Journalistenmord in der Slowakei Neben der Leiche lief noch der Computer

  • Nach dem Mord an dem Journalisten Ján Kuciak halten die Ermittler einen Zusammenhang zu seiner journalistischen Arbeit für wahrscheinlich.
  • Zuletzt hatte der slowakische Reporter zur italienischen Mafia recherchiert. Die gerät nun ins Visier.
  • Die italienische Spur könnte auch für den slowakischen Ministerpräsidenten Fico unangenehm werden.
Von Bastian Obermayer, Daniel Brössler, Brüssel, und Oliver Meiler, Rom

Ján Kuciak war guter Dinge, als Pavla Holcová das letzte Mal mit ihm telefonierte. Das war am Mittwoch vergangener Woche. Er habe neue Informationen erhalten, erzählte der slowakische Journalist seiner tschechischen Kollegin. Sie sprachen über ihre gemeinsame Recherche zur kalabresischen Mafia 'Ndrangheta, die seine letzte Recherche werden sollte.

Die tschechische Investigativreporterin Pavla Holcová kannte Ján Kuciak seit gut fünf Jahren. Wann immer eine Spur sie in die Slowakei führte - und das war häufig -, kontaktierte sie ihn. Auch, als es um die Panama Papers ging, arbeiteten die beiden zusammen. Kuciak kam dafür eigens nach Prag. "Er schlief bei mir in der Küche, und wir arbeiteten Tag und Nacht", sagt sie. Kuciak sei ein sehr verlässlicher, hart arbeitender, ruhiger Kollege gewesen. Auch über Drohungen sprachen sie manchmal, erinnert sich Pavla Holcová, er habe meistens darüber gescherzt. Mittlerweile steht sie selbst unter Polizeischutz.

Auf dem Küchentisch stehen drei Tassen Kaffee. Daneben die Leiche der 27-jährigen Martina Kušnírová, es läuft noch der Computer. Ján Kuciak liegt auf der Kellertreppe. Die tödliche Kugel traf ihn in die Brust. Seiner Verlobten war in den Kopf geschossen worden. Das ist das Bild, das sich der Polizei am Sonntagabend slowakischen und tschechischen Medienberichten zufolge in dem kleinen Haus im Ort Veľká Mača bietet. Einbruchsspuren sind angeblich keine zu finden. Ein Umstand, auf den der slowakische Ministerpräsident Robert Fico Journalisten später ganz besonders hinweisen wird.

Journalismus Morde an Journalisten darf Europa nicht zulassen
Toter Journalist in der Slowakei

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Mit Ján Kuciak wurde erneut ein Journalist ermordet, der an den Panama Papers mitgearbeitet hat. Deutschland muss darauf achten, dass dieses Verbrechen aufgeklärt wird - um jeden Preis.   Kommentar von Bastian Obermayer

Der Doppelmord in Veľká Mača im Westen des Landes erschüttert Ficos Regierung und er erschüttert das gesamte kleine Land. Mit beachtlichen Wachstumszahlen und soliden Finanzen hatte die Slowakei zuletzt vor allem als europäischer Musterschüler von sich Reden gemacht. Die slowakische Ratspräsidentschaft 2016 half Fico dabei, seinen nicht immer einwandfreien Ruf aufzupolieren. Es gab freilich immer auch eine andere Seite. Jene Seite, deren Offenlegung Kuciak sich in seiner Arbeit für das zum Springer-Konzern gehörende Nachrichtenportal Aktuality.sk verschrieben hatte.

"Vor 14 Jahren kam ein Italiener namens Carmine Cinnante in der slowakischen Stadt Michalovce an", beginnt Kuciaks letzter, unvollendeter Text. Er handelt davon, wie die 'Ndrangheta in der Slowakei nicht nur Fuß gefasst hat, sondern sich beste Verbindungen zu höchsten Regierungskreisen bis hin zu Regierungschef Fico erarbeitet hat. Im Zentrum der Recherchen steht ein Mann namens Antonino Vadalà, der sich 2002 in der Slowakei angesiedelt hat. Die Polizei hält bei ihren Mordermittlungen von Anfang an einen Zusammenhang zur journalistischen Arbeit von Kuciak für zumindest wahrscheinlich und schaltet auch Europol ein. Am Donnerstag vermelden die slowakischen Medien die Festnahme von Vadalà sowie sechs weiterer Personen, unter ihnen wohl sein Bruder und ein Vetter.

Der Fall ist bereits eine europäische Affäre. Brüssel verlangt eine Aufklärung

Ob allerdings tatsächlich eine heiße Spur zum organisierten italienischen Verbrechen führt, daran hatte Ministerpräsident Fico zuvor offenbar selbst Zweifel gesät. Im vertraulichen Gespräch mit slowakischen Journalisten soll er darauf verwiesen haben, dass die Opfer den oder die Mörder offenbar selbst ins Haus gelassen haben. Berichtet wird das von der tschechischen Zeitung Mladá fronta Dnes. Tatsächlich ist die italienische Spur für Fico die unangenehmste. Kuciaks letzter Artikel schildert detailliert die enge Verbindung Vadalàs zur Fico-Assistentin Mária Trošková, einem Ex-Model, und zum Chef des nationalen slowakischen Sicherheitsrates, Viliam Jasaň, sowie zu Ficos sozialdemokratischer Regierungspartei Smer.

