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Kardinal Reinhard Marx:Der Klassensprecher hört auf

Aktion 'Woche für das Leben' der Kirchen

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei einem Ökumenischen Gottesdienst

(Foto: dpa)
  • Wenn Anfang März auf der Frühjahrsversammlung der katholischen Bischöfe in Mainz turnusgemäß ein Vorsitzender gewählt wird, tritt Kardinal Reinhard Marx nicht mehr für eine zweite Amtszeit an.
  • Der Rückzug kommt überraschend - noch vor zehn Tagen hatte Marx engagiert der ersten Versammlung des Synodalen Weges in Frankfurt vorgesessen.
  • Doch in den vergangenen Monaten hatte Marx auch immer mal wieder durchblicken lassen, dass eine zweite Amtszeit als Bischofskonferenzvorsitzender für ihn nicht das höchste irdische Glück darstellen würde.

"Alles hat seine Zeit", zitiert der Kardinal den Prediger Kohelet aus dem Alten Testament, um dann den Satz auf sich zu beziehen: Es gab für Reinhard Marx, den Münchner Erzbischof, eine Zeit als Bischofskonferenzvorsitzender - und nun ist es an der Zeit, das Amt abzugeben. Wenn Anfang März auf der Frühjahrsversammlung der katholischen Bischöfe in Mainz turnusgemäß ein Vorsitzender gewählt wird, tritt Marx nicht mehr für eine zweite Amtszeit an.

"Seit einiger Zeit steht das für mich fest", schreibt er seinen Amtsbrüdern in einem Brief. Am Ende einer zweiten Amtszeit wäre er 72 Jahre alt. "Ich finde, es sollte die jüngere Generation an die Reihe kommen. Und vielleicht ist es auch gut, wenn es häufiger einen Wechsel in dieser Aufgabe gibt." Selbstverständlich werde er weiterhin aktiv in der Bischofskonferenz mitarbeiten und sich vor allem für den Reformprozess des Synodalen Wegs engagieren. Zudem wolle er wieder stärker im Erzbistum München und Freising präsent sein und den dortigen Strategieprozess begleiten.

Der Rückzug kommt überraschend - noch vor zehn Tagen hatte Marx engagiert der ersten Versammlung des Synodalen Weges in Frankfurt vorgesessen. Doch in den vergangenen Monaten hatte Marx auch immer mal wieder durchblicken lassen, dass eine zweite Amtszeit als Bischofskonferenzvorsitzender für ihn nicht das höchste irdische Glück darstellen würde. Sechs Jahre lang stand der Münchner Kardinal, der eines der größten Erzbistümer in Deutschland leitet und zudem noch Papst Franziskus im Kardinalsrat berät, inmitten der Richtungskämpfe seiner Kirche und im Hagelsturm des Missbrauchsskandals.

Marx wurde zur treibenden Kraft des Synodalen Weges

Bereits auf der Frühjahrsversammlung in Münster im März 2014 brauchte es vier Wahlgänge, ehe Marx die erforderliche Mehrheit der Bischöfe hinter sich hatte und Nachfolger des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch wurde. Die Konservativen hätten lieber den Münsteraner Bischof Felix Genn an der Spitze der Konferenz gesehen, die Liberalen Franz-Josef Bode aus Osnabrück, wieder andere hielten den selbstbewussten Marx für zu dominant und brachial. Am Ende aber erschien trotz aller Bedenken den meisten der Münchner Kardinal als derjenige, der am besten die katholische Kirche im Land nach außen repräsentieren könnte, mit seinem politischen und kirchenpolitischen Gespür, seiner Fähigkeit zum frei gesprochenen und pointierten Statement, seinem souveränen Umgang mit den Medien.

Und so wurde Marx für sechs Jahre das Gesicht der katholischen Kirche in Deutschland, einer Kirche in der Krise und im Umbruch, mit Rekord-Austrittszahlen. Nach und nach verschoben sich dabei seine Positionierungen: Als er 2008 gegen Zollitsch antrat und verlor, war er noch der Kandidat der Konservativen gewesen, nach 2014 setzte er sich zunehmend für - vorsichtige - Reformen in der Kirche ein. Er trat dafür ein, Geschiedene, die wieder geheiratet haben, im Einzelfall zur Kommunion zuzulassen, ebenso evangelische Christen, die einen katholischen Partner haben.

