Missbrauch in der katholischen Kirche Weggeschaut und vertuscht

"Ich schäme mich": Demütig wie nie stellt Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die Ergebnisse der Missbrauchsstudie vor. Doch welche konkreten Folgen die Ergebnisse haben, kann er nicht sagen.

Von Matthias Drobinski, Fulda

Das Fuldaer Kolpinghotel hält die richtige Architektur bereit zum Thema; ein grauer, abweisender Plattenbau ist da in den Siebziger Jahren in der Barockstadt hochgezogen worden. Aber 190 Journalisten brauchen Platz, so viele kamen seit 2010 nicht mehr zu einer Versammlung der Bischofskonferenz, als immer mehr Fälle sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute offenbar wurden.

Das Thema hat die katholische Kirche wieder eingeholt. Seit 2014 hat ein Forscherkonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen im Auftrag der Bischofskonferenz versucht, Ausmaß, Ursachen und Folgen des Missbrauchs zu erforschen, jetzt stellen Forscher und Bischofskonferenz die Ergebnisse vor. Seit zwei Wochen sind die Zahlen in der Welt, ist den Bischöfen die Kontrolle über den Bericht aus der Hand genommen.

"Dies ist ein wichtiger Tag für die katholische Kirche in Deutschland, vielleicht auch ein Wendepunkt", sagt Reinhard Marx, der Münchner Kardinal und Vorsitzende der Bischofskonferenz. Er spricht von einer "Schuldgeschichte". "Ich schäme mich", fährt er fort, "für das Vertrauen, das zerstört wurde, für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden". Er habe 2010 gedacht, "wir werden das in einigen Jahren überwunden haben" - das sei ein Fehler gewesen. Selten hat man den sonst so selbstbewussten Kardinal so demütig gesehen. "Wir spüren, es ist noch viel, viel mehr zu tun", sagt er. Und dass er viele verstehe, die sagten: "Wir glauben euch nicht mehr".

Die Emotionen sind groß. Seit acht Jahren, sagt der Trierer Bischof Stefan Ackermann, gehöre das Thema zu seinem Alltag als Beauftragter für Missbrauchsfälle der Bischofskonferenz. Und "je mehr Zeugnisse von Betroffenen ich über die Jahre gelesen und gehört habe, umso mehr sind meine Abscheu und meine Wut gegen diese Art von Verbrechen gewachsen". Jetzt muss etwas passieren, ist die Botschaft. Jetzt muss es dem Klerikalismus und den Verschweigestrukturen in der Kirche aber wirklich an den Kragen.

Die Ergebnisse der Studie sind ja auch bedrückend. Er habe sich in 30 Jahren einige professionelle Distanz angeeignet, sagt der Mannheimer Forensik-Professor Harald Dreßing, der für das Konsortium spricht (und betont, keiner der Forscher habe die Studie weitergegeben) - "aber das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und der Umgang der Verantwortlichen damit haben mich dennoch erschüttert." Die Ergebnisse legten nahe, dass es in der katholischen Kirche "spezifische Strukturen gab und gibt, die Missbrauch begünstigen können".

In den mehr als 38000 durchforsteten Akten hätten sich zum Beispiel bei 5,1 Prozent der Diözesanpriester Hinweise auf Missbrauchstaten ergeben - aber nur bei einem Prozent der meist verheirateten Diakone, die zudem weniger innerkirchliche Macht besäßen. Die Mehrheit der Betroffenen seien Jungen; es gebe Hinweise, dass "ambivalente Aussagen zur Sexualmoral und zur Homosexualität und Auswirkungen des Zölibats wie sexuelle Unreife und verleugnete homosexuelle Neigungen" zur Gewalt und ihrer Vertuschung beigetragen hätten. Ein Problem sei öfters auch das Beichtgeheimnis: Kleriker hätten die Beichte genutzt, um Taten zu offenbaren, zu verschleiern oder gar anzubahnen.

Diakone werden seltener beschuldigt als Priester

Das zeigt eine Studie im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz. Die Ergebnisse befeuern die Diskussion um den Zölibat, denn Diakone sind meist verheiratet. Von Matthias Drobinski mehr ...

Noch einmal weist Dreßing auf das enorme Dunkelfeld hin: Nur die Hälfte der von der Bischofskonferenz entschädigten Fälle finde sich in Personalakten, Akten fehlten, seien unvollständig oder manipuliert - "wir haben die Spitze des Eisbergs untersucht", sagt der Forscher. Immerhin wisse man jetzt von mindestens 1677 Beschuldigten und 3700 Betroffenen. "Weniger sind es nicht, das kann niemand mehr in Abrede stellen". Da müsse nun die Aufarbeitungsarbeit der Kirche beginnen.

Aber wie? Roswitha Müller-Piepenkötter trägt einiges vor; die ehemalige CDU-Justizministerin in Nordrhein-Westfalen sitzt im Beirat der Forscher. Die "Hierarchien und Strukturen" der katholischen Kirche seien jetzt zu überprüfen, das "priesterliche Rollenverständnis". Auch der Umgang mit den Betroffenen sei immer noch nicht wirklich gut, bei den Entschädigungszahlungen zum Beispiel.

Die Nachfragen der Journalisten aber zeigen: Sehr viel Konkretes können der Kardinal und Bischof Ackermann nicht benennen. Die Aufarbeitung nach außen geben - an eine unabhängige Wahrheitskommission oder über Staat-Kirchen-Verträge? Kann man machen, vielleicht. Neu über Entschädigungszahlungen reden? Ja, schon, sagt Bischof Ackermann. Über Klerikalismus, den Zölibat und die Homosexualität eines Teils der Kleriker? Muss man, sicher. Mehr können die beiden gar nicht versprechen. Jedes Bistum ist unabhängig und entscheidet selber, ob es bei Scham und Trauer bleibt - oder mehr geschieht. Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki hat eine unabhängige Aufarbeitung angekündigt, der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt lediglich einen Fasttag.

Er habe die Zusammenfassung des Forscherberichts schon Papst Franziskus geschickt, sagt Kardinal Marx. Und verspricht, er werde auf der Bischofssynode im Oktober in Rom das Thema Missbrauch einbringen. Gab es am Morgen in der Bischofsversammlung in Fulda einen Hirten, der sagte: Eigentlich müsste ich jetzt zurücktreten? Eine Kollegin fragt das. Die Antwort kommt schnell: Nein.

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Papst und Bischöfe müssen die Debatte dafür öffnen, wie ein menschenfreundliches Verhältnis der Kirche zur Sexualität aussehen könnte und sie müssen Kontrolle abgeben. Kommentar von Matthias Drobinski mehr...