Trošková und Jasaň sehen sich gezwungen, ihre Ämter niederzulegen, nachdem zuvor am Dienstag Kulturminister Marek Maďarič aus Protest zurückgetreten war. Es gebe den "begründeten Verdacht", dass Fico ins organisierte Verbrechen verwickelt sei, sagt der Vize-Vorsitzende der oppositionellen Partei Freiheit und Solidarität (SaS), Ľubomír Galko. Fico keilt zurück: Die Opposition missbrauche den Doppelmord, um an die Macht zu kommen. Der Fall ist da bereits eine europäische Affäre. EU-Kommission und EU-Parlamentarier verlangen Aufklärung.

Aktuelles Lexikon: ’Ndrangheta

Die Ermordung des slowakischen Journalisten Ján Kuciak soll mit der süditalienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta in Verbindung stehen. Jedenfalls arbeitete Kuciak zuletzt an einer Reportage über Betrug mit EU-Geld. Darin sollen Italiener mit Verbindungen zu dieser Mafia verwickelt sein. Verwunderlich wäre das nicht. Längst wuchert die in Kalabrien wurzelnde 'Ndrangheta weit über ihre Heimat hinaus. Laut der nationalen italienischen Antimafiabehörde DNA ist die kalabrische Mafia heute in allen Regionen des Landes und vielen Staaten der Welt aktiv. Sie hat Stützpunkte in Amerika, Australien und Europa. So haben sich Clans in Deutschland, der Schweiz und Osteuropa festgesetzt. In Duisburg fielen 2007 sechs Menschen der 'Ndrangheta zum Opfer. Typisch für diese Mafia ist, dass alle Clans weltweit engsten Kontakt zur Mutterorganisation in Kalabrien halten. Längst ist die 'Ndrangheta mächtiger als die sizilianische Cosa Nostra oder die neapolitanische Camorra. Die Mafiosi aus Kalabrien dominieren den internationalen Drogenmarkt, mischen im Glücksspiel, bei öffentlichen Bauten oder bei der Abfallentsorgung mit. Sie infiltrieren Wirtschaft, öffentliche Verwaltung und Politik. Und die 'Ndrangheta wächst weiter. Der römische Kriminologe Enzo Ciconte nennt sie "die erste wirklich globale Mafia". Stefan Ulrich

Die 'Ndrangheta, so berichten Experten, ist schon seit dem Fall der Berliner Mauer in etlichen Ländern im Osten Europas aktiv. Der Übergang zur Demokratie schien der Organisation ein guter Moment zu sein, Geld aus anderen Geschäften dort zu investieren und zu waschen. Beweise für Geldwäsche findet Kuciak zwar nicht, wie er in seinem letzten Artikel schreibt. Sehr wohl aber sei zweifelhaft, wo das Geld für die vielfältigen Aktivitäten italienischer Familien etwa im Immobilienbereich und der Landwirtschaft in der Slowakei herstamme. Mehrmals hat die slowakische Justiz seinen Recherchen zufolge gegen Vadalà ermittelt, etwa wegen Drohungen gegen Konkurrenten und Mehrwertsteuerbetrugs. Zu einer Verurteilung aber kam es nie.

Die 'Ndrangheta setzt jedes Jahr mehr als 50 Milliarden Euro um

Von allen Organisationen der italienischen Mafia gilt die kalabrische 'Ndrangheta als die flexibelste, versierteste, globalste und mittlerweile mächtigste. Größer als die sizilianische Cosa Nostra und die kampanische Camorra. Sie operiert mit Tausenden Mitgliedern auf allen Kontinenten. Man hört nur deshalb weniger oft von ihr, weil sie stiller agiert, und das liegt vor allem daran, dass die 400 Clans, die sogenannten "'ndrine", ausschließlich Familienmitglieder aufnehmen - Blutsverwandte. Deshalb kommt es auch selten vor, dass die Justiz auf Kronzeugen zählen kann, um die Clans auszuheben. Glaubt man den Schätzungen der Experten, setzt die 'Ndrangheta jedes Jahr mehr als 50 Milliarden Euro um. Sie verdient vor allem am Drogenhandel, seitdem sie in den Neunzigerjahren den Sizilianern die Vorherrschaft auf diesem Gebiet entrissen hatte und direkt mit den Kartellen in Kolumbien und Mexiko zusammenarbeitet.

Doch das ist nur ein Zweig ihres Business. Einträglich sind auch Geschäftsfelder, die auf den ersten Blick nicht ins klassische Beuteschema der Mafia passen und sich ihr oftmals über die Infiltrierung der Politik und der öffentliche Verwaltung erschließen. So gab es in der Vergangenheit viele Betrugsfälle im Zusammenhang mit der Vergabe öffentlicher Gelder, etwa für die Förderung erneuerbarer Energien. Da geht es um Millionenbeträge aus den Töpfen der Strukturfonds der Europäischen Union. Über Strohfirmen nehmen die Clans an den Ausschreibungen teil, obschon sie die Kriterien nicht erfüllen. Aufträge und Subventionen erhalten sie dank ihrer politischen Verbindungen.

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