Nato-Partner in Ostasien:"Japan muss seine Entschlossenheit zeigen"

Nato-Partner in Ostasien: Japans Premier Fumio Kishida im Videogespräch mit den Regierungschefs der G-7-Staaten.

Japans Premier Fumio Kishida im Videogespräch mit den Regierungschefs der G-7-Staaten.

(Foto: HANDOUT/AFP)

In der Ukraine-Krise erweist sich Japan als verlässliche Größe an der Seite des Westens. Nachbar Südkorea ist deutlich zögerlicher - unterstützt die Sanktionen gegen Russland aber dann doch.

Von Thomas Hahn, Seoul

Japans Premierminister Fumio Kishida hatte den russischen Präsidenten Wladimir Putin vergangene Woche noch am Telefon. Das Gespräch dauerte immerhin 25 Minuten, aber die Atmosphäre dabei muss eher frostig gewesen sein. Wenn man der Pressemitteilung des japanischen Außenministeriums glauben darf, war Kishida ganz gegen seine Art ziemlich streitlustig: Er habe Putin gesagt, der Ukraine-Konflikt sollte durch Gespräche, "statt durch eine gewaltsame, einseitige Änderung des Status quo" gelöst werden. "Auf Präsident Putins Erklärung der russischen Position hin betonte Premierminister Kishida noch einmal, dass das Problem durch diplomatische Bemühungen gelöst werden muss."

Und jetzt, da Russland die Ukraine tatsächlich angegriffen hat, hält sich Kishida erst recht nicht mit Höflichkeiten auf. Am Freitag erklärte er, Japan werde weitere Sanktionen gegen Russland erlassen, und bekannte sich klar zur Position der G7.

Japan ist Asiens Vertreter in der Gruppe der sieben wichtigsten westlich orientierten Industrienationen, der größte US-Verbündete im Fernen Osten und ein Partner der Nato. Es ist deshalb nicht unerheblich, wie sich Japan in der Ukraine-Krise positioniert. Und zwar nicht nur, weil es die Kernstrategie der westlichen Partner ist, Russland zu isolieren; sondern auch, weil man Zeichen setzen möchte für mögliche ähnliche Konflikte in Japans Nachbarschaft. Zum Beispiel für den Fall, dass China mit dem Gedanken spielen sollte, eines Tages auf der demokratisch regierten Insel Taiwan einzumarschieren, die China zu seinem Herrschaftsgebiet zählt. Staatschef Xi Jinping soll deutlich sehen, auf welcher Seite Japan steht.

Premierminister Kishida ließ daran schon vor dem russischen Angriff keinen Zweifel. Zwei Tage vor dem Telefonat mit Putin bot er Wolodimir Selenskij, dem Präsidenten der Ukraine, mit Blick auf den russischen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze 100 Millionen Dollar als Notfall-Darlehen an. Und die neuen Sanktionen am Freitag folgten der Ankündigung der G-7-Staaten, "strenge und koordinierte" Maßnahmen zu ergreifen: Exportkontrollen für Halbleiter und andere Produkte. Einfrieren von Vermögenswerten russischer Finanzinstitute. Und für bestimmte russische Bürger und Einrichtungen gibt es vorerst kein Visum mehr. Die Sanktionen seien ein Symbol für die "Stärke der Einigkeit". Außerdem sagte Kishida: "Japan muss seine Entschlossenheit zeigen, keine Änderung des Status quo durch Gewalt zu erlauben."

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Japan streitet mit Russland um einige Inseln

Die harte Haltung gegen Russland dürfte Kishida nicht nur wegen des Verhaltens von Putin leichtgefallen sein. Japan ist mit Russland schon lange zerstritten. Japan fordert eine Gruppe von Inseln nördlich von Hokkaido zurück, die Russland im Zweiten Weltkrieg besetzte. Japan nennt sie die "nördlichen Territorien", Russland die "südlichen Kurilen". 1956 stimmte Russland zu, einen Teil der Inseln im Rahmen eines Friedensvertrages zurückzugeben. Aber Russland gibt die Inseln nicht zurück. Bei Kishidas Telefonat mit Putin willigte dieser laut japanischem Außenministerium ein, bei dem Thema im Gespräch zu bleiben. Dass Putin jemals Land an einen US-Partner zurückgeben könnte, wirkt gerade allerdings sehr unwahrscheinlich.

Jedenfalls ist Japan eine verlässliche Größe im Konflikt mit Russland. Der zweite wichtige ostasiatische US-und Nato-Partner machte da schon einen zögerlicheren Eindruck. Südkoreas Präsident Moon Jae-in sagte am Donnerstag schließlich doch, dass seine Regierung die Sanktionen gegen Russland mittrage: "Als verantwortliches Mitglied der internationalen Gemeinschaft steht Korea ein für und nimmt teil an Bemühungen inklusive wirtschaftlicher Sanktionen, die russische Invasion der Ukraine zu verhindern und die Situation auf friedliche Weise zu lösen." Aber das Bekenntnis kam spät.

Kurz zuvor hatte Südkoreas Außenministerium noch erklärt, es werde an Sanktionen teilhaben, wenn Russland einen "vollständigen" Krieg gegen die Ukraine beginne. Was das heiße, beantwortete Seoul zunächst nicht. Die Moon-Regierung schien sich um die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland zu sorgen.

Und im laufenden Präsidentschaftswahlkampf denken die aussichtsreichsten Kandidaten vor allem an Korea. Lee Jae-myung von der Demokratischen Partei sagte: "Das passiert auf der anderen Seite der Erde, aber unsere Aktienpreise fallen." Der Konservative Yoon Suk-yeol forderte, die Regierung müsse die Risiken der Ukraine-Krise klein halten: "Vor allem müssen wir mit den USA zusammenarbeiten, um uns auf einen möglichen Einmarsch Nordkoreas in Südkorea vorzubereiten." Es klang, als wäre Yoon die aktuelle Krise nicht schlimm genug.

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