Matteo Salvini:Politprofi Salvini und sein unerfahrener Lehrling Di Maio

Sein zweiter Coup lag darin, dass er die große Schwäche der Cinque Stelle, ihre politische Unerfahrenheit, diese zuweilen drollige Amateurhaftigkeit, als Rampe erkannte - für sich selbst und seine Lega. Zur Erinnerung: Auch der sozialdemokratische Partito Democratico stand nach den Wahlen einmal in Koalitionsverhandlungen mit den Sternen, ließ dann aber davon ab: Man wollte nicht Juniorpartner sein. Salvini dachte eine Ecke weiter, über die Zahlen hinweg, und behandelte den eigentlichen Seniorpartner von Anfang an so, als wäre dieser der Junior.

Der Politprofi Salvini und sein unerfahrener Lehrling Di Maio: Die Asymmetrie der Macht ist so augenfällig, bei jedem Geschäft, jeden Tag, dass sie beinahe komisch wirkt. Bei der Lega, einer streng strukturierten Partei mit Personal für jeden Posten, amüsieren sie sich wohl köstlich. Eine Zeitung zog dafür unlängst einen hübschen Vergleich aus dem Fußball heran: Es sei ein bisschen so wie jeweils im Sommer, wenn erstklassige Teams der Serie A im Trainingslager in Südtirol gegen eine "Auswahl der Dolomiten" antreten.

Bei den vermeintlichen Dilettanten der Cinque Stelle gilt zudem die Regel, dass nach zwei Parlamentsmandaten Schluss ist, und so mag niemand aus der Führungsriege mit Salvini brechen: Gäbe es Wahlen, wären Di Maio und etliche seiner Minister politische Frühpensionäre. Diese Aussicht macht sie erpressbar. Die Lega hingegen schaut gelassen auf mögliche Neuwahlen, sie könnte sich auch wieder mit Forza Italia und den Fratelli d' Italia alliieren, sollte die Konstellation mit den Sternen zerbrechen.

Immigration funktioniert immer

Auch Salvinis dritte Intuition erweist sich als treffend: Immigration, sein Lieblingsthema, funktioniert immer. Wenn es mit anderen Themen nicht so gut läuft, wie kürzlich im Budgetstreit mit Brüssel, wechselt er rasch zum Bewährten: "Stop Invasione", "Geschlossene Häfen", "Zuerst die Italiener" - alles brav mit Hashtag in den sozialen Medien versehen.

Salvini diktiert die politische Agenda mit aufreizender Leichtigkeit, manchmal auch aus dem Urlaub. Vor einigen Tagen, als sich die Bürgermeister gegen sein neues Asylgesetz auflehnten, war er gerade in Bormio in einer Skihütte. Er hielt sich einfach das Handy vor den Kopf und startete einen langen Monolog, live übertragen auf Facebook. Hinter ihm stand seine Tochter, sie streckte ihren Kopf immer mal wieder ins Bild.

So regiert der Sheriff. Das geht auch deshalb so einfach, weil die Opposition, die linke wie die rechte, noch immer wie gelähmt ist von der Wahlniederlage. Die Sozialdemokraten suchen eine neue Führung und gleich auch eine neue Bestimmung, befehden sich aber unterdessen lieber untereinander, als sich Salvini entgegenzustellen. Bisher wenigstens: Für nächsten Samstag sind Großdemonstrationen gegen den Haushalt geplant - "auf allen Plätzen Italiens", wie es in der Ankündigung heißt. Forza Italia wiederum wartet darauf, dass Berlusconi endlich einen Nachfolger bestimmt, stürzt in der Zwischenzeit aber immer tiefer: Acht Prozent der Italiener sagen noch, sie würden die vormals größte Partei wählen. Salvini hat auch die bürgerliche Rechte aufgefressen.

Politisch ist er gerade ohne Konkurrenz: "L'uomo forte", der starke Mann. Er sagt oft: "Mit der Opposition, die wir haben, werde ich 30 Jahre regieren." Seinen Gegnern bleibt nur die Hoffnung, dass Salvini bald der Fluch der Selbstüberschätzung einholt, wie das anderen Schnellaufsteigern und Hochgelobten passiert ist, zuletzt dem Sozialdemokraten Matteo Renzi. Dass er es also übertreibt mit den Slogans, dem Ego, der Dauerpräsenz und dem Verkleiden. Dass er den Italienern irgendwann richtig auf die Nerven geht mit seiner Dauerpräsenz. Noch ist es nicht soweit.

© SZ vom 07.01.2019/dit
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