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Zum Tod von Jacques Chirac:Er hielt Distanz zu Rechtspopulisten - und ordnete Atomtests an

Dafür erkennt er als erster Präsident Frankreichs Mitschuld an der Deportation von 76 000 Juden während des Zweiten Weltkrieges an und hält - im Gegensatz zu seinem Nachfolger Nicolas Sarkozy - stets Distanz zu rechtspopulistischen Themen. Weltweit kritisiert wird Chirac hingegen für die Atomtests, die er in den neunziger Jahren im Pazifik durchführen lässt.

Chirac zeigt mitunter wenig Gespür für Stimmungen in der französischen Bevölkerung. 1997 etwa löst er das Parlament auf, weil er sich von Neuwahlen eine größere Machtbasis erwartet - mit der Folge, dass er die folgenden fünf Jahre mit einer sozialistischen Mehrheit regieren muss. Auch die 2002 gewonnene absolute Mehrheit nutzt er nicht für dringend notwendige Reformen. Auf die tagelangen Unruhen in den Vororten französischer Vorstädte 2005 und die Studentenbewegung 2006 reagiert er spät und erst nach öffentlicher Kritik.

Außenpolitisch zeigt Chirac mehr Elan. Gemeinsam mit dem deutschen Kanzler Gerhard Schröder bietet er den USA während des Irakkrieges die Stirn, außerdem setzt er sich für internationale Maßnahmen gegen den Klimawandel ein. Bei Bundeskanzlerin Angela Merkel gibt Chirac den Galan: Er küsst ihr stets die Hand zur Begrüßung.

Die Eheleute Chirac siezten sich

Seine Bürger haben nach einem Jahrzehnt genug von ihm. Das Referendum, bei dem 54,7 Prozent der Franzosen 2005 gegen eine europäische Verfassung stimmen, ist vor allem ein Votum gegen den Proeuropäer Chirac. Zwei Jahre später scheidet er aus dem Amt, eine weitere Kandidatur verbietet ihm die Verfassung.

Seit 1956 ist er mit Bernadette Chirac verheiratet. Sie ist zunehmend verbittert über seine amourösen Abenteuer, hält aber trotzdem zu ihm. Erst als Lady Diana in der Nacht des 31. August 1997 in Paris tödlich verunglückt, lässt sie ihren Gatten auflaufen. Die Première dame gibt freimütig zu, dass sie keine Ahnung hat, wo er steckt. Mehrere Stunden lang ist der Präsident nicht aufzufinden.

Das Paar, das sich nach den Gepflogenheiten der französischen Bourgeoisie siezt, hat zwei Töchter. Laurence, die Ältere, leidet unter der Bekanntheit ihres Vaters und ist bis zu ihrem Tod 2016 schwer magersüchtig. Nach einem Suizidversuch lebte sie schwerbehindert in einem Heim. Für Chirac, der sich in seiner Amtszeit für die Rechte Behinderter einsetzt, ist ihr Schicksal das "Drama seines Lebens". Seine jüngere Tochter Claude arbeitet seit Ende der achtziger Jahre als seine Beraterin, die beiden gelten lange als eingeschworenes Team. 1979 nehmen die Chiracs außerdem die damals 21-jährige aus Vietnam geflohene Anh Đào Traxel bei sich auf.

Sarkozy nannte seinen Vorgänger "intelligent und boshaft"

Kurz vor seinem Karriereende revanchiert sich die inoffizielle Adoptivtochter mit einem äußerst wohlwollenden Buch über den Präsidenten. Zur gleichen Zeit macht ein Buch des langjährigen Figaro-Chefredakteurs Franz-Olivier Giesbert Furore, in dem er aus vertraulichen Gesprächen zitiert und Chirac als Egomanen und notorischen Lügner beschreibt.

Auch der mit einem César ausgezeichnete satirische Dokumentarfilm "In der Haut von Jacques Chirac" stellt zahlreiche Widersprüche des Präsidenten zur Schau und konzentriert sich auf dessen wenig schmeichelhafte Charakterzüge. Tatsächlich gilt Chirac als äußerst nachtragend. Dass sein langjähriger Zögling Nicolas Sarkozy Mitte der neunziger Jahre seinen parteiinternen Rivalen Édouard Ballardur unterstützt, wird Chirac ihm nie vergessen. Mit allen Mitteln - wenn auch ohne Erfolg - versucht er später Sarkozy als seinen Nachfolger zu verhindern.

Noch vor der Präsidentschaftswahl 2012 lässt er kundtun, er werde seine Stimme dem Sozialisten Hollande geben - und nicht Sarkozy. Dieser hatte schon Jahre zuvor lakonisch festgestellt: "Viele halten Jacques Chirac für sehr dumm und sehr liebenswürdig. In Wirklichkeit ist er sehr intelligent und sehr boshaft."

© SZ.de/odg/cat
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