Jemen Ein Sicherheitsapparat voller Dschihadisten

Von Extremisten unterwandert? Jemenitische Soldaten bewachen einen Armeestützpunkt in der nördlichen Provinz Amran.

(Foto: dpa)

Die jemenitische Regierung führt zusammen mit den Amerikanern eine Offensive gegen Al-Qaida-Terroristen. Doch der US-Drohnenkrieg beschert den Radikalen stetig neuen Zulauf. Die Dschihadisten haben Staat und Gesellschaft längst unterwandert.

Von Sonja Zekri, Kairo

Es begann mit einem Haarschnitt und endete mit einer Schießerei, zwei toten Jemeniten und vielen Fragen. Der Friseursalon lag im Süden der jemenitischen Hauptstadt Sanaa, in einem guten Viertel mit feinen Restaurants, Boutiquen, Supermärkten. Die beiden Kunden waren Amerikaner, ein CIA-Offizier und ein Oberstleutnant. Einer ließ sich bedienen, der andere wartete. Die Amerikaner waren allein, ohne Schutz. Es war schließlich nur ein Friseurbesuch.

Plötzlich donnerte ein Geländewagen heran, Bewaffnete stürzten heraus, brüllten "Polizei!" Das Ganze war offenbar ein Entführungsversuch, wie so viele andere in diesen Tagen im unruhigen Jemen. Was folgte, klingt wie aus einem Action-Film: Die Amerikaner erschossen die Angreifer, hechteten in den Wagen und rasten davon. Später brachte man sie außer Landes, nach einer Befragung und mit Billigung der
 jemenitischen Behörden. So berichten es britische Medien.

Die Behörden erklärten, die Angreifer seien Mitglieder der dortigen Al-Qaida-Filiale gewesen, dem aktivsten Ableger des Terrornetzwerks, bekannt als "al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel". Anders als die Terroristen in Syrien oder Irak, wo Tausende Ausländer kämpfen, sind hier die Al-Qaida-Angehörigen meist heimische Extremisten. Und der US-Drohnenkrieg mit seinen zivilen Opfern ist ein Grund für den ständigen Zustrom neuer Sympathisanten.

Angeblich 500 tote Al-Qaida-Mitglieder seit April

Mehr als hundert Mal sollen US-Drohnen seit 2002 im Jemen zugeschlagen haben. Im April haben nun US-Truppen gemeinsam mit jemenitischen Spezialeinheiten eine neue Offensive gestartet, jagen die Terroristen. 500 Al-Qaida-Mitglieder seien seit Beginn der Operation getötet worden, teilte die jemenitische Armee jüngst mit, vor allem in den Provinzen Schabwa und Abjan im Süden des Landes. Eine Offensive gegen Terroristen in den Bergen oder in der Wüste, wohin diese geflüchtet seien, stehe bevor.

Das klingt eindrucksvoll, aber de facto ist die Zahl der Großverbrecher und Masterminds manchmal geringer als behauptet: Kaum ein Anführer der Terroristen, dessen Ableben nicht mehr als einmal gemeldet wurde. Die Militanten reagieren umgehend auf den militärischen Druck: Bei einen Angriff auf einen Kontrollposten in Schabwa starben vor wenigen Tagen 14 Menschen. Nach einem Anschlag auf zentrale Stromleitungen zwischen Sanaa und der Stadt Marib gingen in weiten Teilen des Landes die Lichter aus. Vor den Tankstellen in Sanaa drängten sich frustrierte Autofahrer, weil Tankwagen nach Angriffen fernblieben.

Überhaupt scheinen sich die Extremisten in der Hauptstadt inzwischen beunruhigend frei zu bewegen. Zu den Vorstößen der vergangenen Wochen gehört ein Angriff auf französische Sicherheitsmänner der EU-Mission mit einem Toten und einem Verletzten, der Versuch, einen deutschen Diplomaten in Sanaa zu entführen, der Mord an einem Wachmann der deutschen Botschaft und sogar ein Anschlag auf einen Kontrollposten vor dem Palast von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi.

