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Zum Tod von Jacques Chirac:Machtbewusster Charmeur im Élysée-Palast

Jacques Chirac bei einer Rede 2007 im Élysée-Palast

Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac im Jahr 2007.

(Foto: AFP)

Kein französischer Präsident hat vergleichbare Wahlerfolge erreicht wie Jacques Chirac - und kein anderer wurde bisher zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Nun ist Chirac im Alter von 86 Jahren gestorben.

Wer mit mehr als vier Fünftel der Stimmen zum Präsidenten gewählt wird, macht sich in einer Demokratie gemeinhin verdächtig. Jacques Chirac gelingt dieses Kunststück jedoch auf legalem Wege: 82,1 Prozent der Franzosen stimmen am 5. Mai 2002 für ihn - und damit gegen den rechtsextremen Jean-Marie Le Pen. Mit einem Wahlerfolg, in dessen Nähe kein anderer Präsident der Fünften Republik kommt, geht Jacques Chirac in die französischen Geschichtsbücher ein.

Allerdings wird man sich an ihn auch wegen einer weniger ruhmreichen Premiere erinnern: Als erstes ehemaliges Staatsoberhaupt Frankreichs wird Chirac vor Gericht gestellt und im Dezember 2011 - unter anderem wegen Untreue - zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Als Pariser Bürgermeister soll er 28 Mitarbeiter, die Wahlkampf für ihn machten, zum Schein bei der Stadt beschäftigt haben.

Der damals 79-Jährige tritt nicht persönlich vor Gericht auf; schon seit einiger Zeit leidet er offenbar unter Gedächtnisproblemen, in der Öffentlichkeit ist er kaum noch zu sehen. Gerüchte machen die Runde, der ehemalige Staatschef leide an Demenz. Allerdings widerspricht er noch dem Urteil, kündigt jedoch an, keine Berufung einzulegen: Seine Kräfte reichten nicht mehr für weitere Verhandlungen aus.

Nun ist Chirac im Alter von 86 Jahren gestorben - ein Mann, der die Fünfte Republik wie wenige andere geprägt hat. Präsident Emmanuel Macron hat Staatstrauer zu seinen Ehren angeordnet.

Zwölf Jahre lang steht Jacques Chirac an Frankreichs Spitze, zuvor ist er zweimal Premierminister, hat mehrere Ministerämter inne und ist 18 Jahre lang Bürgermeister von Paris. Die Franzosen erinnern sich mit gemischten Gefühlen an den Mann, der als jovial und machtbewusst, leutselig und extrem misstrauisch, charmant und rücksichtslos galt.

Jacques Chirac

Adieu, Monsieur

Auf der anderen Seite steht er für viele inzwischen für eine "gute alte" Zeit, in der Politikern wie ihm oder François Mitterrand nachgesagt wurde, sie würden die Franzosen und die französischen Traditionen noch wirklich verstehen. Für seine Nachfolger Nicolas Sarkozy und François Hollande galt das schon nicht mehr, genauso wenig wie heute für Emmanuel Macron.

Jovial und misstrauisch

Jacques Chirac wird am 29. November 1932 in Paris als Sohn eines Unternehmensverwalters geboren. Schnell macht er Karriere: Nach dem Besuch der politischen Elitehochschule ENA wird er Büroleiter von Präsident Georges Pompidou, später Staatssekretär. 1971 übernimmt er das Amt des Ministers für Parlamentsbeziehungen, später das des Landwirtschaftsministers, 1974 wird er für kurze Zeit erst Innenminister und dann Premierminister (1974-76 und noch einmal 1986-88). Schließlich zieht ins Pariser Hôtel de Ville: Zwischen 1977 und 1995 fungiert Chirac als Oberbürgermeister der französischen Hauptstadt.

Lange sieht es so aus, als würde seine Karriere hier enden. Zweimal tritt Chirac bei den Präsidentschaftswahlen erfolglos gegen den Sozialisten François Mitterrand an. Beim dritten Mal wird er 1995 schließlich zum Präsidenten gewählt. Doch kaum ist er im Amt, lässt die Hartnäckigkeit des begnadeten Wahlkämpfers nach. Beobachter lästern, ihm sei die Eroberung der Macht wichtiger als ihre Ausübung. Tatsächlich hinterlässt Chirac kein innenpolitisches Projekt und keine substantielle Reform, die man mit seinem Namen verbinden würde - und übrigens auch kein großes Bauwerk wie seine Vorgänger Pompidou und Mitterrand.