Im September 2018 ließ eine von den Bischöfen in Auftrag gegebene Studie nicht nur das Ausmaß der sexualisierten Gewalt in der Kirche erahnen, sondern äußerte auch die Vermutung, die zölibatäre Lebensform und die Tabuisierung von Sexualität und Homosexualität könnten zu den Taten und ihrer Vertuschung beigetragen haben. Da wurde Marx zur treibenden Kraft des Synodalen Weges auf dem die Bischöfe mit Vertretern des Kirchenvolks zwei Jahre lang beraten wollen, wie die katholische Kirche künftig mit Macht umgehen und wie sie über Sexualität reden will, ob der Zölibat noch zeitgemäß ist oder das kirchliche Nein zu Weiheämtern für Frauen.

Das brachte ihm in der Bischofskonferenz Kritik und auch hartnäckige Gegnerschaft ein - vor allem von den bayrischen Bischöfen in Regensburg, Augsburg und Passau; Wortführer dieser Kritiker wurden der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer und der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki, der zuletzt die Befürchtung äußerte, der Synodale Weg könnte zu einer Protestantisierung der katholischen Kirche führen.

Marx hat es genossen, die Dinge voranzutreiben

Die Wege dieser Auseinandersetzungen und manchmal auch enervierenden Kleinkriege führten immer wieder nach Rom, ohne dass von dort die abschließende Antwort gekommen wäre. Mal gaben der Papst und die Kurienkardinäle dem Bischofskonferenzvorsitzenden Recht, mal seinen Kritikern, und manchmal auch nacheinander oder zugleich beiden: Der Brief von Papst Franziskus im Vorfeld des Synodalen Weges ermuntert die Kirche in Deutschland, mutig neue Wege zu gehen, aber sich nicht von der Weltkirche und ihren Lehren zu trennen - das kann nun jeder nach seinem Geschmack auslegen.

Ein Bischofskonferenzvorsitzender hat ohnehin nur begrenzte Durchsetzungsmacht, er ist eine Art Klassensprecher der Bischöfe. Laut Kirchenrecht ist jeder Bischof dem Papst verantwortlich und ansonsten weitgehend autonom in seinem Bistum. Auch das hat Marx immer durchaus schmerzhaft erfahren müssen: Eine Handreichung der Bischofskonferenz zu den wiederverheirateten Geschiedenen setzte jeder Bischof nach eigenem Dafürhalten um, ebenso jene Regeln im Arbeitsrecht, wonach Verstöße gegen die katholischen Lebensvorstellungen nur noch in Ausnahmen zur Entlassung führen. Auch bei den Voten des Synodalen Weges ist jeder Bischof frei, sie umzusetzen oder nicht. Für einen eher ungeduldigen Menschen wie den Münchner Kardinal ist diese Vermittlungsarbeit immer wieder eine Herausforderung - auch das dürfte dazu beigetragen haben, auf eine zweite Amtszeit zu verzichten.

Diese Entscheidung liegt aber durchaus auch in der Sache: In den sechs Jahren der Marx'schen Amtszeit ist eine jüngere Bischofsgeneration ins Amt gekommen, die für einen Neuanfang der katholischen Kirche stehen könnte und unbefangener als die Vorgängergeneration Konsequenzen aus dem institutionellen Versagen der Kirche beim Umgang mit der sexuellen Gewalt ziehen könnte: Franz Jung in Würzburg und Stephan Burger in Freiburg, Stefan Heße in Hamburg und Stefan Oster in Passau, Heiner Wilmer in Hildesheim und Peter Kohlgraf in Mainz.

Vor allem Heiner Wilmer aus Hildesheim hat darauf hingewiesen, wie sehr der Missbrauchsskandal das Selbstverständnis der katholischen Kirche trifft - und auch verändern muss. Größere Chancen als neuer Konferenzvorsitzender dürfte jedoch aus dieser jüngeren Generation der Mainzer Bischof Kohlgraf haben, der, bei klarer Haltung, vermittelnder formuliert als Wilmer, der doch einige der Konservativen verschreckt hat.

"Ich haben das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sehr gerne ausgeübt", schreibt Marx. Schöngefärbt ist das trotz aller Konflikte nicht. Marx, der Macher, hat es auch genossen, die Dinge voranzutreiben, gegen alle Widerstände. Geht hinaus, habt Mut - das hat er den Mitbrüdern immer wieder gepredigt. Traf man ihm zum Gespräch, sagte er aber auch immer häufiger, dass er nachdenklicher geworden sei, weniger drängend und fordernd als einst. Neben der lebensfrohen Seite des Zigarrenrauchers und einstigen Motorradfahrers sei die melancholische Seite stärker geworden. Auch das könnte dazu beigetragen haben, dass der Kardinal sagte: Nun ist es genug - und Zeit, Macht abzugeben.

© SZ/saul
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