Weltsynode der katholischen Kirche:Frauenpriestertum? Zölibat? Regeln wir später

Weltsynode der katholischen Kirche: Bunt gemischt, nicht nach Hierarchie aufgereiht saßen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weltsynode im Saal. Am Tisch des Papstes fanden die Koordinatoren Platz.

Bunt gemischt, nicht nach Hierarchie aufgereiht saßen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weltsynode im Saal. Am Tisch des Papstes fanden die Koordinatoren Platz.

(Foto: Vatican Media/Reuters)

Vier Wochen hat das Experiment einer Weltsynode im Vatikan gedauert, an diesem Sonntag ist es zu Ende gegangen. Es bleiben viele offene Fragen - aber die Reformer sind ein Stück vorangekommen.

Von Marc Beise, Vatikanstadt

Wenn es ganz still wurde in der großen Audienzhalle neben dem Petersdom, war da plötzlich der Gesang einer Zikade zu hören. Ob Papst Franziskus, der sich als Erster in der 2000-jährigen Geschichte der katholischen Kirche den Namen des heiligen Tierfreundes aus Assisi gegeben hat, sich an ihr gefreut hat auf seinem Platz vorne neben der Bühne?

Nicht auf der Bühne wohlgemerkt, wie sonst immer, saß das Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken in aller Welt, sondern unten im Saal wie die 365 anderen stimmberechtigten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weltsynode auch, an einem großen runden Tisch, wie deren viele im Saal standen. Durchgemischt waren dort die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses kirchenhistorischen Experiments und nicht wie bisher bei jeder Bischofssynode nach Hierarchie und Dienstalter sortiert, und vor allem nicht nur (meist alte) Männer.

Ein Konservativer trägt seinen Missmut offen nach außen: der deutsche Kardinal Müller

Über diese Sitzordnung ist viel geredet worden in diesen Tagen. Manche Traditionalisten empfanden sie als unpassend, von der Zusammensetzung der Synode und den diskutierten Themen ganz zu schweigen. Die meisten Teilnehmer aber waren begeistert, und auch die im Umfeld auftretenden oppositionellen Gruppen äußerten sich meist anerkennend über den konstruktiven Geist des Miteinanders, den Papst Franziskus initiiert hatte. Ein kompliziertes Verfahren mit Plenarteilen und Arbeitsgruppen, mit einer Geschäftsordnung, die dafür sorgte, dass jedes Thema offen angesprochen werden konnte, und die verhinderte, dass Einzelne die Debatte dominierten: Wer einmal geredet hatte, kam so schnell nicht wieder dran. Dazu Ansprachen, Musik und immer wieder Momente der Stille, in der die Teilnehmer ins Gebet versanken oder über das eben Gehörte nachdachten, vielleicht auch verstohlen in die Runde guckten - oder eben der Zikade lauschten.

Hemdsärmelig sei es bei der Mammutkonferenz zugegangen, berichteten Teilnehmer, bald habe kaum ein Kardinal und kein Bischof mehr Festkleidung getragen. Nur "der eine", wie gelegentlich gespöttelt wurde, trug seinen Protest über all das, was da geschah, quasi am Körper: Der umstrittene deutsche Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller, 75, einst Präfekt der Glaubenskongregation, legte sein Dienstgewand nicht ab und gab seinen Protest auch in Interviews freimütig zu Protokoll, obwohl der Papst eigentlich Vertraulichkeit erbeten hatte. Dieses "Schweigegebot" ist viel kritisiert worden, aber die Synodenteilnehmer hielten sich mehr oder weniger daran und teilten ihr Wissen nur zurückhaltend.

Müller, der ein bekennender Franziskus-Gegner ist, setzte sich einfach drüber hinweg. "Eine Synode ist eine gottesdienstliche Feier und nicht zu verwechseln mit einer Aktionärsversammlung in einem Sternehotel", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Dass viele Bischöfe und Kardinäle bei der aktuellen Synode in Rom "Zivil-, Sport- oder Straßenkleidung" trugen, sei daher unlogisch. "Vielleicht steht dahinter nur eine billige Anbiederung oder die Nötigung zur Bescheidenheit, um sich nicht sichtbar von den Laien zu unterscheiden."

Tiefgreifende Veränderungen? Darum sei es gar nicht gegangen, sagt einer der Theologen

Auch an den Themen, die diskutiert wurden, hatte der konservative Kardinal einiges auszusetzen. Es kam ja alles zur Sprache, was in der Kirche für Streit sorgt. Mitbestimmung der Gemeinde, Machtbeschränkung der Bischöfe, die Rolle der Frauen und der Umgang mit der sexuellen Vielfalt des Lebens.

