Süddeutsche Zeitung

Verbrecher-Kartell:Mafia Capitale hat Rom unterwandert

  • Vor einem halben Jahr hat in Rom eine große Verhaftungswelle begonnen, die ein unheiliges Verbrechersyndikat ans Tageslicht brachte.
  • Offenbar ist Italiens Hauptstadt in den vergangenen Jahren von faschistischen Ex-Terroristen, linken Unternehmern, Stadträten und Beamten unterwandert worden.
  • Mafia Capitale heißt das Syndikat, von dem ein großer Teil inzwischen im Gefängnis sitzt. Gegen mehr als hundert Personen wird ermittelt.

Von Oliver Meiler, Rom

Sogar die Sala Giulio Cesare fiel ihr in die Hände. Als der prächtige Gemeinderatssaal, dieses Theater der römischen Politik auf dem Kapitolshügel, vor einigen Jahren teuer restauriert werden musste, gewann den Wettbewerb für den Umbau eine Firma aus dem Dunstkreis von Mafia Capitale, wie Roms Mafia der Neuzeit genannt wird.

Wobei der Begriff Wettbewerb die Modalitäten des Verfahrens nur sehr ungenau wiedergibt: Auch diese Ausschreibung war manipuliert wie so viele andere. Das erfuhr die Öffentlichkeit unlängst, die Vergabe war abgekartet. Fünf Personen wurden verhaftet, die Indizien sind erdrückend. Wahrscheinlich floss im Justizfall rund um die Restauration der Sala Giulio Cesare mit ihrem antiken Mosaikboden im schönen und stolzen Palazzo Senatorio viel Schmiergeld. Ein größeres Symbol für die Unterwanderung kann man sich in Rom kaum vorstellen.

Auch gegen den langjährigen Bürgermeister Alemanno wird ermittelt

Die finstere Saga um Mafia Capitale, die vor einem halben Jahr mit einer ersten großen Verhaftungswelle begonnen hatte, erhält fast täglich neue Kapitel. Mit jeder neuen Erkenntnis der Ermittler und mit jeder neuen Enthüllung in der Presse dämmert es den Italienern mehr, dass ihre Hauptstadt in den vergangenen Jahren von einem unheilig zusammengesetzten, schamlos gierigen Syndikat aus faschistischen Ex-Terroristen, linken Unternehmern, bürgerlichen wie progressiven Stadträten und Beamten unterwandert wurde.

Die Stadt wirkt zerfressen und ausgesaugt. Zwischen 2008 und 2013, in den Jahren unter dem postfaschistischen Bürgermeister Gianni Alemanno, war Mafia Capitale so mächtig und ihr Korruptionsnetz so weit gezogen, dass mittlerweile gegen mehr als hundert Personen ermittelt wird, wegen Zugehörigkeit zu einer mafiösen Organisation, wegen Bestechung, Erpressung, Geldwäscherei. 80 Verdächtige wurden schon verhaftet.

Ein stattlicher Teil von ihnen sitzt im Gefängnis, dem Rest wurde Hausarrest gewährt. Es sind bekannte Namen der lokalen und nationalen Politik dabei, ein früherer Fraktionschef und ein ehemaliger Präsident des städtischen Parlaments zum Beispiel, selbst ein Staatssekretär der italienischen Regierung. Auch gegen den ehemaligen Bürgermeister Alemanno wird ermittelt, ebenfalls wegen mafiöser Umtriebe. Und doch hat es den Anschein, als stehe die Entwirrung der Verstrickungen erst ganz am Anfang, als komme bald noch viel mehr ans Licht.

Die Zeitungen publizieren seitenlang kompromittierende Gesprächsprotokolle aus abgehörten Telefonaten der Bande. Die Polizei transkribierte die Gespräche jeweils im Originalton, sie sind versetzt mit derbem, römischem Slang. Die Kumpane wähnten sich unberührbar zu sein.

