Ende des Prager Frühlings "Ich dachte: Das ist alles nur ein schlechter Traum"

Russische Panzer am 21. August 1968 auf dem Prager Wenzels-Platz

(Foto: dpa)

Als Studentin erlebt Lída Rakušanová den Einmarsch der Sowjets in der Tschechoslowakei. 50 Jahre später erinnert sie sich an die Dynamik des "Prager Frühlings" und die naive Kommunismus-Schwärmerei mancher westdeutscher 68er.

Interview von Oliver Das Gupta

Lída Rakušanová kam 1947 in Budweis (České Budějovice) zur Welt. Während des "Prager Frühlings" studierte sie in Prag. Im Oktober 1968 verließ Rakušanová mit ihrem späteren Ehemann Josef die Tschechoslowakei, später ließ sich das Paar in der Bundesrepublik nieder. Als Journalistin arbeitete sie viele Jahre bei "Radio Freies Europa". Das kommunistische Regime entzog ihr die Staatsbürgerschaft und drohte ihr mit Haft, sodass sie auch zur Beerdigung ihrer Mutter nicht einreisen konnte. Nach der Wende blieb Lída Rakušanová publizistisch tätig, unter anderem verfasste sie ein Buch über Václav und Dagmar Havel.

SZ: Heute vor 50 Jahren endete der "Prager Frühling" mit dem Einmarsch der kommunistischen Nachbarstaaten. Welche Erinnerungen haben Sie an den 21. August 1968?

Lída Rakušanová: Ich war damals in Budweis zu Besuch bei meinen Eltern. Meine Mutter hat mich geweckt, um fünf Uhr morgens war das. Sie weinte und sagte: 'Steh auf, steh auf, wir sind wieder besetzt!'

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Ihre Mutter spielte mit 'wieder' vermutlich auf den Einmarsch von Hitler-Deutschland 1939 an.

Deshalb habe ich sie auch schlaftrunken gefragt: Was wollen die Deutschen hier? Sie sagte dann: Die Russen sind da. Der erst später besetzte tschechoslowakische Rundfunk berichtete, was passiert war. Die Sowjets waren nach Mitternacht auf dem Prager Flughafen mit Transportmaschinen gelandet, dann rollten ihre Panzer. Nach Budweis kamen die Besatzer erst zwei Tage später, weil Südböhmen an Bayern und Österreich grenzt. In Regionen nahe der ungarischen oder polnischen Grenze marschierten damals die ungarische und die polnische Armee ein. Und dann kam noch ein weiterer Faktor hinzu: Die Tschechen sorgten für Verwirrung.

Wie haben sie das geschafft?

Sie haben viele Wegweiser umgestellt, so dass die russischen Soldaten umher geirrt sind. Zusätzlich war der Militärflughafen von Budweis nicht mehr anzufliegen, da die Landebahn mit allen möglichen Fahrzeugen blockiert war.

Wie erlebten Sie diese ungewissen Stunden und Tage?

Mit den anderen Bewohnern von Budweis sind wir auf den Straßen unterwegs gewesen, die Ohren immer am Transistorradio. Ich dachte damals: 'Das ist doch alles nur ein schlechter Traum.' Und ich habe gehofft, dass die Russen nicht bis nach Budweis kommen. Zwei Tage später waren die Panzer da. Zuerst habe ich sie gehört und dann gesehen. Es war schrecklich. So wurde die gesamte Tschechoslowakei besetzt und die kommunistischen Reformer um Alexander Dubček in Moskau wieder auf Linie gebracht. Nur František Kriegel unterschrieb nicht die Unterwerfungserklärung.

Der "Prager Frühling" hatte im Januar 1968 mit Dubčeks Berufung zum Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei (KPČ) begonnen. War schon zuvor eine Aufbruchstimmung zu spüren?

Ja, sogar schon einige Jahre vorher. Ich nenne ihnen zwei Beispiele: Meine schriftliche Abiturprüfung konnte ich über ein Buch des sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn ablegen, das einen Tag eines Gulag-Häftlings thematisierte. Und: Als ich 1965 in Prag mein Studium begonnen habe, musste ich wie alle Studenten zunächst ein Pflichtseminar über die Geschichte der Arbeiterbewegung belegen. Der zuständige Professor erzählte uns aber so gut wie nichts über die unterdrückten Arbeiter, dafür umso mehr über die Demokratieentwicklung in der Tschechoslowakei zwischen den beiden Weltkriegen und über den mysteriösen Tod von Jan Masaryk. Der Sohn des Staatsgründers Tomáš Garrigue Masaryk war in der ersten kommunistischen Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg Außenminister und beging 1948 angeblich Selbstmord.

Inzwischen geht man davon aus, dass die Kommunisten Masaryk ermordet haben. Gehen wir zurück ins Jahr 1968. Wie veränderte sich die Atmosphäre im "Prager Frühling"?

Was mich überraschte, war das Tempo, in dem sich die Dinge veränderten. Die offiziellen Stellen hinkten der Entwicklung nach. Ein "Club der engagierten Parteilosen" hatte im Nu eine Million Mitglieder. Daraus hätte sich eine Oppositionspartei entwickeln können. Im März wurde offiziell die Zensur aufgehoben, wobei schon vorher manchen Zeitungen frei schrieben. Ehemalige politische Häftlinge schlossen sich zusammen und wollten rehabilitiert werden. Das war für die kommunistische Führung ein Albtraum. Alles ging Schlag auf Schlag, es war wie eine Straßenbahn, die den Berg runter rast. Wir hofften einfach, dass wir ein freies, selbstbestimmtes Leben führen können ohne die Bevormundung der Partei. Die gesamte Gesellschaft strebte nach Pluralität.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich tagesaktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

War Ihnen damals klar, dass Moskau eingreifen würde?

Nein, nicht zwangsläufig. Allen war bewusst, dass man nicht den Machtanspruch der Kommunisten offen in Zweifel ziehen darf, um Moskau den Vorwand zu geben, einzugreifen. Der Begriff "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", das war ein Teil der Dekoration. Die kommunistische Führung wurde von der Dynamik des "Prager Frühlings" überrumpelt. Die Kommunisten konnten nichts mehr bremsen, denn sie waren sie schon selbst Teil geworden der allgemeinen Begeisterung geworden. Die Russen hatten damals schon Recht mit ihrer Einschätzung: Wenn es so weitergegangen wäre, hätte es das Ende des Kommunismus in der Tschechoslowakei bedeutet.

1968 gingen in West-Deutschland viele Studenten auf die Straßen. Gab es Parallelen zum "Prager Frühling"?

Was im Westen passierte, war in vielen Dingen ideologisch genau entgegengesetzt zu den Dingen, die wir wollten. Die einzige große Gemeinsamkeit war, dass in beiden Fällen verkrustete Strukturen aufgebrochen werden sollten. Aber im Westen ging die Tendenz nach ganz links. Wir wollten die Kommunisten loswerden!

Im Herbst 1968 sind Sie mit ihrem späteren Ehemann in die Bundesrepublik ausgereist. Wie wurden Sie empfangen?

In Frankfurt am Main habe ich schnell Freunde unter den Studenten gefunden. Manche haben mich gefragt, warum ich geflüchtet bin. Die haben tatsächlich geglaubt, dass der Kommunismus sich in Osteuropa schon zu Recht etabliert habe, aber eben nicht 'richtig gemacht' worden sei. Probleme hielten sie für eine fehlerhafte Entwicklung eines an sich fehlerlosen Systems. Sie wollten nicht verstehen, dass der Kommunismus eine Utopie ist, die sich nicht verwirklichen lässt.

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