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Aufarbeitung in der katholischen Kirche:Zeit des Zorns

Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz

Beten allein hilft längst nicht mehr. Die katholischen Bischöfe müssen sich bei der Frühjahrsvollversammlung geballtem Protest stellen.

(Foto: Frank Rumpenhorst/dpa)

Die Frauen begehren auf, die Gläubigen treten in Scharen aus. Bei der Frühjahrsvollversammlung wird nicht nur der Umgang der katholischen Bischöfe mit sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen zur Sprache kommen.

Von Annette Zoch, München

"Viel Resignation, viel Zorn, aber auch ein Gefühl des Aufbruchs und der Selbstermächtigung": So beschreibt Maria Mesrian, die Sprecherin der Gruppe Maria 2.0 in Köln, die Stimmung in der Erzdiözese. "Die Macht, die die Kirchenfürsten noch hatten, bricht allmählich weg. Und der Kaiser steht nackt da." Am Wochenende hatte Maria 2.0, eine von katholischen Frauen gegründete Reformbewegung, sieben Thesen an Kirchentüren in ganz Deutschland geschlagen. Sie fordern eine partizipative Kirche, Macht- und Gewaltenteilung, den Zugang für Frauen zu allen Ämtern - und eine konsequente Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Am Kölner Dom knüpften die Aktivistinnen ihre Thesen mit Kabelbinder an das Gitter des Südportals.

Köln, das größte katholische Bistum in Deutschland, gilt derzeit als Epizentrum des Missbrauchsskandals. Im Zentrum des Bebens steht der Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki, der im vergangenen Jahr die Entscheidung traf, ein Missbrauchsgutachten nicht zu veröffentlichen, und dafür auch Betroffene in Mithaftung nahm. In seiner Erzdiözese rennen ihm seitdem deshalb in Scharen die Gläubigen davon, Pfarreien von Brühl bis Wuppertal sind in Aufruhr.

Woelki selbst kann derzeit kaum irgendwo auftauchen, ohne dass es Proteste hagelt. Von diesem Dienstag an trifft Woelki wieder auf seine Mitbrüder - bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die coronabedingt digital zusammenkommt. In einem dramatisch formulierten Appell wandten sich vorab katholische Laienverbände und Reformbewegungen wie "Wir sind Kirche" an die Bischöfe: "Verspielen Sie die letzte Chance nicht!"

Folgen haben sie nicht zu befürchten, denn entlassen kann nur der Papst

Die Vorgänge in Köln werden wohl zur Sprache kommen. Folgen werden Woelki und seine Weihbischöfe nicht befürchten müssen. Denn entlassen kann nur der Papst. Die Bischofskonferenz kann in kein Bistum hineinregieren. Mancher Mitbruder wird sich zudem genau überlegen, welche Folgen Rücktritte in Köln hätten. Denn einige der Oberhirten waren früher selbst in Personalverantwortung. Zum Beispiel der Hamburger Erzbischof Stefan Heße, einst Personalchef im Erzbistum Köln. Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum Hamburg forderte Heße bereits dazu auf, sein Amt so lange ruhen zu lassen, bis Vorwürfe gegen ihn geklärt seien. Medienberichten zufolge wirft ihm das unveröffentlichte Gutachten vor, einst in Köln Missbrauchsfälle vertuscht zu haben.

Doch nicht alle Laien sehen die Aufarbeitungsbemühungen der Kirche kritisch. Der Präsident des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, sieht sie in der Augsburger Allgemeinen "alles in allem auf einem guten Weg". Und der oberste Laienvertreter hält auch nichts von staatlichen Wahrheitskommissionen, wie sie Betroffene immer wieder fordern. Die wiederum sehen auch Versäumnisse beim ZdK. Das Gremium habe es in den elf Jahren seit Beginn des Missbrauchsskandals nicht geschafft, "die Betroffenen, die sichtbar und hörbar Forderungen an die Kirche formuliert haben, einzuladen und anzuhören", bemängelt Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch".

Das System der unkontrollierten Macht stehe zur Disposition, sagt eine Kritikerin

"Es geht nicht nur um Köln", sagt auch die Kölnerin Maria Mesrian. "Es geht um ein ganzes System, das da zur Disposition steht. Ein System der unkontrollierten Macht, das Missbrauch und Vertuschung ermöglicht hat. Mit einem einzelnen Rücktritt ist deshalb auch nichts gewonnen." Das sieht auch Doris Reisinger so, katholische Theologin an der Frankfurter Jesuiten-Hochschule St. Georgen: "Es wäre ein Symbol, und das alleine hilft nicht, solange das, was es symbolisieren soll, nicht geschieht", sagt Reisinger. "Viel wichtiger finde ich, wie es jetzt weitergeht: Es muss dieses Münchner Gutachten veröffentlicht und es muss das klare Signal gesetzt werden, wir wollen wirklich aufarbeiten. Wir wollen diesen Gestus der fortlaufenden Machtdemonstration und unseren Anspruch auf Deutungshoheit nicht fortsetzen."

Reisinger selbst ist Betroffene von spirituellem Missbrauch - ein Thema, das ebenfalls bei der Bischofsversammlung angesprochen werden soll. Gemeinsam mit anderen wendet sie sich in einem offenen Brief an die Bischöfe und fordert unter anderem die Einführung von kirchenrechtlichen Grundlagen, die spirituellen Missbrauch strafbar machen würden (siehe Interview).

Auch beim sexuellen Missbrauch sind die Grundlagen des kirchlichen Strafrechts mangelhaft, dort gilt ein sexueller Übergriff nur als Zölibatsverstoß. Betroffene träten im kirchlichen Strafprozess deshalb "nicht als Geschädigte auf, sondern als Zeugen", sagt Reisinger. Dies wäre zu beheben, indem man im Kirchenrecht ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verankerte. "Aber: Damit müsste die Kirche große Teile ihrer Sexuallehre infrage stellen", so Reisinger. "Das ist eigentlich der Knackpunkt: Die Kirche kann Missbrauch von ihrer inneren Logik her nicht denken, weil sie Selbstbestimmung nicht denken kann."

"Wir leben in einer Wendezeit", sagt Maria Mesrian. "Das Machtsystem der Kirche zerbröckelt, aber es ist auch eine Zeit der Selbstermächtigung. Pfarrer schließen sich uns an, Jugendliche. Die Kirchenbasis ist ja noch da, und die Menschen brauchen weiterhin Räume, um ihren Glauben leben zu können. Und sie werden sich diese neuen Räume suchen."

© SZ/edel
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