"König von Rom" sitzt im Gefängnis

Ihr System war breit abgestützt. Es war ein Kartell aus mafiösen Firmen, von denen die meisten unter dem Deckmantel einer Kooperative agierten, sie erkaufte sich die Gunst von Funktionären und Politikern. Diese sorgten im Gegenzug dafür, dass Mafia Capitale fast alle lukrativen öffentlichen Aufträge erhielt. Dafür wiederum flossen Kommissionen in die Taschen der Günstlinge. Besonders aktiv war die Bande bei der Abfallentsorgung und der Reinigung von Parks, bei der Versorgung von Altenheimen und von Zentren für Minderjährige, bei der Bewirtschaftung von Lagern für die Roma an der Stadtperipherie und von Unterkünften für Flüchtlinge.

In einem der abgefangenen Gespräche hört man, wie ein Mitglied des Kartells sagt, das Business mit den Flüchtlingen bringe viel mehr ein als jenes mit Drogen - wegen der staatlichen Subventionen. Für Mafia Capitale konnten die Flüchtlingsströme aus Nordafrika also nie groß genug sein. Der Notstand mehrte ihre Einkünfte, nährte das System. Die Ermittler sprechen von "immensen Summen", die sich illegal abzweigen ließen. Bald verwaltete die Bande über Firmen Auffangzentren in mehreren Regionen Italiens. Auch das Lager im sizilianischen Mineo gehörte dazu, das größte Europas, eine ehemalige Residenz der amerikanischen Armee, in der mehr als 3000 Flüchtlinge untergebracht sind.

Bei seiner Festnahme besaß der Obermafioso angeblich nur einen Motorroller

Für viele Migranten ist die gut ausgestattete Wohnanlage von Mineo die erste Unterkunft nach geschaffter Überquerung des Mittelmeers, eine Art Hafen. Von hier reisen sie weiter oder werden auf andere italienische Lager verteilt. Fast jeder Euro, den der Staat in diesen Zentren für Asylsuchende ausgab, für deren Unterkunft und Essen und Taschengeld, schmierte also das Netzwerk der römischen Mafia.

Im Gefängnis sitzt auch der Boss der Bande, Massimo Carminati, 56 Jahre alt, ein früheres Mitglied der neofaschistischen Terrorgruppe Nuclei Armati Rivoluzionari. Im Zenit seiner trüben Macht nannte er sich selber einmal "Re di Roma", König von Rom. Die Fahnder suchen nach seinem versteckten Vermögen. Es soll beträchtlich sein und berühmte Kunstwerke umfassen.

In einem abgehörten Gespräch sagt Carminati zu seinem mutmaßlichen rechten Arm, dem Chef der Römer Kooperativen, Salvatore Buzzi: "Ich bin reich, das kann ich dir versichern, ich bin ein reicher Bandit. Doch wenn ich mein Geld zeigen würde, würden sie es mir wegnehmen." Er klagte darüber, dass er die hübsche Villa vor den Toren Roms, in der er wohnte, mieten musste, weil ihn ein Kauf verdächtig gemacht hätte.

Als die Polizei Carminati bei der ersten Verhaftungswelle vor einem halben Jahr festnahm, wies er nur einen einzigen Besitz aus: einen Motorroller. Alle anderen Spuren hatte er verwischt. Sein Komplize Buzzi nimmt ihn in Schutz, Carminati sei eine "aufrichtige Person", sagte er beim Verhör. Doch allzu viel Kredit wird seinem Urteil freilich nicht beigemessen. Die beiden hatten sich in den Achtzigern im Gefängnis kennengelernt, als sie schon einmal einsaßen, Buzzi wegen Totschlags, Carminati wegen Mitgliedschaft in der "Banda della Magliana", der alten Mafia Roms. Auch von Buzzi gibt es ein entlarvendes Zitat aus einem Telefonat mit einem Politiker: "Hey, du kennst doch die Metapher: Wenn du die Kuh melken willst, musst du ihr Essen geben. Und ihr habt die Kuh schon stark, sehr stark gemolken . . ."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2532231
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 23.06.2015/fued
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.