Verbrecher-Kartell Mafia Capitale hat Rom unterwandert

Auch Politiker sind in das Netz verstrickt, hier Luca Gramazio (links) von der Forza Italia bei seiner Verhaftung.

(Foto: Massimo Percossi/dpa)
  • Vor einem halben Jahr hat in Rom eine große Verhaftungswelle begonnen, die ein unheiliges Verbrechersyndikat ans Tageslicht brachte.
  • Offenbar ist Italiens Hauptstadt in den vergangenen Jahren von faschistischen Ex-Terroristen, linken Unternehmern, Stadträten und Beamten unterwandert worden.
  • Mafia Capitale heißt das Syndikat, von dem ein großer Teil inzwischen im Gefängnis sitzt. Gegen mehr als hundert Personen wird ermittelt.
Von Oliver Meiler, Rom

Sogar die Sala Giulio Cesare fiel ihr in die Hände. Als der prächtige Gemeinderatssaal, dieses Theater der römischen Politik auf dem Kapitolshügel, vor einigen Jahren teuer restauriert werden musste, gewann den Wettbewerb für den Umbau eine Firma aus dem Dunstkreis von Mafia Capitale, wie Roms Mafia der Neuzeit genannt wird.

Wobei der Begriff Wettbewerb die Modalitäten des Verfahrens nur sehr ungenau wiedergibt: Auch diese Ausschreibung war manipuliert wie so viele andere. Das erfuhr die Öffentlichkeit unlängst, die Vergabe war abgekartet. Fünf Personen wurden verhaftet, die Indizien sind erdrückend. Wahrscheinlich floss im Justizfall rund um die Restauration der Sala Giulio Cesare mit ihrem antiken Mosaikboden im schönen und stolzen Palazzo Senatorio viel Schmiergeld. Ein größeres Symbol für die Unterwanderung kann man sich in Rom kaum vorstellen.

Auch gegen den langjährigen Bürgermeister Alemanno wird ermittelt

Die finstere Saga um Mafia Capitale, die vor einem halben Jahr mit einer ersten großen Verhaftungswelle begonnen hatte, erhält fast täglich neue Kapitel. Mit jeder neuen Erkenntnis der Ermittler und mit jeder neuen Enthüllung in der Presse dämmert es den Italienern mehr, dass ihre Hauptstadt in den vergangenen Jahren von einem unheilig zusammengesetzten, schamlos gierigen Syndikat aus faschistischen Ex-Terroristen, linken Unternehmern, bürgerlichen wie progressiven Stadträten und Beamten unterwandert wurde.

Die Stadt wirkt zerfressen und ausgesaugt. Zwischen 2008 und 2013, in den Jahren unter dem postfaschistischen Bürgermeister Gianni Alemanno, war Mafia Capitale so mächtig und ihr Korruptionsnetz so weit gezogen, dass mittlerweile gegen mehr als hundert Personen ermittelt wird, wegen Zugehörigkeit zu einer mafiösen Organisation, wegen Bestechung, Erpressung, Geldwäscherei. 80 Verdächtige wurden schon verhaftet.

Ein stattlicher Teil von ihnen sitzt im Gefängnis, dem Rest wurde Hausarrest gewährt. Es sind bekannte Namen der lokalen und nationalen Politik dabei, ein früherer Fraktionschef und ein ehemaliger Präsident des städtischen Parlaments zum Beispiel, selbst ein Staatssekretär der italienischen Regierung. Auch gegen den ehemaligen Bürgermeister Alemanno wird ermittelt, ebenfalls wegen mafiöser Umtriebe. Und doch hat es den Anschein, als stehe die Entwirrung der Verstrickungen erst ganz am Anfang, als komme bald noch viel mehr ans Licht.

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