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Religion:Raus aus dem Dunkelfeld

Kirche

Auch unter dem Dach der evangelischen Kirche gibt es sexuelle Gewalt: 600 Fälle sind in der Bundesrepublik bekannt.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)
  • Opfer sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche können sich an eine neue Anlaufstelle wenden.
  • Eine wissenschaftliche Studie soll zudem die Taten, die Folgen für die Opfer und die Systematiken der Vertuschung erforschen.
  • Bislang sind etwa 600 Fälle bekannt. Die EKD aber geht davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist.

Wem sexuelle Gewalt widerfahren ist im Bereich der evangelischen Kirche, wer mitbekommt, dass ein Pfarrer oder Kirchenmitarbeiter die Abhängigkeit von Kindern, Jugendlichen oder auch erwachsenen Schutzbefohlenen sexuell ausnutzt - der kann sich künftig an eine unabhängige, bundesweite Anlaufstelle wenden. Vom 1. Juli an gibt es die "Zentrale Anlaufstelle.help"; erreichbar ist sie kostenlos per Telefon (0800-5040 112), via Mail (zentrale@anlaufstelle.help) und übers Internet (www.anlaufstelle.help). Dort stehen "geschulte Fachkräfte für Beratungsgespräche im geschützten Rahmen" zur Verfügung, erklärte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD); sie habe dafür einen Vertrag mit der Fachberatungsstelle "Pfiffigunde Heilbronn" geschlossen. Wie wichtig eine solche unabhängige Anlaufstelle gerade im Bereich der evangelischen Kirche sei, hätten "Betroffene immer wieder eindrücklich geschildert", sagte die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs - die dezentralen Strukturen hätten es den Betroffenen oft erschwert, die richtigen Ansprechpersonen zu finden.

Auch in der evangelischen Kirche gibt es sexuelle Gewalt; von 600 bekannten Fällen seit dem Zweiten Weltkrieg spricht die EKD, und von einem Dunkelfeld, das um ein vielfaches höher sein dürfte. Das sind weniger Fälle als im Bereich der katholischen Kirche bekannt geworden sind, wo eine Studie allein im Bereich der 27 deutschen Diözesen 1670 Beschuldigte und fast 3700 Betroffene ausfindig machte. Aber es sind doch zu viele, um sie als Einzelfälle abzutun, zumal auch in der evangelischen Kirche strukturelle Ursachen der Gewalt sichtbar geworden sind: Auch hier gelang es Geistlichen, wie so oft in der katholischen Kirche, sich unangreifbar zu machen und ihre Amtsautorität zu missbrauchen; manchmal spielte aber auch die totale Enttabuisierung der Sexualität eine Rolle und ein charismatischer Kirchenmann tat alle kritischen Fragen als spießig ab.

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Lange blieb dieser Skandal im Schatten der großen Auseinandersetzung um die sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche, und lange fuhr die evangelische Kirche recht bequem damit - bis vor nunmehr einem Jahr die evangelische Kirche auf einem Hearing des Betroffenenrats beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs unter heftigen Beschuss geriet: Sie verdränge und vertusche nicht weniger als die katholische Kirche, lautete der Vorwurf. Die Reaktion der Protestanten war zunächst so erschrocken wie hilflos. Im November aber, auf der EKD-Synode in Würzburg, gab es nach einer emotionalen Debatte den Durchbruch: Die EKD setzte einen Beauftragtenrat mit Bischöfin Fehrs an der Spitze ein, der Konsequenzen aus der lange verdrängten Gewalt durchsetzen sollte. Und sie einigte sich auf einen Elf-Punkte-Plan, wie dies konkret geschehen sollte. Eine Million Euro stellte die EKD dafür im Jahr 2019 zur Verfügung.

Die unabhängige Anlaufstelle, die es nun bald geben soll, ist Teil dieses Plans - auch die gemeinsame Tagung von etwa 40 Kirchenverantwortlichen, Fachleuten und Betroffenen, die in Hannover stattfand. Thema dort war vor allem, wie die wissenschaftliche Studie aussehen könnte, mit der nun die Taten, die Folgen für die Opfer und die Systematiken der Vertuschung erforscht werden sollen. Eine öffentliche Ausschreibung wird das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf unter der Projektleitung des Trauma- und Stressforschers Ingo Schäfer ausarbeiten. Schäfer betonte, dass den Betroffenen "eine bedeutsame Rolle im Rahmen der Aufarbeitung zukommen soll." Erste Ergebnisse soll es Ende 2021 geben.

Besonders ambitioniert ist die geplante Dunkelfeldstudie, mit der die Forscher sich dem tatsächlichen Ausmaß des Missbrauchs annähern wollen. Um hier zu repräsentativen Ergebnissen zu kommen, müssten vermutlich mehr als 100 000 Menschen befragt werden, sagte Fehrs. Es werde daher überlegt, mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zusammenzuarbeiten.

Kerstin Claus, die Vertreterin des Betroffenenrates, lobte das Vorhaben - eine Dunkelfeldstudie könnte das Ausmaß sexualisierter Gewalt in der gesamten Gesellschaft deutlich machen. Insgesamt aber stehe die evangelische Kirche "noch ganz in den Anfängen der Aufarbeitung. Hier wurde zwischen 2010 und 2018 einiges verschlafen." Auch die Betroffenengruppe "Missbrauch in Ahrensburg" äußerte sich kritisch: Die Schritte blieben "weit hinter den Erwartungen der Betroffenen zurück". Man brauche "eine Art Gauck-Behörde für Missbrauchsinformationen". Zudem müsse die EKD ihre Strukturen verändern und "tätige Reue" durch Kompensation zeigen. Bundesweit einheitliche Entschädigungen sieht der Elf-Punkte-Plan der EKD nicht vor.

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