Verbrecher-Kartell:"König von Rom" sitzt im Gefängnis

Ihr System war breit abgestützt. Es war ein Kartell aus mafiösen Firmen, von denen die meisten unter dem Deckmantel einer Kooperative agierten, sie erkaufte sich die Gunst von Funktionären und Politikern. Diese sorgten im Gegenzug dafür, dass Mafia Capitale fast alle lukrativen öffentlichen Aufträge erhielt. Dafür wiederum flossen Kommissionen in die Taschen der Günstlinge. Besonders aktiv war die Bande bei der Abfallentsorgung und der Reinigung von Parks, bei der Versorgung von Altenheimen und von Zentren für Minderjährige, bei der Bewirtschaftung von Lagern für die Roma an der Stadtperipherie und von Unterkünften für Flüchtlinge.

In einem der abgefangenen Gespräche hört man, wie ein Mitglied des Kartells sagt, das Business mit den Flüchtlingen bringe viel mehr ein als jenes mit Drogen - wegen der staatlichen Subventionen. Für Mafia Capitale konnten die Flüchtlingsströme aus Nordafrika also nie groß genug sein. Der Notstand mehrte ihre Einkünfte, nährte das System. Die Ermittler sprechen von "immensen Summen", die sich illegal abzweigen ließen. Bald verwaltete die Bande über Firmen Auffangzentren in mehreren Regionen Italiens. Auch das Lager im sizilianischen Mineo gehörte dazu, das größte Europas, eine ehemalige Residenz der amerikanischen Armee, in der mehr als 3000 Flüchtlinge untergebracht sind.

Bei seiner Festnahme besaß der Obermafioso angeblich nur einen Motorroller

Für viele Migranten ist die gut ausgestattete Wohnanlage von Mineo die erste Unterkunft nach geschaffter Überquerung des Mittelmeers, eine Art Hafen. Von hier reisen sie weiter oder werden auf andere italienische Lager verteilt. Fast jeder Euro, den der Staat in diesen Zentren für Asylsuchende ausgab, für deren Unterkunft und Essen und Taschengeld, schmierte also das Netzwerk der römischen Mafia.

Im Gefängnis sitzt auch der Boss der Bande, Massimo Carminati, 56 Jahre alt, ein früheres Mitglied der neofaschistischen Terrorgruppe Nuclei Armati Rivoluzionari. Im Zenit seiner trüben Macht nannte er sich selber einmal "Re di Roma", König von Rom. Die Fahnder suchen nach seinem versteckten Vermögen. Es soll beträchtlich sein und berühmte Kunstwerke umfassen.

In einem abgehörten Gespräch sagt Carminati zu seinem mutmaßlichen rechten Arm, dem Chef der Römer Kooperativen, Salvatore Buzzi: "Ich bin reich, das kann ich dir versichern, ich bin ein reicher Bandit. Doch wenn ich mein Geld zeigen würde, würden sie es mir wegnehmen." Er klagte darüber, dass er die hübsche Villa vor den Toren Roms, in der er wohnte, mieten musste, weil ihn ein Kauf verdächtig gemacht hätte.

Als die Polizei Carminati bei der ersten Verhaftungswelle vor einem halben Jahr festnahm, wies er nur einen einzigen Besitz aus: einen Motorroller. Alle anderen Spuren hatte er verwischt. Sein Komplize Buzzi nimmt ihn in Schutz, Carminati sei eine "aufrichtige Person", sagte er beim Verhör. Doch allzu viel Kredit wird seinem Urteil freilich nicht beigemessen. Die beiden hatten sich in den Achtzigern im Gefängnis kennengelernt, als sie schon einmal einsaßen, Buzzi wegen Totschlags, Carminati wegen Mitgliedschaft in der "Banda della Magliana", der alten Mafia Roms. Auch von Buzzi gibt es ein entlarvendes Zitat aus einem Telefonat mit einem Politiker: "Hey, du kennst doch die Metapher: Wenn du die Kuh melken willst, musst du ihr Essen geben. Und ihr habt die Kuh schon stark, sehr stark gemolken . . ."

© SZ vom 23.06.2015/fued
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