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Italien:Salvinis neue Rolle: das Opfer

Die Rolle des Opfers ist die beste, die Matteo Salvini noch geblieben ist.

(Foto: AFP)
  • Offenbar hat Lega-Chef Salvini die Folgen nicht bedacht, als er Italien in die Regierungskrise gestürzt hat.
  • Während der Abrechnung des zurückgetretenen Premiers Conte im Senat wirkte Salvini wie ein angeschlagener Boxer.
  • Selbst in den eigenen Reihen bei der Lega gibt es inzwischen Kritik am Parteivorsitzenden.
  • Salvini selbst schlüpft inzwischen in die Opferrolle.

Nun zweifeln sie selbst bei der Lega an der politischen Gerissenheit ihres Chefs, und das will etwas heißen. Bröckelt da schon etwas? Bis vor zwei Wochen war Matteo Salvini ein Überflieger, konkurrenzlos. Nichts konnte ihm etwas anhaben, seine Gunst wuchs trotz Skandalen. Immer hieß es, Salvini habe seit der Parteiübernahme vor bald sechs Jahren keinen einzigen groben taktischen Fehler begangen. Das zeigte sich auch an den Zahlen: Er erbte die Lega bei vier Prozent, bei den jüngsten Europawahlen stand sie plötzlich bei 34 Prozent.

Entsprechend erstaunt sind nun alle, wie erratisch Salvini durch die Regierungskrise mäanderte. Er hatte sie selbst ausgelöst mit einem Überraschungsmanöver mitten im Sommer, bedachte aber offenbar die möglichen Folgen nicht. Zuletzt hörte er niemandem mehr zu, auch seinen nächsten Vertrauten nicht. Die Nummer zwei der Lega, der rundum geschätzte Giancarlo Giorgetti, klagt jetzt offen über Salvinis verfehltes Timing. "In der Lega gibt es nun mal keine Dialektik, keine Demokratie, es entscheidet der Chef allein", sagte Giorgetti nach dem finalen, denkwürdigen Showdown Salvinis mit Premier Giuseppe Conte im Senat. Ziemlich resigniert.

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Giorgetti war es auch, der vor anderthalb Jahren, als die Lega an die Regierung kam, allen Ministern seiner Partei riet, ein Foto von Matteo Renzi, dem gefallenen Premier der Sozialdemokraten und der liebsten Nemesis, auf ihren Bürotisch zu stellen. Die Idee dahinter: Niemand sollte vergessen, wie rasch die Gunst kippen kann, gerade in der schnelllebigen italienischen Politik, wenn die Popularität in Selbstgefälligkeit umschlägt. Ob Salvini den Rat mit dem Foto befolgte, ist nicht überliefert.

Salvini wirkt wie benommen

Man hatte ihn auch vor Contes Abrechnung im Senat gewarnt. Die Seinen sahen die Schläge kommen. Doch Salvini saß da und kassierte sie zusehends ungläubig. Zunächst blies er genervt die Backen auf, manchmal lächelte er ironisch. Irgendwann aber, als Conte ihn in schneller Abfolge "verantwortungslos", "besorgniserregend", "unvorsichtig", "leichtsinnig" genannt hatte, wirkte Salvini wie benommen. Wie "ein angezählter Boxer", so kommentierte es ein Moderator im Fernsehsender La 7, der live übertrug. Dann zog Salvini einen Rosenkranz aus der Tasche und küsste das Kreuz. Es gibt tausend Fotos von diesen Schlussszenen, ein Drama in Sequenzen.

Salvini erhob sich von der Regierungsbank, wie es die Senatspräsidentin angeordnet hatte, stieg hinauf zu den Rängen, wo seine Parlamentarier sitzen, und hielt eine Rede ohne jede Struktur, ohne Anfang und Ende. Als wähnte er sich wieder auf der Bühne einer Piazza oder auf einer Etappe seiner "Strandtour durch Italien". Da reicht es, dass er improvisiert, das Publikum ist ihm ja gewogen. Er deklamierte also die alten Sprüche, die üblichen Verschwörungstheorien, mit denen er seit Jahren unterhält, und reihte die Namen linker Politiker aneinander, als wären es Schreckgespenster. Er sei "ein freier Mann", sagte er, "endlich". Doch dann, kurz vor 20 Uhr, als Contes Rücktritt bereits feststand, versuchte Salvini einen verzweifelten Winkelzug: Er zog den Misstrauensantrag gegen den Premier zurück, mit dem er das Parlament aus den Sommerferien geholt hatte, den ganzen Anlass für die Regierungskrise.

Salvini küsst einen Rosenkranz während der Standpauke von Conte.

(Foto: AFP)

Es war der letzte Versuch, die Verantwortung für das Ende der Regierung möglichst doch noch dem Premier zuzuschieben. Das ist darum besonders wichtig, weil die Italiener politische Treuebrecher noch nie leiden konnten. Doch Conte nutzte auch diese Kapriole für einen Konter. "Wenn dir der Mut fehlt, die Verantwortung zu tragen - kein Problem: Ich übernehme sie." Sagte es, stieg ins Auto und fuhr zum Staatspräsidenten.

Salvini erzählt nun, die Cinque Stelle und die Sozialdemokraten hätten eben schon lange miteinander geturtelt, um ihn zu stürzen. Alle gegen ihn. Der Bruch? Er gehe von den anderen aus, von den Fünf Sternen, die immer Nein gesagt hätten, die ihn bremsen wollten. Diese Version der Ereignisse ist natürlich nur schwer haltbar. In den Archiven und in seinen eigenen Profilen in den sozialen Netzwerken gibt es genug Dokumente und Zitate, die das genaue Gegenteil belegen: Die Cinque Stelle sagten immer zu allem Ja, und den Bruch brachte Salvini auf den Weg.

Doch so wichtig ist Wahrhaftigkeit in dieser Geschichte vielleicht gar nicht. Salvini schlüpft in die Opferrolle, es ist die beste, die ihm geblieben ist nach dem missglückten Coup, seinem ersten strategischen Fehler. Sollte es Sozialdemokraten und Fünf Sternen nicht gelingen, sich auf eine gemeinsame Regierung für die kommenden Jahre zu verständigen, was durchaus möglich ist, dann wählen die Italiener bald ein neues Parlament. Das wäre dann ganz nach Salvinis Gusto und eine unverhoffte Gelegenheit, sich schnell wieder zu erholen von den Schlägen.

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