Frauen waren erstmals auch stimmberechtigt, mit nur rund 50 zwar weit in der Minderzahl, aber es war ein Anfang. Frauen redeten vielbeachtet im Plenum, in etlichen Arbeitsgruppen wurde ihnen demonstrativ die Berichterstattung übertragen. Ob sie eines Tages auch in der Kirchenhierarchie gleichberechtigt sein werden, steht in den Sternen, jedenfalls über die Öffnung des Diakonats wurde länger geredet, nach manchen Berichten sogar über den Zugang zum Priesteramt. Genau kann man das nicht wissen, denn die Verhandlungen waren ja nicht öffentlich, Außenstehende waren auf Informationen von Teilnehmern angewiesen, die sich manchmal auch widersprachen.

Was jetzt vorliegt, schwarz auf weiß, ist ein 40 Seiten langes Abschlussdokument, so intensiv vorbereitet, dass Parteitagsstrategen im weltlichen Leben ihre Freude gehabt hätten. 1125 Änderungsanträge aus den Arbeitsgruppen und 126 Einzelanträge wurden von einer Programmkommission ins Schlussdokument harmonisiert, über das dann am Samstag bis in den Abend hinein abschnittsweise im Plenum abgestimmt wurde, hinein kamen nur Passagen, die mindestens eine Zweidrittelmehrheit erzielten; meist lag die Zustimmung wesentlich höher.

Erkennbar ist das Bemühen, die Kirche zu reformieren - aber in einem Tempo, das die Vertreter aller Positionen mitnimmt. Ausdrücklich wird der "Konsens der Gläubigen" als ein Kriterium für Glaubensfragen genannt. Zu den zahlreichen Missbrauchsskandalen betont die Synode die Bedeutung von Transparenz und Schutzmaßnahmen für potenzielle Opfer. Bei anderen Themen begnügt der Text sich damit, die unterschiedlichen Positionen zu benennen.

Die meisten Gegenstimmen (19,9 Prozent) erhielt der Absatz, in dem es um die Einführung des Frauendiakonats geht. Hier regt die Synode lediglich an, "die theologische Forschung fortzusetzen" und "wenn möglich" in einem Jahr Ergebnisse vorzulegen, wenn nach ausführlicher Diskussion in den Ortskirchen im Oktober 2024 eine weitere Synode in Rom tagen wird. Erst danach wird der Papst es in der Hand haben, was er aus den finalen Empfehlungen für Schlussfolgerungen zieht.

Der Papst hat sich schon gegen Frauen am Altar ausgesprochen

In diesem Zusammenhang bedeutsam sind neue Aussagen von Franziskus gegen das Frauenpriestertum, sie sind in einem bereits auf Spanisch veröffentlichten Interviewbuch enthalten, das in der vergangenen Woche auch auf Italienisch erschienen ist. Darin unterstreicht der Papst die geltende kirchliche Lehre, wonach Frauen nicht Priester werden können. Prinzipiell offen zeigt er sich beim Frauendiakonat und beim Priesterzölibat - weist entsprechende Entscheidungen aber ausdrücklich seinem Nachfolger zu.

Zum Thema Homosexualität heißt es im Abschlusspapier der Synode, Fragen "wie diejenigen im Zusammenhang mit Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung" seien umstritten. Man müsse sich bei der Beschäftigung Zeit nehmen, "ohne einfachen Urteilen nachzugeben".

Hoffnungen auf baldige durchgreifende Änderungen in der katholischen Kirche darf man sich also nicht machen, betonte zum Abschluss der britische Theologe Timothy Radcliffe, geistlicher Assistent der Synode. Bei dem Treffen sei es um eine neue Form des Kirche-Seins gegangen, nicht um konkrete Entscheidungen, sagte Radcliffe. Man sei erst am Anfang eines Lernprozesses, gemeinsam Entscheidungen zu finden und aufeinander zu hören. Aber das sei gegenüber früheren Synoden schon ein gewaltiger Fortschritt, hob auch Kardinal Jean-Claude Hollerich aus Luxemburg hervor, der Koordinator der Synode. "Es war doch klar, dass einige Thesen auf Widerstand stoßen. Der Widerstand ist nicht so groß, wie wir erwartet haben", sagte er in der abschließenden Pressekonferenz.

Für die deutsche Delegation zog der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, eine gemischte Bilanz. Einerseits habe die Synode alle drängenden Fragen angesprochen, die "große Ehrlichkeit" des Treffens habe ihn beeindruckt. Andererseits sei aber immer wieder Angst vor Veränderungen in der Kirche zu spüren gewesen. Er wünsche sich deshalb für die nächste Zusammenkunft in einem Jahr mehr Mut, umstrittene Themen "einer Klärung zuzuführen, die die Kirche verändert um der Menschen willen".

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