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Journalistenmord in der Slowakei:Einer, der Betrug und Korruption nicht akzeptieren wollte

Nach Journalistenmord in der Slowakei

Blumen und Kerzen für Ján Kuciak und Martina K.: In der Slowakei sind nach dem Mord den beiden viele Menschen tief erschüttert.

(Foto: dpa)

Mit Ján Kuciak wurde ein junger Journalist ermordet, der die Slowakei zu einem besseren Ort machen wollte. Dass er deswegen offenbar sterben musste, bringt das ganze Land in Aufruhr.

Der Mord an dem Journalisten Ján Kuciak und seiner Freundin erschüttert derzeit das ganze Land, ganz Europa. Es kam zu Protestkundgebungen in Bratislava. Die Regierung von Ministerpräsident Robert Fico geriet unter Druck, seine engste Mitarbeiterin lässt wegen der Angelegenheit ihr Amt derzeit ruhen. Sogar das Europaparlament will ein Untersuchungsteam in die Slowakei entsenden.

Seit das Verbrechen entdeckt wurde, gibt es den Verdacht, dass es mit Kuciaks Recherchen zusammenhängt. Er arbeitete als investigativer Journalist für das Newsportal aktuality.sk, sein Spezialgebiet war die Aufdeckung von Korruption und Steuerbetrug. Dass seine Ermordung Enthüllungen verhindern sollte, liegt nahe. Zuletzt war er Hinweisen nachgegangen, die auf Verbindungen zwischen Politikern der sozialdemokratischen Regierungspartei Smer-SD, Regierungsmitarbeitern und der Mafia hindeuten.

Ján Kuciak wurde nur 27 Jahre alt. Sein letzter Artikel blieb unvollendet, seine Doktorarbeit in Journalismus konnte er nicht mehr abschließen. Am 25. Februar wurde der Enthüllungsjournalist zusammenfalls mit seiner ebenfalls ermordeten Partnerin in einem Haus in Veľká Mača, einem kleinen Ort im Westen der Slowakei, erschossen aufgefunden.

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Ján Kuciak und seine Verlobte wurden erschossen. Seine letzte Reportage sollte ein kompliziertes Mafia-Netzwerk offenlegen. Die Häuser der Personen, über die er recherchierte, wurden nun von der Polizei durchsucht.

Die Mutter der 25-jährigen Verlobten Martina K. hatte der Polizei gemeldet, dass sie mehrere Tage lang keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter herstellen konnte. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Paares fanden die Polizeibeamten dann das Paar tot vor. Beide wurden mit derselben Waffe erschossen. Eine Kugel traf ihn in die Brust, eine zweite ihren Kopf.

In seiner Redaktion war "Janka", wie er dort genannt wurde, besonders durch zwei Dinge aufgefallen: das freundliche Lächeln für jeden, jederzeit - und seine Fähigkeit, sich schnell in die kompliziertesten Recherchen zu vertiefen.

"Was auch immer wir überprüfen wollten", berichtet etwa sein Kollege Rudolf Sivý, "Verträge, Verbindungen, Eigentümer - es war innerhalb weniger Stunden erledigt." Kuciak erledigte das nicht nur für sich, sondern er war auch dort immer wieder erfolgreich, wo andere aus der Redaktion etwa bei der Suche nach Daten im Internet gescheitert waren. Als selbstlos, still, bescheiden, präzise, zuverlässig und eher in sich gekehrt beschreiben ihn seine Kollegen. Entspannung fand der Manchester-United-Fan beim Hören klassischer Musik.

2012 hatte Kuciak seinen Bachelor in Journalismus an der Philosophischen Fakultät der UKF gemacht, wo Martina K. Archäologie studierte. Er arbeitete für die Tageszeitung Hospodárske Noviny (Wirtschaftszeitung) in Prag, seit 2015 dann als investigativer Journalist für das Newsportal aktuality.sk. "Nicht um berühmt oder reich zu werden", wie dessen Chefredakteur Peter Bárdy schreibt. Sondern "weil wir geglaubt haben, dem Ort auf der Landkarte, wo wir leben, helfen zu können". Weil sie geglaubt haben, dass sich die Gesellschaft zum Besseren verändern würde, wenn man über Betrüger, Diebe, Korruption schreibt.

Um dieses Ziel zu erreichen, beteiligte sich Kuciak am Organized Crime and Corruption Reporting Projekt (OCCRP), einem Netzwerk investigativer Journalisten mit dem Fokus auf Osteuropa und Russland, mit dem auch die Süddeutsche Zeitung etwa bei der Veröffentlichung der Panama-Papers kooperiert hat. Auch an der Arbeit des Czech Center for Investigative Journalism (CCIJ) und des Investigative Reporting Project Italy (IRPI) beteiligte sich Kuciak.

Darüber hinaus lehrte er Journalismus an der UKF. Wann immer es ihm die Arbeit erlaubte, restaurierte Kuciak außerdem das alte Haus, das er zusammen mit seiner Partnerin gekauft hatte, und präsentierte seinen Kollegen die Fortschritte: "Er zeigte mir sogar stolz, wo das Kinderzimmer sein würde", erzählt Veronika Šmiralová auf den Seiten von aktuality.sk.

Seit einiger Zeit hatte Kuciak sich mit den Verbindungen des slowakischen Geschäftsmanns Marián Kočner aus Bratislava mit den regierenden Sozialdemokraten beschäftigt. Dem Journalisten war es verdächtig vorgekommen, dass Kočner den Zuschlag für den Bau eines Luxuswohnviertels erhalten hatte, auch war er offenbar in den Genuss deutlicher Steuererleichterungen gekommen.

Den Unternehmer hatte Kuciaks Arbeit so geärgert, dass er ihm gedroht hatte, ihn und seine Familie fertig zu machen. Er würde nun belastendes Material gegen Kuciak sammeln, so wie dieser es mit ihm täte. Da diese Ankündigung nicht illegal war, unternahm die von Kuciak informierte Polizei nichts. Der Geschäftsmann hat den Mord an dem Journalisten und seiner Partnerin verurteilt.

Der letzte, nicht beendete Text Kuciaks, der inzwischen veröffentlicht wurde, hat nichts mit diesem Geschäftsmann zu tun, er weist in eine andere Richtung: Kuciak hat in den vergangenen Wochen über die Umtriebe der italienischen Mafia in der Slowakei und ihre möglichen Verbindungen bis in das Umfeld der Regierung recherchiert. Es spricht einiges dafür, dass Ján Kuciak und Martina K. von einem Mafia-Killer getötet wurden. "Leider", so schreibt sein Kollege Miro Grman, "können im wirklichen Leben Dinge passieren, die selbst die unglaublichsten Vorstellungen übertreffen".