Ein Bild und seine Geschichte Wie Jan Palach ein Land in Trauer stürzte

Der Trauerzug für Jan Palach am Altstädter Ring, einem zentralen Platz in Prag. Im Hintergrund ist das Denkmal für den 1415 als Ketzer verbrannten Reformator Jan Hus zu sehen.

(Foto: dpa)

Vor 50 Jahren verbrannte sich der Student in Prag. Der weltweit beachtete Akt gegen die kommunistische Repression leitete 1989 die friedliche Revolution in der Tschechoslowakei ein.

Von Oliver Das Gupta
Ein Bild und seine Geschichte

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Am Nachmittag des 16. Januar 1969, es ist etwa 16 Uhr, geht Jan Palach zum Prager Nationalmuseum. Dort, am oberen Ende des Wenzelsplatzes, legt der Philosophiestudent seine Aktentasche ab und kippt den mitgebrachten Eimer voller Benzin über sich.

Palach zündet sich an und läuft los.

Als ein Straßenbahnfahrer seinen Mantel über Palach wirft und so die Flammen erstickt, ist die Haut Palachs weitgehend verbrannt. "Ich bin kein Selbstmörder", sagt er im Krankenhaus.

Drei Tage lebt der 20-Jährige noch, seine Schmerzen müssen furchtbar sein. Bevor Palach stirbt, verhört ihn die tschechoslowakische Staatssicherheit. Denn längst ist klar: Seine Tat hat einen politischen Hintergrund. In seiner Aktentasche steckte ein Brief, in dem er sich als "Fackel Nr. 1" bezeichnet. Er wolle die Bevölkerung "auf folgende Weise wachrütteln", hat Palach geschrieben.

Jan Palachs Grab in Prag-Olšany.

(Foto: AFP)

Der damalige DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht schwadroniert darauf in einem Brief an Erich Honecker über "eine westdeutsche Agentenzentrale", die hinter der Aktion des Studenten stecke - eine absurde Verschwörungstheorie.

Denn Jan Palach handelt allein, seine Tat ist die Reaktion auf die Niederschlagung des "Prager Frühlings" fünf Monate zuvor. Im August 1968 marschierten die Soldaten der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei ein, um die Reformbewegung niederzuschlagen, die einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" propagiert hatte: mit Rede- und Reisefreiheit, mit ökonomischen Liberalisierungsversuchen und einer freien Presse.

Als die sowjetischen Soldaten mit ihren Panzern durch Prag rollten, war Palach gerade von einem längeren Aufenthalt aus der UdSSR zurückgekommen. Er soll auf die Soldaten eingeredet haben, erfolglos.

Dann, im November, nachdem das tschechoslowakische Parlament die Stationierung von Moskaus Truppen gesetzlich festgeschrieben hat, streikten die Prager Studenten, Jan Palach war dabei. Es ist der Versuch, die Tschechen und Slowaken aus der Lethargie zu reißen, die sich nach dem Einmarsch der "Bruderstaaten" über das Land gelegt hat. Doch der Protest, in dem die Aufhebung der Medienzensur verlangt wurde, verpuffte.

Danach scheint in Jan Palach den Entschluss gereift zu sein, sich selbst zu verbrennen - eine "erschreckende Form der Selbstaufopferung", wie die Süddeutsche Zeitung damals schreibt.

Pressefreiheit, so lautet auch die zentrale Forderung, die der Student formuliert, außerdem möchte er, dass eine prosowjetische Zeitung verboten wird. Doch Palachs Ansinnen verblasst vor der Anteilnahme, die die Bevölkerung in der ČSSR nach seinem Tod erfasst.

Wohl mehr als hunderttausend Menschen strömen in die Prager Innenstadt, um Abschied von Palach zu nehmen. Die Bilder vom Trauerzug gehen um die Welt: Der Sarg in einem dunklen Mercedes, der das Denkmal des auf dem Scheiterhaufen verbrannten Nationalhelden Jan Hus passiert, die Mutter Palachs, die gestützt werden muss, die Fahnenträger und die städtischen Honoratioren in vollem Ornat, die unzähligen Menschen jeden Alters, die mit bestürzten Mienen stumm die Straßen säumen. Die Glocken aller Prager Kirchen läuten zum Epilog des Prager Frühlings.

Palach warnte davor, seine Tat nachzuahmen

In der Folgezeit brachten sich noch mehr Menschen in der ČSSR auf ähnliche Weise um, obwohl Jan Palach eindringlich vor Nachahmern gewarnt hat. Niemand solle seine Tat wiederholen, sagte der Sterbende. "Die Studenten sollen lebendig zum Kampf beitragen."

Das kommunistische Regime scheiterte zwar mit dem Versuch, Palach als geistesgestört hinzustellen. Aber auf staatlicher Ebene änderte sich nichts zum Besseren, im Gegenteil: Das totalitäre und antiliberale Unterdrückungssystem funktionierte wie vor dem Prager Frühling.

Aber in vielen Köpfen hatte sich etwas geändert. "Mehrere Bürger fühlten sich inspiriert, sich in den folgenden Jahren für die Freiheit zu engagieren", sagt die Historikerin Pavla Plachá vom Prager Institut für das Studium totalitärer Regime. Genau 20 Jahre nach der Selbstverbrennung organisiert sich im Januar 1989 in Bratislava und Prag Protest während der "Palach-Woche".

Es ist der Beginn der "Samtenen Revolution", die die kommunistische Diktatur friedlich stürzt zugunsten einer freiheitlichen Demokratie nach westlichem Vorbild.

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