Ventimiglia:"Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge an, prallen ab, kehren zurück"

Vintimille, un petit Calais à la frontière franco-italienne

Im Campo Roja in Ventimiglia sind etwa 600 Flüchtlinge untergebracht - ausgelegt ist es auf etwa die Hälfte.

(Foto: Camille Millerand/Divergenc /StudioX)

Sie haben die Sahara und das Mittelmeer durchquert, nun sitzen Hunderte Flüchtlinge an der italienischen Riviera fest. Ihr Traum: Die Grenze nach Frankreich zu überqueren.

Von Oliver Meiler, Ventimiglia

Er wird es wieder versuchen. "Immer, immer wieder", sagt Johnboss und lacht. Gestern sind sie einfach losmarschiert, zu viert, alle aus dem Sudan. Sie sind den Hügel hochgestiegen, der sich hinter dem "Campo Roja" erhebt, einem Durchgangslager vom Roten Kreuz in einem ehemaligen Güterbahnhof am Rand von Ventimiglia im äußersten Nordwesten Italiens. Über verbranntes Gestrüpp, vorbei an Gärten hingewürfelter Villen und an Gewächshäusern. Steil rauf und dann links, dort ist Frankreich.

"Man kann sich ja nicht verlaufen", sagt Johnboss. Ob er einen konkreten Tipp erhalten habe für die Wanderroute, mag er nicht verraten. Oben an der Grenze warteten dann französische Gendarmen und schickten sie zurück, alle vier. "Go to Italy!", sagten sie. Ohne jede Bürokratie. "Irgendwann", sagt Johnboss, "werde ich es schaffen. Hey, ich habe die Sahara zu Fuß durchquert, die Sahara!"

Johnboss" ist nicht der eigentliche Name dieses dürren, 20-jährigen Bauern aus Darfur, der nun wieder im Lager sitzt, kauernd im Schatten, und auf die nächste Chance wartet. Er trägt ein Poloshirt, den Rucksack nimmt er nie ab. 15 Männer haben sich um ihn geschart, um sich seine Geschichte anzuhören.

Lange überlegt er sich das Pseudonym, das er sich geben will für die Zeitung und reibt sich dazu das glatt rasierte Kinn. "Sohn Darfurs" würde ihm gefallen. "Aber schreib' 'Johnboss'", sagt er dann, in einem Wort. Alle lachen: "Warum Johnboss?" - "Einfach so, klingt gut und furchtlos. Und richte den Franzosen aus, sie sollen die Grenze öffnen. Ich will zu meinem Cousin." Sieben von zehn im Camp wollten nach Frankreich, sagt er, der Rest über Calais nach England.

In Ventimiglia ist für viele Endstation in Europa

Für viele aber endet Europa in Ventimiglia. Der Transit ist gesperrt, es ist, als stecke ein Pfropfen zwischen den beiden Ländern. Links das Meer, rechts die schroffen Ausläufer der Alpen, dazwischen ein schmaler Streifen Küste. Und der Grenzübergang. Die Franzosen riegeln ihn ab, als habe es Schengen nie gegeben. Autos stauen sich zu jeder Uhrzeit. Drüben leuchtet rosa und ockerfarben wie ein Versprechen das putzige Menton, das früher einmal italienisch war, mit seinem Yachthafen, den Terrassen der Sternerestaurants, den Hotels für die Reichen. Für die Flüchtlinge ist das einfach nur Frankreich, das Ziel.

Man spielt hier, ganz oben an der Riviera, eine absurde, reale Ausgabe von "Mensch ärgere Dich nicht": Gerade, wenn das Ziel greifbar nahe ist, wenn es nur noch einen Fußmarsch entfernt ist, einen Sprint durch den engen Eisenbahntunnel, eine Schwimmeinlage der Küste entlang, eine kurze Fahrt im Kofferraum oder im Lieferwagen eines Schleppers - da werden die Flüchtlinge wieder "heimgeschickt", aufs Startfeld, an den Anfang.

Die Glücklichen landen wieder im "Campo Roja"

Die Glücklichen unter den Abgewiesenen kehren ins "Campo Roja" zurück, wo sie in klimatisierten Containern wohnen, je zu sechst. Im Lager können sie duschen und ihre Kleider waschen, telefonieren und essen. Man registriert sie hier nicht, schreibt nur ihre Namen auf. Dann versuchen sie es erneut. Immer wieder. Die aber, die weniger Glück haben, werden nach ihrer Rückkehr von der Grenze direkt mit Bussen in Lager in Süditalien gebracht und müssen sich wieder mühsam nach Norden durchschlagen, meist im Zug, rauf und runter.

"Manchmal", erzählt der Bürgermeister von Ventimiglia, Enrico Ioculano, "haben die Franzosen auch Minderjährige abgewiesen. Es ist empörend." Es könne doch nicht sein, dass Italien die Last der Flüchtlingskrise alleine trage, für ganz Europa. Ioculano ist 31 Jahre alt, einer der jüngsten Stadtpräsidenten Italiens - und schon müde nach zwei Amtsjahren.

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