Entführungen haben im Jemen Tradition

Hunderte Ausländer sind in den vergangenen Jahren entführt worden, auch in Sanaa. Die Freilassung des Deutschen Rüdiger Schmidt, der vor mehr als vier Monaten in der östlichen Provinz Marib verschleppt worden war, erreichte die Regierung durch den Austausch mit zwei Gefangenen. Offenbar hatten die Entführer Angehörige freipressen wollen, hatten aber damit gedroht, den Deutschen an al-Qaida zu verkaufen.

Entführungen haben im Jemen Tradition. Stämme oder Clans haben seit jeher versucht, ihre Forderungen gegenüber dem Staat durch Kidnapping durchzusetzen. Seit al-Qaida ins Entführungsgeschäft eingestiegen ist, hat sich das Risiko für die Geiseln aber dramatisch erhöht. Die Terroristen finanzieren mit dem Geld aus den Entführungen ihren Kampf gegen die eigene Regierung und den Westen.

Sehr geschickt nutzen sie nach Berichten der New York Times offenbar auch soziale Medien. So verbreiten sie auf eigenen Nachrichtenkanälen pseudo-journalistische Umfragen über die Segnungen der Gottesherrschaft oder über Ängste der Bevölkerung vor Angriffen der "terroristischen" jemenitischen Regierung, die mit Panzern und Flugzeugen angeblich ganze Landstriche zerstören wolle. Offenbar hat al-Qaida ein neues Fernsehstudio eröffnet, in dem wöchentlich ein halbes Dutzend neue Propaganda-Streifen produziert werden.

Extremisten infiltrieren Armee und Polizei

Angesichts des unbeschwerten Manövrierens in Sanaa drängt sich ohnehin der Eindruck auf, dass al-Qaida nicht nur in der Bevölkerung gut vernetzt ist, sondern auch in den jemenitischen Sicherheitsdiensten. Während kein ausländischer Journalist im Jemen mehr dauerhaft akkreditiert ist, hat der jemenitische Reporter Shuaib al-Mosawa für die sonst manchmal klamaukige Internetseite Buzzfeed Hinweise auf eine geradezu atemberaubende Infiltrierung von Armee und Polizei gefunden. Tausende ehemaliger oder aktueller Militanter seien in Jemens Truppen aufgenommen worden, berichtet al-Mosawa.

Mehr noch: Präsident Hadi soll einige Regierungszuständigkeiten an Islamisten übertragen haben, die offen mit den Terroristen sympathisieren. Zudem beschäftige er Angehörige des alten Regimes, die Loyalität für Amerikas Kampf gegen den Terror schwören, insgeheim aber gute Verbindungen zu den Radikalen unterhalten. Ein Doppelspiel, in dem Amerika mit millionenschweren Hilfen für Ausrüstung und Ausbildung im jemenitischen Anti-Terror-Kampf draufzahlt.

Ein besonders drastischer Fall spielte sich jüngst in Mukalla im Osten des Landes ab. Dort schaffte es Jamal al-Nahdi, einen Posten als Sicherheitsoffizier zu ergattern. Nahdi hat nur eine Hand, seine Linke ist eine Prothese. Im Dezember 1992 zündete er im Auftrag Osama bin Ladens Bomben vor zwei Hotels, in denen sie amerikanische Soldaten vermuteten. Ein Sprengkörper explodierte allerdings zu früh und riss seine Hand ab. Es war der erste Al-Qaida-Anschlag auf ein amerikanisches Ziel.

Nahdi hatte in Afghanistan gekämpft, war dort spät zu Bin Laden gestoßen; nach der Stationierung amerikanischer Truppen im jemenitischen Aden für die Operation in Somalia hatte er den Hass des Saudi bin Laden auf Amerika geteilt. Nun arbeitet Nahdi als Assistent des Sicherheitschefs in der Provinz. Ob er seinen Hass auf den Westen und die eigene Regierung abgelegt hat, ist nicht bekannt. Sicher ist nur: Er ist nicht der einzige Ex-Dschihadist in Regierungsdiensten.