Joachim Gauck und seine Vorgänger Herausforderer des Zeitgeists

Theodor Heuss stellte nach dem Nationalsozialismus das Image Deutschlands wieder her. Gustav Heinemann stand für den Wind des Wandels. Für Weizsäcker war es die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, für Gauck wird es wohl: die Freiheit. Mit fast jedem Bundespräsidenten ist ein großes Thema verbunden. Bedeutung erlangte, wer nicht mit dem Zeitgeist sprach, sondern gegen ihn.

Von Joachim Käppner

Er hat nach der Wahl nur kurz gesprochen. Aber die Kernelemente seiner politischen Botschaft waren alle enthalten: Freiheit gebe es nicht nur "von etwas", sondern auch "für etwas"; die "Ohnmacht der Untertanen", zu denen er selbst in der DDR zählte, sei unvergessen; Freiheit bedeute für die Bürger auch Verantwortung. Der neue Präsident Joachim Gauck hat sein großes Thema gesetzt.

Die Bundespräsidenten

Joachim Gauck und seine Vorgänger

Das Amt des Bundespräsidenten ist bekanntlich ohne nennenswerte politische Macht, aber von moralischem Gewicht. Anders aber als die Macht, die anderen Ämtern - dem Kanzler, den Ministern - per se innewohnt, muss das moralische Ansehen vom jeweiligen Präsidenten erst errungen werden. Manchen wie Theodor Heuss und Richard von Weizsäcker ist dies gelungen: Sie hielten der Gesellschaft den Spiegel vor, sie forderten den Zeitgeist heraus, wenn der den Herausforderungen der Zeit gerade nicht genügte. Unbedeutendere Präsidenten aber waren selbst Kinder eines solchen Zeitgeistes.

Der alte Liberale Heuss, auch "Papa Heuss" genannt, führte, nach dem Rausch und dem Horror des Nationalsozialismus, die irregeleitete Herde gütig, aber bestimmt auf den rechten Pfad zurück. Die britische Zeitung The Times erwies ihm posthum höchste Ehren: "Er tat als formelles Staatsoberhaupt, was er konnte, um das Image des Landes als eines der Dichter, Philosophen und Musiker wiederherzustellen."

Sein Nachfolger Heinrich Lübke (CDU) erwies sich als dramatische Fehlbesetzung. Er mochte nicht der Nazitäter gewesen sein, zu dem ihn eine gnadenlose Kritik machen wollte. Nolens volens aber schien er das "Wir sind wieder wer"-Gefühl der Wirtschaftswunderjahre zu verkörpern und deren Bereitschaft, die Gräuel des Naziregimes zu vergessen. Für den Wandel der sechziger Jahre fehlte ihm Verständnis; sein Engagement für die jungen Staaten der Dritten Welt war ehrenvoll, verpuffte aber angesichts der innenpolitischen Konflikte.

Der brillante Intellektuelle Gustav Heinemann

Der nächste Präsident dagegen, der brillante Intellektuelle Gustav Heinemann (SPD), stand für den Wind des Wandels in der jungen Ära Willy Brandts, der mehr Demokratie wagen wollte. Heinemann demaskierte offen autoritäre Traditionen und Denkmuster in Deutschland, die verlogene Traditionspflege der Bundeswehr etwa, in der manche alten Generäle an der Legende von der sauberen Wehrmacht strickten, oder das Desinteresse an deutschen Freiheitshelden, Männern und Frauen, denen man in New York oder Paris Denkmäler gewidmet hätte.

Der Nächste, der bewährte Ostpolitiker Walter Scheel von der FDP, verkörperte vor allem, dass die sozialliberale Koalition nach Schwung und Drama des Aufbruchs in der Mitte der Gesellschaft angekommen war. Seine Freude am Volkslied machte ihn populär, doch ist es das auch, was von seinem Wirken vor allem in Erinnerung bleibt. Wo Scheel die Schönheit deutscher Landschaften besang, da durchwanderte sie Karl Carstens, CDU. Als einer der unbedeutendsten Präsidenten stand er für den konservativen Zeitgeist der Ära Kohl; und was dieser an historischem Ballast mit sich führte, trug das ehemalige SA- und NSDAP-Mitglied Carstens besonders.

Erst mit Richard von Weizsäcker 1984 gewann das Amt an Bedeutung zurück. Ausgerechnet ein adeliger früherer Frontoffizier und Sohn eines NS-Diplomaten sagte der Nation 1985 dasselbe wie vor ihm der Antifaschist Willy Brandt: Nein, nicht erst Russen und Kommunisten hatten all das Unheil über Deutschland gebracht, sondern die Deutschen selbst; das Unheil - Zerstörung, Vertreibung, Teilung - war die Folge deutscher Untaten, und das Land müsse lernen, diese historische Schuld zu tragen.

Weizsäcker wurde auch durch andere moralische Positionen zu einer Art demokratischem Ersatzmonarchen, etwa durch seine Kritik an den Auswüchsen der Parteienmacht. Aber eine Sternstunde des Bundespräsidentenamts blieb jene Rede vor dem Bundestag zum 40. Jahrestags des Kriegsendes 1945, das auch eine Befreiung gewesen sei.

Der kluge Verfassungsrechtler Roman Herzog von der CDU erreichte diese Popularität nicht, doch hatte auch er eine starke Botschaft; freilich hörte man sie damals gar nicht gern: Wiedervereinigung, Globalisierung - all das bedeute, dass die Deutschen nicht so bequem bleiben dürften, dass sie den Wind des Wandels nutzen müssten, statt vor ihm die Fenster zu schließen.

Johannes Rau (SPD) stand dann, weniger fordernd, für innere Versöhnung und menschliches Maß, er forderte, die Grenzen des Fortschritts zu erkennen, statt ihn wie ein goldenes Kalb zu umtanzen.

Diesen zwei relativ starken Präsidenten folgten die beiden christdemokratischen Unglücksraben, die an sich selbst scheiterten und dafür sorgten, dass ihre Botschaften viel zu früh verhallten. Dabei wäre es von Gewinn gewesen, hätte man mehr davon gehört: Horst Köhler wollte für globale Gerechtigkeit stehen, Christian Wulff für innere Integration, als er sagte, der Islam gehöre zu Deutschlands.

All diese Botschaften fließen in Joachim Gaucks Freiheitskonzept ein. Freilich: Zur Freiheit bekennt sich fast jeder, und doch versteht nicht jeder dasselbe darunter. Das wirtschaftsliberale Lager betrachtet Freiheit als freies Spiel der Kräfte, aus dem sich der Staat herauszuhalten habe - eine Weltanschauung, die in der harten Realität der Finanzkrise erheblich an Strahlkraft einbüßte. Gewerkschaften, Sozialdemokraten, die Linken sowieso erhoffen sich Freiheit durch den Staat, der die Macht des Kapitals zu begrenzen habe; Bürgerrechtler und Linksliberale wollen die Freiheit vor dem Staat verteidigen, der zu viel Macht und Kontrolle an sich ziehe.

Aus jeder dieser Richtungen kam bereits Kritik, Gaucks Freiheitsbegriff sei "zu eng". Das kann sogar ein gutes Zeichen sein, für einen unabhängigen Amtsinhaber jenseits der Lager und Parteiungen - wenn er es denn versteht, seine Botschaft mit jener moralischen Kraft zu verkünden, die einen bedeutenden Präsidenten ausmacht.