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Kampf gegen IS:Der lokale Widerstand gegen IS ist beunruhigend klein

Mehr noch als die schiere Zahl der Kämpfer, die der IS mobilisieren kann - nach Schätzungen unterschiedlicher Sicherheitsbehörden sind es zwischen 10 000 und 30 000 - beunruhigt, dass der lokale Widerstand gegen dessen Terrorherrschaft relativ begrenzt geblieben ist. Große Teile der Bevölkerung arrangieren sich - nicht, weil sie den IS für gut, sondern weil sie die Regierungen in Bagdad oder Damaskus für noch schlimmer halten, sich von diesen marginalisiert oder unterdrückt fühlen. Alarmierend ist auch, dass die von Saudi-Arabien geführte sunnitische Staatenallianz kein überzeugendes ideologisches Alternativangebot ist: Die religiös-politische Sprache des selbsternannten Kalifen und die dahinterliegende totalitäre Islamauslegung unterscheiden sich kaum von dem, was man in Freitagspredigten oder von staatlich bezahlten Religionsgelehrten in Saudi-Arabien hören kann.

Die USA, europäische Staaten und andere internationale Mächte können ihre regionalen Partner im Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen und sollten dies auch tun. Das schließt Luftschläge zur Eindämmung des IS oder Waffenhilfe für bedrängte Partner wie die Kurdische Regionalregierung ein. Es verlangt aber vor allem diplomatische und humanitäre Anstrengungen.

Syrien braucht viele Waffenstillstände

Den eigentlichen politischen und militärischen Kampf müssen diese Partner selbst führen, schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit. Haltbare Lösungen für den Irak und für Syrien sind ohnehin nur politisch, nicht militärisch zu erzielen.

So wird der Irak sich ohne eine tatsächlich inklusive Regierung in Bagdad, die auch den arabischen Sunniten das Gefühl gibt, ihren Anteil am Staat zu haben, nicht wieder zusammenbauen lassen. Syrien braucht zunächst einen Waffenstillstand, viele lokale Waffenstillstände, zwischen den Truppen des Regimes und jenen moderaten Rebellen, die sich in einem Zweifrontenkrieg zwischen Regime und IS befinden. Dies ist die einzige Möglichkeit, ein weiteres Vordringen des IS zu verhindern und allmählich den Weg für eine politische Lösung zu bahnen, die Syrien vielleicht noch als Staat erhält. Hier liegt unter anderem eine Aufgabe für den neuen Syrien-Vermittler der Vereinten Nationen.

Weder der Krieg im Irak noch der in Syrien aber werden sich ohne eine Entspannung zwischen Saudi-Arabien und Iran beenden lassen: Der Konflikt dieser beiden Regionalmächte heizt die konfessionelle, sunnitisch-schiitische Polarisierung in der gesamten Region weiter an und leitet damit immer mehr giftiges Wasser auf die Mühlen des "Islamischen Staates" und anderer Dschihadisten. Es ist deshalb nur richtig, wenn deutsche und europäische Diplomatie sich auch um einen Ausgleich zwischen Teheran und Riad bemüht.

Zur Person

Der Politologe Volker Perthes, 56, ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. In den 80er- und 90er-Jahren lebte und forschte er unter anderem in Damaskus und Beirut.

© SZ vom 25.09.2014/jasch
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