informationspavillon" auf das ihr widerfahrene Unrecht aufmerksam machen.

Die großen Fragen und Konflikte im Land wie auf dem Kirchentag haben sich längst granularisiert: Frieden ja - aber wie umgehen mit den regional schwelenden Konflikten auf der Welt, mit den Präsidenten Trump und Putin? Atomausstieg ja - aber wie die Energiewende umsetzen? Ja zur Aufnahme von Flüchtlingen - aber wie die Integration bewerkstelligen?

Am Donnerstag wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier über die Digitalisierung reden, aber kaum die Abschaffung des Internets fordern, sondern eher eine neue Ethik desselben. Am Samstag wird Bundeskanzlerin Angela Merkel unter dem wohlwollenden Applaus von 10 000 Christen über "Vertrauen als Grundlage internationaler Politik" sprechen. Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird warm begrüßt, aber auch sein Kollege Markus Söder von der CSU nicht abgewatscht werden, wenn er, gegen einige Bedenken aus den Kirchentagsgremien eingeladen, über Konservatismus redet. Über das große Thema Klimawandel, das die Jugendlichen zu Zehntausenden freitags auf die Straße treibt, gibt es aber nicht einmal ein großes Hauptpodium, dafür Hunderte Diskussionen, Workshops, Initiativen. Insgesamt setzt der Kirchentag verstärkt auf Mitmach-Formen und Möglichkeiten für die Teilnehmenden, sich einzumischen; kein großer Prophet predigt den Wandel, viele kleine treiben ihn voran.

Damit ist der Kirchentag viel mehr ein Spiegel der gesamten evangelischen Kirche in Deutschland, als manchmal der Kirchentag von sich selber denkt: Er ist vielfältig, mitunter bis hin zur Beliebigkeit, getragen von Bildungsbürgern, die sich mit bewundernswerter Geduld bei Sommerwetter zwei Stunden auf Papphocker in eine stickige Halle setzen, von Menschen, für die Frömmigkeit und politisches Interesse keine Gegensätze sind: Regelmäßig haben die Gottesdienste, die Gospelchor- und die Taizé-Liederabende mehr Besucher als die Veranstaltungen mit den prominenten Politikern; Foren über die Zukunft von Gemeinden sind überfüllt. Kurz: Es versammelt sich auch in Dortmund eine Sozialauswahl engagierter und gemeinschaftsorientierter Menschen zwischen schwarz-grün und rot-grün, denen man nichts vorwerfen kann, außer dass manche dann doch manchmal vergessen, dass nicht alle Lebenshaltungen und Meinungen außerhalb dieser Auswahl von vornherein defizitär sind.

So teilt aber auch der Kirchentag die Verunsicherungen und Zukunftsängste der gesamten evangelischen Kirche, die, wie eine im Mai veröffentlichte Studie im Kirchenauftrag prophezeit, in 40 Jahren nur noch die Hälfte der Mitglieder und der Finanzkraft haben wird. Die Zahl der Dauerteilnehmer, heißt es aus Kirchentagskreisen, bleibe hinter den Erwartungen zurück - wobei es diesmal allerdings mehr Tagesgäste zu geben scheint als sonst. Weil in vier Bundesländern Ferien sind und im Ruhrgebiet viele Interessierte einfach mit dem Zug hin- und wieder heimfahren können? Oder weil doch die Zeiten vorbei sind, als 120 000 Dauerteilnehmer der Normalfall waren?

Schon 2017, zum großen Reformationstreffen in Berlin und Wittenberg, waren weniger Teilnehmer gekommen als von den Veranstaltern erhofft; beim Abschlussgottesdienst auf der für 200 000 Menschen ausgelegten Wiese blieben große Lücken. In Wittenberg und Berlin waren die Teilnehmenden im Schnitt 41,3 Jahre alt, vier Jahre älter als 2015 in Stuttgart; mehr als 40 Prozent waren jenseits der 50. Das Kirchentagspublikum ist treu, aber es altert auch in Treue. Die Fridays-for-future-Schüler demonstrieren woanders, den meisten Abonnenten des Youtubers Rezo ist der Kirchentag fremd.

"Was für ein Vertrauen!" heißt das diesjährige Leitwort des Kirchentags. Gefunden wurde es in einer Nachtsitzung, als die Jugenddelegierten alle vorgeschlagenen Verse lahm fanden. So viel Jugendnähe immerhin geht noch.

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